Schmökern im deutschen Antiquariat auf Mallorca

Goethe und Schiller im Inselosten: In Artà hat Maria Christoph das "Insel-Antiquariat" eröffnet. In Wohnzimmer-Atmosphäre findet sich hier so mancher Schatz

29.06.2017 | 18:12
Maria Christoph in ihrem Antiquariat in Artà im Nordosten von Mallorca

Es ist, als betrete man eine andere Welt, wenn man durch die Glastür des Insel-Antiquariats in Artà im Nordosten von Mallorca schreitet: von der staubigen, durch die spanische Sonne aufgeheizte Straße mitten in ein wohltemperiertes Wohnzimmer voll von deutschen Klassikern, fein einsortiert in zahlreichen Bücherregalen. Es ist ruhig hier drin, und gemütlich.

Antik anmutende Sessel, kleine Tischchen und verschnörkelte Leselampen zieren den schlauchförmigen Raum und laden zum Schmökern ein, auf dem hellen Fliesenboden sind Perserteppiche ausgelegt. Ein bisschen wie bei Großmutter.

„Es soll bewusst familiär sein und Wohnzimmer-Atmosphäre vermitteln", sagt Besitzerin Maria Christoph nicht ohne Stolz. Die 63-Jährige ist gelernte Handbuchbinderin. „Aber ich habe den Beruf schon lange nicht mehr ausgeübt", erzählt sie. Stattdessen war sie in den vergangenen 31 Jahren auf Mallorca in der Finca-Verwaltung tätig. Doch ihre Leidenschaft für Bücher hörte nie auf. „Wir lesen beide sehr gerne", erzählt auch ihr Lebensgefährte Wolfgang Marstall. Vor etwa 15 Jahren begannen die beiden damit, Bücher zu sammeln. „Es war ein Hobby, wir machten es nebenbei und lagerten sie in unserem Keller in Colònia de Sant Pere." Mittlerweile ist daraus eine rund 10.000 Exemplare umfassende Sammlung geworden.

„Es war unser gemeinsamer Traum, mal ein eigenes Antiquariat zu haben", so Maria Christoph. Am 1. April 2017 machte sie ihn wahr und eröffnete in Artàs Calle de los Roques das „Insel-Antiquariat" – das erste Antiquariat auf Mallorca mit überwiegend deutschen Büchern. „Eigentlich hatten wir überlegt, von Colònia de Sant Pere weg und nach Palma zu ziehen, um den Laden dort aufzumachen", berichtet Wolfgang Marstall. Doch die Mieten für Ladenlokale dort seien einfach zu teuer gewesen. „Und als wir die Räumlichkeiten hier sahen, waren wir überzeugt."

„Auf der schönsten Insel der Welt die schönste aller Buchreihen", lautet das Motto des Ladens. Das Wort „Insel" hat hier eine doppelte Bedeutung: „Wir haben den Namen vorwiegend nicht wegen Mallorca ausgesucht, sondern weil unser Sammelgebiet schwerpunktmäßig Exemplare der seit 1912 bestehenden Buchreihe 'Insel-Bücherei' umfasst", so Maria Christoph und deutet auf die Bücher im handlichen 8-x-12-Zentimeter-Format, die die Mehrheit der Regale füllen. „Sie wurden alle vom in Leipzig entstandenen Insel Verlag veröffentlicht und sind durchnummeriert", so Wolfgang Marstall. Viele Klassiker sind darunter. Goethe, Schiller, Rilke. „Besonders gefragt sind derzeit Franz Kafka und Thomas Mann."

Der Wert der Bücher ist ganz unterschiedlich. Manche sind schon für einen Euro zu haben, doch vor allem jene, die im Ersten Weltkrieg herauskamen, sind rar und daher um so kostbarer. "Das teuerste Buch, das wir hier verkaufen, ist rund 1800 Euro wert", so Wolfgang Marstall. Dabei handelt es sich jedoch nicht um ein Buch aus der „Insel-Bücherei"-Sammlung, sondern um ein besonderes Exlibris-
Exemplar aus dem Jahr 1900 über den französischen König Louis XV. Es ist eines von vielen dekorativen Klassikerausgaben, die im Insel-Antiquariat zu finden sind. Besonders hervor sticht auch ein Nachdruck des Harmonica-Macrocosmica-Atlas' aus dem Jahr 1660. „Jede Seite und der Einband sind verziert mit Blattgold. Das Original steht in einem Museum."

Auch eine bunte Sammlung Kinderbücher, die auf einem niedrigen Bücherregal ausgelegt ist, erregt die Aufmerksamkeit: 15 verschiedene Ausgaben von Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter" haben Maria Christoph und Wolfgang Marstall hier ausgestellt. „Auch die sind zu verkaufen, klar."

„Das älteste Buch, das wir führen, stammt aus dem Jahr 1688", berichtet Maria Christoph und zieht einen auf Lateinisch verfassten Wälzer aus dem Regal. „Blindgeprägter Schweinsledereinband mit Originalschließung, verfasst von einem Theologen", sagt sie mit funkelnden Augen.

Doch auch die Buchbinderin weiß: So historisch und zeitgeschichtlich wertvoll viele der Bücher im „Insel-Antiquariat" auch sein mögen – den Mainstream-Geschmack treffen nicht alle. „Die Leute interessieren sich ­immer ­weniger dafür." Ein deutsches Antiquariat, noch dazu in einer Seitenstraße in einem spanischen Kleinstädtchen, aufzumachen, kommt ihr aber trotzdem nicht komisch vor. „Es ist so, wie ich es immer wollte. Leben können wir von den Kunden vor Ort natürlich nicht. Aber wir versteigern viel bei Ebay an Sammler und da kommt Geld zusammen."

Willkommen sei auch, wer einfach nur stöbern möchte. „Man kann es sich auf den Sesseln oder hinten im Innenhof bequem machen und lesen", sagt Wolfgang Marstall und fügt augenzwinkernd hinzu: „Wer Glück hat, bekommt sogar ein Gläschen Wein dazu."

Das Insel-Antiquariat (Calle de los Roques 39, Artà) hat montags bis freitags von 15–19 Uhr sowie dienstags zusätzlich von 10–13 Uhr geöffnet. www.insel-antiquariat.eu

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