Auf der Flucht vor Francos Schergen: Überleben in den Höhlen der Tramuntana

Honorat und Jaume Trias, Vater und Sohn, verbargen sich ab 1936 über 13 Jahre in den Bergen. Jetzt bekommen sie ein Denkmal

07.04.2017 | 10:53

Es war am 28. Juli 1936, gerade einmal zwei Wochen nachdem sich General Francisco Franco gegen die Zweite Republik erhoben hatte, als Honorat Trias und sein Sohn Jaume die Flucht ergriffen. Sie waren vorgewarnt: Die Putschisten hatten auf Mallorca sofort die Macht ergriffen, und schon am 19. Juli, zwei Tag nach Beginn des Aufstandes, waren in ihrem Heimatort Santa Maria Militärs vorgefahren, die das Parteilokal der Sozialisten verwüsteten und den Jungsozialisten Jaume dazu zwangen, eine erst kürzlich angebrachte Inschrift wieder von der Fassade zu entfernen.

An jenem 28. Juli begannen dann die Festnahmen im Dorf. Jaume hatte bei einer Dresche auf dem Anwesen Son Torrelló übernachtet, wo die Familie ein Stück Land besaß; sein Vater aber war zu Hause und hörte einen Wagen vorfahren. Es waren Falangisten. Sie fragten nach ihm. Honorat versteckte sich.

Noch am selben Tag beschlossen Vater und Sohn, sich in die Berge zu schlagen. „Wir hatten weder eine genaue Idee davon, wo wir hingehen sollten, noch wie lange wir uns versteckt wollten. Wir gingen von ein paar Tagen aus, bis das Schlimmste vorbei war", berichtete Jaume Trias 1981 dem Historiker Mateu Morro.

Doch aus den „paar Tagen" wurden 13 Jahre und fünf Monate.

Honorat und Jaume Trias, beides einfache Landarbeiter, versteckten sich bis 1949 vor allem in den Wäldern Bunyolas und Alarós. Sie kannten dort jeden verborgenen Pfad und jeden möglichen Unterschlupf, vor allem aber Menschen, die bereit waren, ihnen zu helfen, auch auf die Gefahr hin, denunziert zu werden.

Sowohl der Geflüchteten als auch ihren Helfern wird an diesem Samstag (8.4.) in Baix des Puig gedacht. Der kleine Weiler an den Gemeindegrenzen zwischen Santa Maria, Bunyola und Marratxí war eine wichtige Anlaufstelle für die „Norats", wie die beiden Geflüchteten in Anlehnung an den Namen des Vaters bald genannt wurden. In Baix des Puig erinnert in Zukunft ein fast mannshoher Findling an die Standfestigkeit der beiden Männer.

Es ist nicht so, dass sie nicht gesucht wurden. Besonders in den Anfangsjahren veranstalteten Falangisten und sonstige Schergen des Regimes immer wieder regelrechte Treibjagden auf die in den Bergen untergetauchten „Vaterlandsverräter". Die Norats aber erwiesen sich stets als schneller, besser informiert und vor allem ortskundiger als ihre Häscher. Sie entwischten immer wieder, wenn auch manchmal nur knapp, wie an jenem Tag, als sie sich in die Krone eines Johannisbrotbaumes­ flüchteten und den Beamten der Guardia Civil sogar auf den Kopf hätten spucken können.

Vor ihrer Flucht hatte sich Honorat Trias als Karrenführer verdingt, sein Sohn als Steinmetz, wirklich vertraut mit dem Leben in den Bergen aber waren sie nicht. „Am Anfang war es schwierig zurechtzukommen", erzählte Jaume Trias in dem von Mateu Morro und weiteren jungen Historikern 1981 geführten Interview. „Wir mussten etwas zu essen auftreiben, schauen, wo wir schlafen und wem wir vertrauen konnten, doch nach und nach organisierten wir uns, es wurde besser und der Hunger ließ nach."

Der Wald wurde zu ihrem Zuhause. Die Norats übernachteten meist in nur schwer zugänglichen, hoch oben in den Bergen gelegenen Höhlen, und sie blieben nie über längere Zeit an einem Ort. Über ihr „Operationsgebiet" – die Täler von Bunyola und Alaró – zogen sie, wenn nötig, auch mal bis zum Puig de Galatzó in der Gemeinde Calvià oder zum Puig Tomir bei Lluc.

Die Tramuntana war damals noch weit davon entfernt, inselfremden Wandersleuten als Eldorado zu dienen. Auf den zahlreichen Pfaden und Wegen waren Köhler und Kalkbrenner, Holzsammler und Jäger, Pilzsucher und Landarbeiter unterwegs. Begegnungen waren da unvermeidlich. Viele dieser Menschen halfen den Geflüchteten, oder deckten sie zumindest. Bestand hingegen Grund dazu, eine Denunziation zu fürchten, zogen die Norats einfach weiter in eine andere Gegend.

Ein Netz von Unterstützern in den Weilern und Dörfern, ja selbst in Palma, sorgte für Nahrung, Kleidung, Werkzeug. Da wurde hier Brot und Sobrassada, dort eine Botschaft hinterlassen. Etwa ob die Geflüchteten nicht im Hühnerstall „vorbeischauen" und „unbemerkt" ein Tier mitnehmen wollten. Was darüber hinaus fehlte, nahmen sich die Norats auch so: Gemüse von den Feldern, hin und wieder ein Lamm, das dann an den gut verborgenen Feuerstellen zubereitet wurde. Das Überleben in der Natur sei so schwer gar nicht gewesen, sollte Jaume Trias später berichten.

Was nicht heißen soll, dass die Norats nicht auch immer wieder ans Aufgeben dachten. Der Sohn träumte vom Leben in Palma und war in den 13 Jahren sogar ein paar Mal dort. Der Vater sehnte sich nach seiner Tochter – einer Halbschwester von Jaume – und nach seiner Frau, die mittlerweile mit einem anderen Mann zusammen war. Doch immer wenn der eine schwächelte, baute ihn der andere wieder auf. Sich zu stellen, so fürchteten sie, hätte den sicheren Tod bedeutet.

Und so zogen sie weiter durch die Wälder, der eine immer mit Sicherheitsabstand zum anderen und bewaffnet mit den Schrotflinten, Jagdgewehren und Revolvern, die ihnen Unterstützer über die Jahre hinweg hatten zukommen lassen. Wobei die Norats, anders als die anderswo in Spanien agierenden makis, keinen aktiven Widerstand leisteten, also nicht angriffen. Sie waren keine Guerilleros, sie waren
Flüchtlinge.

„Ihre Geschichte ist die einer Flucht, die nach und nach zu einem verzweifelten Warten wurde", schreibt der Lokalhistoriker Mateu Morro in einem Aufsatz. Die anfängliche Hoffnung, dass mit Ende des Zweiten Weltkriegs auch die Demokratie in Spanien Einzug halten würde, erfüllte sich nicht. Schließlich gelang es dem mittlerweile 33-jährigen Jaume, den 58-jährigen Vater davon zu überzeugen, erneut die Flucht nach vorn anzutreten und Mallorca den Rücken zu kehren. Ein erster Versuch scheiterte, der zweite klappte: Im Dezember 1949 legten sie von Arenal mit einem von Helfern organisierten Boot ab, das sie nach Algerien brachte.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten als Gestrandete ohne Papiere konnten die Norats dort mit der Unterstützung anderer Bürgerkriegsflüchtlinge ein Auskommen finden. Sie arbeiteten zunächst in der Landwirtschaft, dann auf dem Bau. Die neu errungene Freiheit fand mit der Heirat Jaumes mit einer jungen Frau aus Ibiza ihren Höhepunkt.

Anfang der 60er-Jahre zwang der algerische Befreiungskrieg und seine Unruhen die Norats erneut dazu, den Standort zu wechseln und das in Algerien aufgebaute Leben hinter sich zu lassen. Vater und Sohn übersiedelten nach Santa Eulària des Rio auf Ibiza, wo sie einen kleinen Laden für Lebensmittel betrieben. Dank französischen Ausweisen und der Anbindung an die Familie der Frau ließ man sie in Ruhe. Die harte Zeit der Repression war vorbei, Honorat Trias starb im Jahr 1981 im Alter von 90 Jahren auf Ibiza.

Sein Sohn sollte in den folgenden Jahren noch häufig nach Mallorca kommen – und dort auch auf den einen oder anderen seiner Verfolger stoßen. Jaume Trias aber hatte längst seinen Frieden gemacht. In einem Brief anlässlich der öffentlichen Ehrung der Norats in Santa Maria 1982 schrieb er: „Einen brüderlichen Gruß von Jaume Trias an sein viel geliebtes Dorf Santa Maria. Nach all den Jahren der erzwungenen Abwesenheit möchte ich meine große Dankbarkeit all denen aussprechen, die dazu beitrugen, dass diese Ehrung heute überhaupt möglich ist (...) Unser Wunsch war Wohlstand für alle, Freiheit und Gerechtigkeit und eine demokratische Gesellschaft. Ich umarme euch alle."

Seit dem Tod von Jaume Trias – er verstarb 2003 im Alter von 87 Jahren ebenfalls in Santa Eulària – war die Geschichte der Norats ein wenig in Vergessenheit geraten. Dank der Bücher und Aufsätze von Mateu Morro und weiterer Lokalhistoriker wie Martí Canyelles sowie eines kürzlich ausgestrahlten Films im Regionalfernsehen IB3 hat sich das mittlerweile geändert. Wenn irgendwer ein Denkmal wie das in Baix des Puig verdient hat, dann sie – sie und die Menschen, die ihnen halfen.

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