"Die Mallorquiner müssten sich erstmal selbst respektieren"

Karin Kammerich und ihre Tochter Susanna Moll über Mallorquiner, Sprache und den Tourismus, der alles verändert hat

12.08.2016 | 18:06

Im Sommer 1960 verliebten sich die deutsche Urlauberin Karin Kammerich und der mallorquinische Reise­leiter Josep Moll ineinander. Sie zogen nach Deutschland, Pep Moll (1934–2007) arbeitete als Dozent für Deutsch und Spanisch, leitete beim Bayerischen Rundfunk eine Sendung für spanische Auswanderer, das Paar bekam drei Töchter. 1977 kehrte die Familie zurück auf die Insel, wo es der Journalist, Autor („So sind wir Mallorquiner") und überzeugte Sozialist als Berufspolitiker bis zum Vizepräsidenten des Balearen-Parlaments brachte. Kammerich vertrat Mallorca währenddessen für das Tourismusministerium auf
Messen, arbeitete fürs deutsche Fernsehen und gab ihren Landsleuten Spanischunterricht. Wir trafen die heute 75-Jährige, die in Binissalem wohnt, zusammen mit ihrer ältesten Tochter Susanna Moll in einer Bar in Palma zum Interview. Die 51-Jährige war viele Jahre im vom Großvater – einem berühmten Sprachforscher – gegründeten Verlag Moll tätig, der 2014 Insolvenz anmelden musste, und trat schließlich in die politischen Fußstapfen des Vaters. Seit vergangenem Sommer sitzt sie für die PSOE im Stadtrat von Palma und ist Dezernentin für Bildung und Sport.

Wenn man den Lebenslauf von Ihrem Mann beziehungsweise Vater ansieht, hat man den Eindruck, dass er damals in Deutschland viel besser integriert war als die allermeisten Inseldeutschen es hier sind – woran lag das?
Moll: Ja, er war mit einer Deutschen verheiratet, er hatte deutsche Freunde und er hat sich sehr ­integriert. Er fühlte sich auch ein bisschen als Deutscher, mein Vater nahm sich von beiden Kulturen das Beste, egal ob Gastronomie oder Musik.
Kammerich: Und Sie dürfen eines nicht vergessen: Die Familie meines Mannes war immer schon mit der deutschen Sprache verbunden, bereits sein Vater hatte Deutsch­unterricht gegeben und Lehrbücher geschrieben. Mein Mann brachte sich Deutsch dann selbst bei, bevor er nach Deutschland ging. Er hatte immer schon eine besondere Vorliebe für Deutschland.
Moll: Er zog aus Liebe zu meiner Mutter nach Deutschland, und irgendwann kam er zurück – aus Liebe zu seiner Insel. Meine Mutter wollte lange Jahre nicht nach
Mallorca ziehen, aber eines Tages sagte sie: Du hast das für mich gemacht, also mache ich das jetzt für dich, bevor unsere Kinder zu groß sind und zu sehr entwurzelt würden.

Wie war das, als Sie mit 13 Jahren von München hierherkamen?
Moll: Meine Eltern sagten, entweder du bleibst zu Hause und wir suchen einen Privatlehrer, der dir Spanisch beibringt, oder du gehst in die Schule und lernst es da von deinen Mitschülern. Ich entschied mich für die Schule. Das war zwar am Anfang ziemlich schwer, in Literatur musste ich gleich im ersten Jahr Quevedo lesen (spanischer Barock-Schriftsteller, Anm. d. Red.), aber ich schlug mich durch. Und dann bekam ich so langsam mit, dass es auch noch eine andere Sprache gab: Mallorquinisch.

Der Schulunterricht lief damals noch auf Spanisch.
Moll:
Richtig. Ich bekam das deshalb auf dem Pausenhof mit und fragte irgendwann: Wieso redet ihr untereinander Mallorquinisch und mit mir plötzlich Spanisch? Und da sagten sie mir: Weil du Deutsche bist. Es galt quasi als schlecht erzogen, wenn man mit Leuten von außerhalb mallorquín oder catalán spricht. Den Mallorquinern wurde jahrelang eingebläut, dass ihre Sprache minderwertig ist und man mit Ausländern Spanisch sprechen muss. Dabei sollte man doch an dem, was einem so lieb und vertraut ist wie die eigene Muttersprache, auch andere teil­haben lassen.

Viele Ausländer fassen es ganz im Gegenteil als Affront auf, wenn die Mallorquiner nicht Spanisch mit ihnen sprechen.
Kammerich:
Da könnte ich die Krätze kriegen. Es gibt Deutsche, die können weder Spanisch noch Katalanisch, wollen aber, dass man Spanisch mit ihnen spricht, obwohl sie die Sprache gar nicht verstehen. Da krieg´ ich eine solche Wut. Und dann ist es ja auch so: Wenn ich auf dem Dorf einkaufen gehe, sprechen sie an der Kasse auf einmal Spanisch mit mir, nur weil ich dieses blöde ausländische Gesicht habe. Das macht mich auch richtig wütend. Bin ich denn weniger wert?

Und was passiert, wenn die Leute merken, dass Sie perfekt Mallorquinisch sprechen?
Kammerich:
Die sind einfach super dankbar. Ich habe viele Komplimente bekommen in meinem Leben, aber nie so viele und tolle wie für mein Katalanisch.
Moll: Sie finden es ganz toll, dass man sich anstrengt und ihre Sprache lernen will.

Liegt es vor allem an mangelnden Sprachkenntnissen, dass viele deutsche Residenten nicht wirklich integriert sind?
Moll:
Die Deutschen haben oftmals gar nicht die Notwendigkeit, die Sprache zu erlernen. Die leben untereinander, gehen in ihre Geschäfte oder Restaurants und werden auf Deutsch bedient. Viele kommen her, weil das Wetter schön ist, und sind vielleicht schon pensioniert und sagen: Warum soll ich mich anstrengen? Ich will schöne Jahre verleben, ohne was dazuzulernen, was ich gar nicht unbedingt brauche. Wobei es auch viele Deutsche gibt, die sich sehr wohl integrieren. Die, die auf den Dörfern leben, und nicht in diesen Gettos an der Küste, das sind ja richtige Kolonien.
Kammerich: Viele finden es überflüssig, auch noch Katalanisch zu lernen. Und was man immer wieder hört: Wir sind doch hier in Spanien! Die wollen gar nicht wahrhaben, dass wir hier unsere eigene Kultur und unsere eigene Sprache haben. Wenn sie Katalanisch nicht lernen wollen, habe ich nichts dagegen, das brauchen sie auch nicht, aber sie sollten es respektieren.
Moll: Das ist ein heikles Thema. Mein Vater setzte sich ja sehr für die Inselsprache ein, das kam schon von meinem Großvater her, und da gab es dann schon mal Diskussionen, etwa beim Abendessen mit deutschen Freunden. Auch mit Festlandspaniern kommt es oft zu Streitigkeiten. Ich sage dann immer: Ich bin ja nicht für die Unabhängigkeit, aber wenn es heißt, wir sind in Spanien, also müssen wir Spanisch sprechen, dann gebt Ihr mir damit Argumente, um eine Grenze zu ziehen. Das wäre die einzige Art und Weise, Katalanisch zu erhalten. Dabei will ich das gar nicht.

Macht es Mallorca den Deutschen, die sich danach sehnen, spätestens ihren Lebensabend hier zu verbringen, vielleicht zu leicht?
Moll:
Ich glaube, dass die Mallorquiner sich erst einmal selbst respektieren müssen, damit sie diesen Respekt auch von anderen verlangen können. Man kann nicht immer nur Zugeständnisse machen. Das Problem ist natürlich auch, dass wir sehr vom Tourismus abhängig sind. So wie Deutschland für die Industrie, ist Mallorca, sind die Küstenanrainer im Süden, für den Tourismus zuständig. Deswegen wollen die Leute sehr zuvorkommend sein und den Gästen alles erleichtern. Wir versuchen inzwischen, alles auf Spanisch und Katalanisch und Deutsch und Englisch und womöglich auch noch auf Russisch zu verlegen, Flugblätter und sonstige Informationen, alles fünfsprachig. In Berlin, da bin ich derzeit öfter, weil meine Tochter dort lebt, ist das anders. Die Deutschen sind da selbstbewusster, die sagen sich: Wenn die Leute herkommen, dann sollen sie eben sehen, wie sie zurechtkommen. Vielerorts stehen die Sachen nicht mal auf Englisch angeschrieben, und da gibt es auch keine Speisekarten auf Englisch oder Spanisch.

Frau Kammerich, wie hat der Tourismus die Insel verändert im Laufe der Jahrzehnte?
Kammerich:
Vor allem landschaftlich. Aber auch die Menschen, das war damals alles noch so jungfräulich. Jetzt ist alles ein bisschen wie Manhattan.
Moll: Das Wort balearización ist ja inzwischen international als Fachwort geläufig für das Verbauen eines Küstenabschnitts oder eines ehemaligen Paradieses.
Kammerich: Dieser ganze Straßenausbau war gut, aber es wurde ein bisschen übertrieben. Die isla de la calma (Insel der Ruhe) ist Vergangenheit. Als wir hergekommen sind, gab es noch die calmas de enero, die wirklich stillen Wintertage, aber die gibt´s nicht mehr. Es hat sich alles verändert, auch das Wetter.

Ist die Insel inzwischen an einem Punkt, wo man über Touristen-Limits nachdenken sollte?
Moll:
Auf alle Fälle. Man muss den ganzen Tourismus umdenken. Für die Urlauber selbst ist das ja auch nicht schön, wenn sie hierherkommen und sich überhaupt nicht mehr rühren können. Mir ist das vor fünf Jahren in Brügge aufgefallen, wo ich vor 25 Jahren schon mal war, da fragte mich jemand aus der Gruppe: Wann machen die denn hier zu? Da sagte ich: Die machen nicht zu, das ist eine Stadt, kein Themenpark. Das ist ein Punkt, wo wir nicht hinkommen sollten.
Kammerich: Die Leute sollten mehr über Qualität nachdenken statt über Quantität. Auch die Hoteliers. Die sind ja nur zufrieden, wenn jedes Jahr noch mehr Leute kommen. Aber das kann nicht gut gehen, das muss irgendwann explodieren.
Moll: Außerdem muss man bedenken, dass wir eine Insel sind, dass wir kein Wasser haben, dass sehr viel Müll anfällt, das sind alles P­robleme, mit denen Mallorca fertig­werden muss. Deshalb bin ich auch 100 Prozent für die Touristensteuer, die wenigstens dazu beitragen soll, dass wir das ein bisschen einschränken.

Könnten nicht auch die vielen vermögenden Ausländer, die zumindest einen Teil des Jahres auf Mallorca verbringen, einen Beitrag leisten zum Erhalt der Insel oder sich sozial engagieren?
Moll:
Das wäre natürlich schön. Aber leider ist das generell nicht so verbreitet. Auch die großen Hotel­besitzer stehen in der Schuld der Mallorquiner. Die bringen ihre Gewinne in die Dominikanische Republik, wo sie neue Hotels bauen statt der Insel etwas zurückzugeben und hier vor Ort zu investieren oder ihre Hotels zu verbessern. Wir brauchen den Tourismus, denn er schafft Arbeitsplätze, aber sie müssten besser bezahlt sein, damit alle profitieren und der Reichtum gerechter verteilt wird.

Beschreiben Sie uns doch zum Abschluss ein paar Eigen­arten der Mallorquiner!
Kammerich: Wenn man sich zum Beispiel zum Abendessen trifft und man versteht sich ganz toll, und dann heißt es: Ach, wir müssen uns unbedingt wiedersehen, aber da wird nichts festgemacht und man sieht sich vielleicht nach Jahren wieder. Das wäre in Deutschland anders.
Moll: Die Mallorquiner sagen gern ja nos veurem (wir sehen uns) und tanmateix (wie dem auch sei), das soll so viel heißen wie „das kann man eh nicht regeln".
Kammerich: Aber wenn man von den Mallorquinern einmal hereingelassen wird in ihre Gruppe, dann werden das echte Freundschaften. Sie sind freundlich, höflich, du kannst das letzte Hemd von ihnen haben. Nur Einladungen zu sich nach Hause fallen ihnen etwas schwer – was daran liegt, dass sie dir viel bieten wollen und meinen, sie können es nicht. Denn eigentlich sind die Mallorquiner sehr bescheiden. Und wenn ich zum Beispiel mit einem Mallorquiner Kaffee trinken gehe, werde ich immer eingeladen, ich musste noch nie selbst zahlen. Bei den Deutschen dagegen wird immer separat gezahlt.
Moll: Und da wird nicht einfach nur die Rechnung geteilt, da gibt es Leute, die tatsächlich nur das zahlen, was sie selbst hatten.
Kammerich: Sehen Sie, deswegen übernimmt meine Tochter jetzt auch die Rechnung, sie ist schließlich die Mallorquinerin von uns dreien.

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