„Der klassische Zirkus ist Vergangenheit"

Der Circ Bover, eine Institution auf der Insel, organisiert kommendes Wochenende in Alcúdia erstmals ein Festival. Es klingt vielversprechend

13.05.2016 | 09:51

„Seid ihr bereit?", will der junge Mann von seinem Publikum wissen. Mit seiner Baseballcap, dem glitzernden Hemd, der engen Hose und den Sneakern wirkt er wie ein Sprössling aus gutem Hause, der auf einer Bad-Taste-Party auf Hip-Hopper macht. Über die Lautsprecher läuft der Beat von „Jump Around" von House of Pain. Das Publikum, allesamt Vorschüler, kreischt begeistert. Dann nehmen der Moderator und seine Kollegen vom Circ Bover die Kinder auf eine Reise durch die Geschichte des Zirkus mit, lassen Steinzeitmenschen und Gladiatoren auftreten, Hofnarren und Clowns.

Der Zirkus aus Sineu ist eine Institution auf der Insel. Seit zehn Jahren produziert die Kompagnie Shows für Kinder ebenso wie für Erwachsene. Nun will die Gruppe um Gründer und Direktor Sebastià Jordà einen Schritt weiter gehen. Und veranstaltet mit Circaire vom 13. bis 15. Mai in Alcúdia das erste Zirkusfestival der Insel.

Herr Jordà, in der Show für die Vorschüler haben Sie auf unterhaltsame Weise die Geschichte des Zirkus nacherzählt. Wie sieht dessen Zukunft aus?
Man muss kein Zirkusexperte sein, um zu sehen, dass sich der Zirkus in den vergangenen Jahren rasant verändert hat. Der klassische Zirkus ist Vergangenheit, mit seinen Tieren, dem Dompteur und dem Zelt. Moderner Zirkus findet vielmehr auf der Straße und im Theater statt. Statt Trapez und ­klassischer Jonglage wird jetzt mehr nach neuen Ausdrucksformen gesucht. Alles ist viel experimenteller geworden, und der Zirkus vermischt sich mit anderen Diszi­plinen wie Theater oder Tanz.

Wie wirkt sich dieser Wandel auf Ihre Arbeit aus?
Bei unserem aktuellen Stück „Vincles" etwa kommen keine klassischen Elemente des Zirkus mehr vor. Stattdessen benutzen wir als einzige Requisite Bambusstäbe.

Ist der Kinderzirkus klassischer als der für Erwachsene?
Es gibt sicherlich eine Linie des zeitgenössischen Zirkus, die sich nur an Erwachsene richtet. Aber ich glaube nicht, dass moderner Zirkus und Kinder sich ausschließen. Natürlich achten wir darauf, die Show möglichst einfach zu gestalten, wenn wir ein Programm für Kinder ausrichten. Beim Spektakel „Descobreix es circ", das wir eben für die Vorschüler aufgeführt haben, versuchen wir, Kindern den aktuellen Zirkus nahezubringen.

Für Mitte Mai haben Sie das Festival „Circaire" ins Leben gerufen. Inwieweit ist der zeitgenössische Zirkus da vertreten?
Die meisten Shows werden aus dem Bereich des modernen Zirkus sein. Bisher gab es noch kein reines Zirkusfestival. Das ist unser Vorteil, denn wir müssen uns nicht zwischen vielen anderen Angeboten unsere Nische suchen. Und wenn wir uns die Mühe machen, so etwas aufzubauen, dann sollte es ein Festival sein, wie wir es uns vorstellen. Das heißt aber nicht, dass die Zielgruppe eingeschränkt wäre. Im Gegenteil. Wir haben darauf geachtet, dass alle Programme für jedes Alter geeignet sind.

Welche anderen Kriterien waren bei der Auswahl wichtig?
Ein zentrales Kriterium war, dass alle Shows aus einem künstlerisch-kreativen Prozess entstanden sein müssen. Beispielsweise: Ich könnte eine Show in einem Tag zusammenstellen, indem ich ein paar meiner Kollegen für eine Nummer anfrage und das ganze von einem Moderator präsentieren lasse. Das wollten wir nicht. Wir zeigen bei Circaire Stücke, in denen monatelange Arbeit steckt, wo man recherchiert und geprobt hat. Und dann war es uns auch wichtig, mallorquinischen Ensembles eine Plattform zu geben, auch wenn wir natürlich ein paar Gruppen vom Festland verpflichtet haben – darunter bekannte Namen wie das Ensem­ble Manolo Alcántara.

Wie ist es um die mallorquinische Zirkusszene bestellt?
Nicht sehr gut. Mallorca hat keine große Zirkustradition, und der Tourismus hat einen großen Einfluss. Zwar gibt es durch die Shows für Touristen Jobs, aber die Hote­liers wollen immer dieselben alten Nummern. Innovation schreckt die meisten ab. Deshalb leben viele Artisten davon, die üblichen Spektakel anzubieten und keine Zeit in die Entwicklung neuer Erzählformen zu investieren. Gerade aus diesem Grund wollten wir beim Festival diejenigen für ihren Einsatz belohnen, die es trotzdem versuchen.

Der Circ Bover ist in Sineu beheimatet. Warum gehen Sie mit dem Festival nach Alcúdia?
Weil die Gemeinde Alcúdia eine der wenigen ist, die in Kultur investiert. Auf Mallorca wird in diesem Bereich am meisten gespart. Wie alle Künstler haben auch wir die Erfahrung gemacht, dass die Gemeinden die Ersten sind, die den Preis runterhandeln wollen. Gleichzeitig werden Millionen Euro in Projekte gesteckt, die überhaupt keinen Nutzen für die Menschen haben. In Sineu gibt es seit einem Jahr eine neue Gemeindeverwaltung, die nach und nach Interesse zeigt, die Kultur auch hier ein wenig voranzutreiben. In Alcúdia haben wir unsere Ideen vorgestellt und sie waren begeistert. Also sind wir da hin.

Der Circ Bover organisiert zwar das Festival, tritt aber nicht selbst auf. Warum?
Wir haben uns bewusst zurückgehalten. Das liegt zum einen daran, dass die Organisation und Durchführung des Festivals genug Arbeit ist. Zum anderen erschien es uns nicht richtig, uns ins Rampenlicht zu drängen. Wir wollen unseren geladenen Gästen den Platz geben, den sie verdienen. Der Circ Bover ist aber anders in den Spektakeln vertreten. So haben freie Kompagniemitglieder eigene Stücke entwickelt, die wir für das Programm ausgesucht haben, etwa die Ensembles Boverins und Tiramillascirco.

Circaire, 13.–15.5., u.?a. am Passeig Maritim, im Auditori und der Plaça de la Rectoria, Eintritt gratis/5/10 Euro, Informationen unter Tel.: 971 897 185, www.circaire.com sowie in der nächsten MZ.

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