Echte Schätze oder doch nur Plunder?

Ein inzwischen verstorbener Funktechniker trug in Palma eine gewaltige Sammlung an Radios und alten Geräten zusammen. Seine Familie hofft nun auf die Museen. Die aber winken ab

14.10.2016 | 12:07

Es ist ein Schwall feuchtwarmer Luft, der einem entgegenschlägt. Ein wenig modrig, fast wie im Urwald. Auf mehr als 100 Quadratmetern reiht sich hier auf den Regalen ein Radio ans andere. Sie lagern in einer schummerigen ehemaligen Erdgeschosswohnung in Palma. Es sind mehrere Volksempfänger aus der Nazizeit darunter, vielfarbige Telefunken-Kofferradios aus den 50er-Jahren und eine große Zahl sogenannter radios capilla – spitz zulaufende Radios aus den 20er- und 30er-Jahren. „Und alle Geräte funk­tionieren noch heute", sagt Carlos ­Muñoz, der die Räume des denkmalgeschützten Mehrfamilienhauses aus den 40er-Jahren für das MZ-Team mit zwei Schlüsseln aufgeschlossen hat.

Außerdem findet sich hier an der Plaça Es Fortí noch allerhand mehr: Antennen, Filmvorführgeräte unterschiedlichster Größen und Kopfhörer. Und Telefone aus allen möglichen Epochen, darunter dem Zweiten Weltkrieg und dem Korea-Konflikt. Nicht zu vergessen auch die Grammophone aus den 20er-Jahren und noch davor mit ­ihren ­überdimensionierten trichter­förmigen Ton-Verstärkern

Made by Thomas A. Edison
Carlos Muñoz ist der Schwiegersohn des im vergangenen Juni im Alter von 85 Jahren verstorbenen Sammlers Pablo Marqués, der die Geräte seit den 40er-Jahren zusammengetragen hatte. Es sind mehr als 4.000 an der Zahl, und etwa 250 von ihnen sind schützenwenswert, so ein Gutachten der Balearen-Universität. Dazu gehört auch das älteste Stück der Sammlung: ein Grammophon von 1890, das in der Firma von US-Erfinder Thomas Alva Edison gefertigt wurde.

Wir rödeln am Hebel eines anderen Grammophons, und aus dem Trichter entfleucht fröhlich-jaulende amerikanische Tanzmusik aus den 20er-Jahren. Sie klingt auf ulkige Weise verzerrt. „Das Problem ist, dass wir in Spanien seit Jahren kein Museum und keine Universität finden, die die ­Sammlung übernehmen will", sagt Carlos Muñoz, der seinen spanischen Redefluss bisweilen mit deutschen Sätzen unterbricht. Er
arbeitete 20 Jahre als Designer von Küchenmöbeln in Berlin und lebt seit 17 Jahren wieder in der Heimat.

Carlos Muñoz ist Ehemann einer von Marqués´ Töchtern, Luisa. Deren Schwester Jerónima lebt zwei Stockwerke über der Sammlung in einer unter anderem mit vielen riesigen Gemälden voll gehängten Wohnung. „Wir haben auch schon bei sämtlichen führenden Politikern auf Mallorca vorgesprochen – alle sind immer ganz begeistert und versprechen ein großes Museum, aber nichts passiert", sagt Jerónima Marqués. Die Familie geht davon aus, dass die Sammlung die größte dieser Art in Spanien sein könnte. Ob das stimmt, ist schwer nachzuprüfen. Frank Gnegel, Sammlungsexperte des Museums für Kommunikation in Frankfurt am Main, bezeichnet sie aber „auch für deutsche Verhältnisse als außergewöhnlich groß".

Zugleich kann Gnegel gut nachvollziehen, dass sich die Museen nicht darauf stürzten. „Das liegt daran, dass eine solche Sammlung in der Regel aus vielen relativ wertlosen Stücken und Doubletten besteht, die sich keiner ans Bein binden möchte." Aus den 50er-Jahren sei derzeit „nur etwas Ausgefallenes" von Belang, alles andere müsse eher als Plunder bezeichnet werden. „Ein Röhrenempfänger aus dieser Zeit ist nicht mehr als 20 Euro wert."

Die Walkmen von früher
Ohnehin sterbe die Generation der Besitzer solcher 50er-Jahre-Apparate „langsam aus", was zur Folge habe, dass es auf dem Markt „tendenziell ein Überangebot gibt". Menschen neigten dazu, immer Gegenstände „aus ihrer Jugendzeit" zu sammeln, also unter den jetzt um die 50-Jährigen etwa Walkmen von Sony aus den Anfangs-Achtzigern oder Kassettenrekorder.

Gnegel versteht die Zurückhaltung der spanischen Museen auch deswegen, weil die Sammlung von Pablo Marqués ausgesprochen international angelegt ist. „Für ein Museum ist aber der Wiedererkennungswert wichtig, und deswegen dürften für ein Museum in Spanien deutsche Volksempfänger kaum interessant sein." Sollte ein ausländisches Stück für eine Ausstellung benötigt werden, „kann das jederzeit überall auf der Welt preisgünstig ausgeliehen werden – das ist gängige Praxis".

Interessant seien lediglich einzelne Stücke, die gefunden würden, wenn die Sammlung „zerpflückt" werde. Angesichts all dessen ist eine solch voluminöse Sammlung weniger ein wertvoller Schatz als „ein Problem für die Erben", wie es Frank Gnegel ausdrückt.

Was Carlos Muñoz und seine Schwägerin Jerónima Marqués durchaus auch so sehen. Doch die Hoffnung auf ein gnädiges Museum stirbt zuletzt. Mit ­Wehmut blicken sie auf das, was ihr Vater emsig zusammentrug – neben den vielen Radios auch Ersatzteile für deren Reparatur, denn Marqués bemühte sich zeit seines Lebens darum, die vielen Geräte so gut wie möglich in Schuss zu halten. Deswegen hortete er auch Fachzeitschriften aus den 30er-Jahren.

Am Anfang stand Philco
„Das Interesse für die Welt der Radios erwachte in meinem Vater im Jahr 1939, als er bei seinen Eltern und meinen Großeltern in Binissalem einen Apparat der japanischen Firma Philco aus Wurzelholz entdeckte", so die Tochter. „Er hörte als Kind keine Musik, aber so ziemlich jede andere Sendung, vor allem Nachrichten." Und so erwachte in ihm der kreative Drang: Bereits als neunjähriger Dreikäsehoch zimmerte er seinen ersten funktionstüchtigen Radioapparat mit Holzverschalung zusammen. Die Lust am Erfinden blieb: „Er erfand unter anderem ein Dampfradio und ein Gerät, das völlig ohne Strom nur mit Radiowellen funktionierte", sagt Carlos Muñoz.

Pablo Marqués war halt nicht nur ein Sammler, sondern auch so etwas wie ein mallorquinischer Daniel Düsentrieb. Der seine Leidenschaft darüber hinaus zum Beruf machte und sich zum Funktechniker ausbilden ließ. Das Gründungsmitglied der „URE", der 1949 ins Leben gerufenen „Unión de Radioaficionados de España" (Vereinigung der spanischen Funkamateure) war in aller Welt bei Rettungsaktionen ein gefragter Mann – etwa nach Erdbeben wie einmal in Kolumbien. Oder bei der Suche nach einem verloren gegangenen Wanderer im dünn besiedelten US-Staat Nebraska. Dank der Funker-Qualitäten von Pablo Marqués konnte der Wanderer aufgespürt werden, und der Gouverneur von Nebraska erklärte den Spanier daraufhin feierlich zum „vorbildlichen Bürger". Marqués half auch wiederholt dabei, in Not geratene Seefahrer mit Rettungskräften in Verbindung zu setzen.

Jerónima Marqués zeigt auf einige besonders schöne alte Plattenspieler. „So ein Grammopohn kommt schon gut rüber, wenn man die passende Einrichtung hat." Die beiden sind brennend auch an deutschen Radio- und Technikfans interessiert. Wer sich die Sammlung anschauen oder gar etwas kaufen möchte, kann sich mit der Familie unter der Telefonnummer 636-46 27 57 in Verbindung setzen. Preise sind dabei selbstredend Verhandlungssache.

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