"Im Prinzip geht jeder seine eigenen Wege"

Wolfgang Graf Pilati, 25 Jahre Chefreiseleiter der TUI, über Hotels mit Eiswänden und die Macken von Mallorquinern und Deutschen

12.08.2016 | 01:00

Wolfgang Graf Pilati kam 1971 nach Mallorca und war bis zu seiner Frühpensionierung 1997 als Balearen-Gebietsleiter für TUI tätig. Obwohl seine Verabschiedung in den Ruhestand von angeblichen Unregelmäßigkeiten bei früheren Vertragsabschlüssen überschattet war, genoss Pilati bei den Inselpolitikern hohes Ansehen – seine Verdienste um den Tourismus belohnte die Balearen-Regierung am Ende sogar mit einer Medaille. Der Insel ist der inzwischen 77-Jährige, der in Palmas Vorort Genova wohnt, treu geblieben. Und auch zum Tourismus hat der ehemalige Chefreiseleiter immer noch eine klare Meinung.

Sie sprachen schon vor Jahrzehnten von dem Qualitätstourismus, der nun allerorts beschworen wird. Wie ist es um die Qualität bestellt: Ist sie gesunken oder gestiegen?
Wir haben heute definitiv mehr Qualität als Anfang der 70er-Jahre, damals hatte Mallorca immer noch das Image der Putzfraueninsel. Das änderte sich im Laufe der Jahre, wozu ich wohl auch einen Teil beigetragen habe, da wir als erster Veranstalter auf Qualität und nicht so sehr auf Masse setzten. Zusammen mit dem damaligen Tourismusminister Jaume Cladera wurde der Begriff Qualitätstourismus immer weiter verbreitet. Hinzu kam, dass auch die Königsfamilie ihren Urlaub hier verbrachte und immer mehr prominente Politiker oder Schauspieler kamen, sodass sich das Mallorca-Bild deutlich geändert hat.

Heute stöhnen alle über die Partytouristen – haben sich die Urlauber damals besser benommen?
Den Sauftourismus an der Playa de Palma gab es damals natürlich nicht. Das fing an mit den Kegelclubs, die für drei oder vier Tage kamen, da entstanden dann immer mehr Bars und Restaurants. Und bedauerlicherweise wurde dieser Tourismus in der Presse hervorgehoben, während die anderen Schönheiten, die die Insel zu bieten hat, in den Hintergrund traten.

Die Klientel von früher war also angenehmer?
Danebenbenommen hat sich sicher nur ein kleiner Teil. Das Problem bestand damals vor allem in der Überbuchung, wodurch Gäste, die in ein Hostal oder Zwei-Sterne-Hotels sollten, in höhere Kategorien umgebucht wurden und in Ausnahmefällen sogar in Fünf-Sterne-Hotels landeten, wo sie nicht wussten, wie sie sich benehmen sollten, gar nicht die passende Kleidung hatten und mit der Luftmatratze im Swimmingpool badeten, was die anderen Gäste verärgerte. Aber im Prinzip würde ich sagen, dass es einen positiven Wandel vom damaligen Normalurlauber zu einem sehr zielbewussten Feriengast gegeben hat.

Sie waren dabei, als 1990 die ersten Urlauber aus der ehemaligen DDR auf Einladung der
mallorquinischen Hoteliers auf die Insel kamen. Verhielten die sich anders als die Westdeutschen?

Abgesehen von der großen Dankbarkeit wussten die natürlich nicht, sich den Gegebenheiten anzupassen. Die überluden am Buffet die Teller, sprachen keine Fremdsprache und hatten Verständigungsschwierigkeiten. Als sie zu Ausflügen eingeladen waren, gab es Kämpfe um die Plätze im Bus. Da war damals ein sehr großer Unterschied zu den Westdeutschen festzustellen. Aber das hat sich längst eingependelt, den merkt man inzwischen nicht mehr.

Haben sich die Sprachkenntnisse der Urlauber verbessert? Bemühen sich die Leute, ein paar Wörter Spanisch zu sprechen?
Die Urlauber haben kaum mehr Verständigungsschwierigkeiten, da heutzutage die meisten Angestellten in den Hotels Deutsch sprechen oder verstehen.

Hat der Tourismus die Mallorquiner verändert oder gar verdorben?
Es gab gewiss einen Wandel. Die Freizügigkeit an den Stränden etwa war damals überhaupt nicht vorstellbar, die Spanier rümpften die Nase, wenn sie Damen im Bikini oder oben ohne sahen. Auch der Habitus der Spanier in den Dörfern hat sich geändert. Inzwischen gibt es da alle möglichen gastronomischen Angebote, früher gab es zum Frühstück café con leche und Ensaimada, heute finden Sie auch Spiegeleier und Brezel – worüber die ältere Generation durchaus erstaunt ist. Wobei die Mallorquiner ja mehr unter sich bleiben und keinen großen Anschluss an die Urlauber suchen. Mallorcas Vorteil – auch wenn den viele als Nachteil sehen – ist die Konzentration des Tourismus auf bestimmte Orte wie Playa de Palma, Magaluf, Cala Ratjada, Cala Millor. Über 70 Prozent der mallorquinischen Küste sind deshalb noch nicht besiedelt und bebaut. Und früher, als es noch keine agroturismos und Landhotels gab, haben die Mallorquiner im Insel­inneren kaum Veränderungen durch den Tourismus wahrgenommen. Das ist heute natürlich anders. Autovermietungen und Ferienwohnungen haben dazu beigetragen, dass auch die Verhaltensweisen der älteren Mallorquiner sich geändert haben.

Ein Beispiel?
Ich hatte in den 70er-Jahren eine Finca in Sencelles. Wenn Sie da in die Bar gegangen sind, dann lagen vor dem Tresen Zigarettenkippen und Zuckerpapier herum, Registrierkassen gab es nicht, und umso dreckiger der Boden war, desto besser war der Umsatz – heute einfach unvorstellbar. Und auch wenn sich der Lebensstil der älteren Mallorquiner nicht unbedingt sehr verändert hat, akzeptieren sie natürlich die Modernisierung und die wirtschaftliche Verbesserung, die der Tourismus gebracht hat. Denn ohne Tourismus hätte die Insel nie diesen Wohlstand erreicht, den sie heute hat. Der Bauboom der Hotelindustrie führte ja auch zur Ansiedlung der Supermärkte und des Großhandels, wodurch weitere Arbeitsplätze entstanden.

Jetzt stehen all die Bettenburgen, aber wer ist schuld: die Mallorquiner oder doch eher Neckermann und TUI?
Die Reiseveranstalter haben sicher einen Teil dazu beigetragen, weil die Nachfrage nach Mallorca als Reiseziel enorm hoch war und von Jahr zu Jahr stieg. Wir haben den Hote­liers deshalb teils Zinsdarlehen gewährt, teils zinslos, um die Hotels zu bauen, und haben nicht auf die Architektur und den Baustil geachtet. Da wurden wirklich Fehler gemacht und Kästen hochgezogen, speziell in Magaluf und Palmanova. Da sind wir durchaus mitverantwortlich.

Lässt sich das nachträglich tatsächlich noch korrigieren, wie nun versucht wird?
Die Hotels machen nun aus Zwei- und Drei-Sterne-Häusern Drei-und Vier-Sterne-Häuser, das halte ich im Grunde für richtig. Aber von der Baustruktur her bleiben das die gleichen Hotels. Die Wasserhähne zu wechseln, die Betten anders zu stellen oder das Buffet zu ändern, macht noch lange kein Vier-Sterne-Hotel. Im Vergleich mit anderen Ländern oder Zielgebieten ist die Hotellerie auf Mallorca überall tot.

Was müsste also geschehen?
Das Problem ist, dass die Rentabilität der Hotels hier nicht so hoch ist wie auf den Kanaren oder in Mexiko und die großen Ketten mit wenigen Ausnahmen nicht mehr investieren können, vor allem nicht in Neubauten. Hier fehlen die Motivhotels, die man in der Türkei jetzt überall findet, mit Freizeitparks oder Schwimmlandschaften. Dort gibt es sogar eines, wo die Räume von innen mit Eiswänden ausgestattet sind wie bei den Lappen. Hier haben die Hotels auch flächenmäßig nicht die Möglichkeit für solche Angebote –
und das ist ein großer Nachteil.

Hotels mit Eiswänden und riesige Anlagen auf einer Insel mit begrenzten Ressourcen. Im Ernst?
Das ist alles eine Frage des Blickwinkels. Wenn Sie das unter dem Aspekt des Umweltbewusstseins betrachten und vor dem Hintergrund der Wasserknappheit, ist das ein Problem. Aber wenn man versucht, sich der Nachfrage und dem, was die Kunden suchen und wollen, anzupassen, muss man gewisse Zugeständnisse machen. Und vielleicht mehr Entsalzungsanlagen bauen, um das Wasserproblem zu lösen. Auch für den Wintertourismus, den die Mallorquiner seit Jahrzehnten etablieren wollen, gibt es einfach nicht das Angebot. Da muss man eben Kompromisse eingehen.

Sei den Einheimischen im Winter nicht ein bisschen Ruhe vergönnt?
Die Mallorquiner genießen die ruhige Zeit und viele Festland­spanier, die hier tätig sind, kehren zurück in ihre Heimatorte. Das ist natürlich angenehm, nur im Sommer zu arbeiten. Vielen ist das ja viel lieber, die haben gar kein Interesse an einer Festanstellung. Ein mallorquinischer Hotelier, der vor 15 Jahren in Andalusien fünf Hotels gebaut hat, bot den Angestellten an, das Hotel im Winter zu öffnen. Aber das war nicht möglich, der hat keine Arbeitskräfte gefunden, weil nur ganz wenige an einem Jahresvertrag interessiert waren. Da hat sich vielleicht geändert, aber das größte Problem sind nach wie vor diejenigen Spanier, die im Winter lieber Arbeitslosengeld beziehen.

Gab es im Verhältnis zwischen Deutschen und Mallorquinern Höhen und Tiefen?
Ich denke, dass der deutsche Urlauber im Allgemeinen wenig interessiert ist, Kontakt zu Mallorquinern zu bekommen. Was die Residenten anbelangt, hat sich da ein gutes Zusammenleben etabliert, obwohl auch viele unserer Landsleute sich abschotten und sich nicht bemühen, Spanisch zu lernen. Ich weiß nicht, wie die Mallorquiner darauf reagieren, aber ich habe nie Klagen gehört, dass die Ausländer sie nicht verstehen. Früher wurde mit Händen und Füßen kommuniziert. Heute spricht die spanische Jugend ja
Fremdsprachen, zumindest ein bisschen Englisch, sodass es da keine Probleme gibt. Ich denke, das Verhältnis zwischen Mallorquinern und Deutschen – und auch zu anderen Nationalitäten – ist gut. Wobei: Im Prinzip geht jeder seine eigenen Wege, die Deutschen sind in ihrer Clique, man spricht ja nicht umsonst vom Hamburger Hügel oder vom Düsseldorfer Eck in Andratx. Und die Mallorquiner sind eh recht verschlossen. Bevor die ihr Herz öffnen oder Vertrauen fassen, dauert es etwas länger, und dazu muss man schon etwas beitragen. Ich habe mich immer bemüht, in erster Linie zu spanischen Freunden Kontakt zu suchen, weil das natürlich für mich als Person, aber auch als Reiseveranstalter damals Vorteile hatte.

Was nervt Sie nach 45 Jahren auf der Insel immer noch an den Mallorquinern?
Mañana, mañana war da früher das Schlagwort. Wenn man sich verabredet hatte, konnte man davon ausgehen, dass die Spanier nie pünktlich waren. Das hat sich zwar gebessert, aber so 100-prozentig klappt es immer noch nicht, und das ärgert mich manchmal schon, dass man eine gewisse Wartezeit einkalkulieren muss. An den Jugendlichen stört mich manchmal, dass sie sehr laut sind, die Spanier haben generell ein lauteres Organ. Und dann läuft ständig irgendwo Musik oder das Fernsehen, obwohl keiner hinguckt. Ansonsten habe ich persönlich eigentlich nichts auszusetzen. Ich habe hervorragende Kontakte, bin integriert, auch wenn es etwas länger dauert, Freundschaften zu schließen. Das hat aber auch mit der Insellage zu tun, Inselbewohner sind besonders zurückhaltend.

Und was nervte Sie am meisten an den deutschen Urlaubern?
Die Reklamationsfreudigkeit, ohne Gründe dafür zu haben. Manchmal haben Leute bewusst nach kleinen Abweichungen oder Fehlern gesucht, um daraus Kapital zu schlagen. Es gab natürlich auch Beschwerden, die berechtigt waren, aber die Mehrzahl war an den Haaren herbeigezogen. Das hat mich manchmal schon sehr genervt.

auf Twitter teilen
auf Facebook teilen


Leben

TaPalma: Kleine Häppchen kommen ganz groß raus.
Leckere Neuigkeiten auf der TaPalma 2016

Leckere Neuigkeiten auf der TaPalma 2016

Dieses Jahr auch mit Cocktail-Route. Die Besucher stimmen über die Siegerhäppchen mit einer...

Waggon zu besichtigen: So sah Palmas Straßenbahn aus

Waggon zu besichtigen: So sah Palmas Straßenbahn aus

Die ausrangierte Straßenbahn steht noch bis Ende Januar im Kulturzentrum La Misericòrdia

Pollenças Kreuzwegkapelle erstrahlt in neuem Glanz

Über den Sommer wurden das Dach repariert und die Fassade restauriert

Unterwäsche-Lauf in Bunyola: Freibier, Selbstironie und ganz wenig Scham

Großer Ansturm bei der "Correguda en Roba Interior" am Samstag (17.9.)

MZ-Fotowettbewerb ´Mallorca und das Meer´ - das sind die Gewinner!

So unbeschwert ist es nur an der Küste: Mehr als tausend Fotos sind eingegangen

Gastromarkt San Juan steigt bei TaPalma 2016 ein

Gastromarkt San Juan steigt bei TaPalma 2016 ein

Zwölf Restaurants im ehemaligen Schlachthof s'Escorxador organisieren eigene Tapas-Route

Empfohlene Links: Inselradio 95,8 | Mallorca mal 365 |