Leben auf dem ältesten Segelboot Spaniens

Wie früher die richtigen Seefahrer, arbeitet eine spanische Familie ganzjährig auf ihrem Segler

10.09.2017 | 14:44
Der Segler von 1841 ankert in Palmas Hafen.

Es war Liebe auf den ersten Blick, als Nuria an einem Tag vor 20 Jahren für einen Bootsausflug auf einem alten Segelschiff anheuerte. Am Steuerrad der Rafael Verdera stand Mikel, der den zauberhaften Schoner 1985 auf Formentera gekauft und ihn zu seinem Zuhause gemacht hatte. Sein tägliches Brot verdiente der Baske mit Ausflügen auf dem ältesten in Spanien aktiven Segelschiff, welches seine Taufe bereits 1841 erlebt hatte.

Nuria verliebte sich unsterblich in beide, in Mikel und die Rafael Verdera, und blieb an Bord. „Ein Jahr später, zwei Stunden nachdem wir unser Schiff im Hafen von Palma vertäut hatten, platzte mir die Fruchtblase und unser Sohn Iñaki kam mit natürlicher Geburt auf die Welt", erinnert sich die Katalanin mit einem Schmunzeln. Ein Jahr später war es wieder so weit und Sara wurde geboren, ebenfalls auf dem Schiff. Für Nuria und Mikel war es ganz natürlich, dass ihre Kinder zu Hause auf die Welt kamen. Statt sie später in der Schule anzumelden, übernahmen die Eltern ihre Ausbildung selbst.

Sara und Iñaki, inzwischen 18 und 19 Jahre alt, können sich kein schöneres Leben als das auf dem Boot vorstellen. Die Familienmitglieder teilen sich die Hausarbeit und warten das Boot, das ihnen als Zuhause, Büro, Spiel- und Arbeitsplatz gleichzeitig dient. Auf Ausflügen begeistern Sara und Iñaki die Gäste mit Akrobatik-Darbietungen an den Schiffsmasten sowie am Trapez, das frei über dem Wasser schwebt. Jedes Jahr im Winter besuchen sie eine Zirkusschule in Palma, im nächsten Sommer möchte Sara eine Akrobatikschule in Kanada besuchen, um ihrem Traum, im Cirque du soleil aufzutreten ein Stück näherzukommen. Das wäre das erste Mal, dass sie fern ihrer Familie und der Rafael Verdera leben würde. Ihr Bruder Iñaki hat bisher keine großen Zukunftspläne, alles darf für ihn so bleiben, wie es ist. Wie derzeit die Sommernächte in der Hängematte unter dem Sternenzelt, statt in der Koje unter Deck zu schlafen. Früher übernachtete die Familie zusammen im ehemaligen Laderaum im Holzrumpf, vor ein paar Jahren wurde er in vier schlichte Kabinen umgebaut. Zu klein oder zu beengt kam den Geschwistern ihr schwimmendes Zuhause, 30 Meter lang und 5,5 Meter breit, nie vor. „Freiheit hat nichts mit dem Ort zu tun, an dem du dich aufhältst", meldet sich Mikel (65) zu Wort. „Jeder trägt sein eigenes Universum in seinem Inneren."

Nuria boxt ihren Seemann liebevoll in die Seite und scherzt, dass er nicht wieder so philosophisch werden soll. Sie versteht sich als die Kommunikationszentrale im Clan und übernimmt die Lebensmittel-Einkäufe für die Gäste und die Familie, die sich vegetarisch ernährt. Aus Lust und Laune geht aber auch die 48-jährige nur selten von Bord. Da passiert es schon eher, dass sie mal ein paar Freundinnen zum Klönen aufs Boot einlädt. „Wir kämpfen für dieselbe Idee und wachsen gemeinsam daran", beantwortet sie die Frage, wie ein Familien- und Paarleben auf so engem Raum funktionieren kann. Eine feste Routine kennen die Schiffsbewohner nicht, es gibt aber einen „Rhythmus der Aktion", der das Miteinander organisiert, erklärt Nuria.

Als Besucher hat man den Eindruck, dass die Rafael Verdera seine Bewohner nährt und sich im Gegenzug die Bewohner liebevoll um das Wohl des alten Seglers kümmern. „Ein Schiff hält man am Leben, indem man es aktiv hält", sagt Mikel. „Du lebst jeden Tag mit dem Boot und merkst sofort, wenn es irgendwo klappert, klemmt oder schleift." Komplett aus Holz gebaut, fühlt sich das Segelschiff im Gegensatz zu modernen Plastik-Yachten noch sehr organisch an. Zudem kommt die Rafael Verdera, ausgestattet mit sechs Segeln, zwei Motoren und zwei Schiffsschrauben, mit einem Minimum an Elektronik aus. In der Kajüte hängt eine Schalttafel mit einer überschaubaren Anzahl an leuchtenden Knöpfen, gegenüber befindet sich der Schiffsgarten mit vier Basilikumpflanzen, die Mikel regelmäßig gießt. Daneben hat er sein Büro mit einem Laptop eingerichtet, das er benutzt, um das Wetter zu checken und Gästeanfragen zu beantworten. Familienhund Cuqui sitzt oft neben ihm.

„Wir möchten, dass auch Besucher spüren, wie erholsam sich ein Tag auf einem alten Segler anfühlt", sagt Nuria. An Bord gibt's keine Musik, nur das Klatschen der Wellen am Bug ist zu hören. Natürlich dürfen die Gäste helfen, die Segel mit hochzuziehen, wofür man ganz schöne Muckies braucht. Wer sich traut, kann beim Ankern in der Bucht in den Mast klettern und von dort ins Wasser springen. Mittags bringt Nuria mehrere Grills an der Außenseite der Reling an, auf denen sie Fisch und Gemüse zubereitet.

Hat die Familie im Sommer zufällig einen freien Tag, schippert sie zu einer einsamen Bucht mit kristallklarem Wasser. „Wir gehen schwimmen, sammeln Algen, fangen vielleicht einen Fisch, den wir für uns alleine zubereiten, und pflegen das Boot, da gibt es immer etwas zu tun", erzählt Mikel. Am nächsten Sonntag hat Tochter Sara Geburtstag, eine Feier hat sie nicht geplant. Und was wünscht sich eine junge Erwachsene, der das Leben offensteht? Sara grinst. „Vielleicht als Akrobatin um Mallorca oder um die Welt segeln." Im Grunde ja fast dasselbe.

Rafael Verdera für Geburtstage, Events und Hochzeiten exklusiv buchen, ab 2080 Euro/Tag, max. 60 Personen. Offene Ausflüge am Wochenende, 50 Euro/Person, Kinder 25 Euro (aktuelle Termine donnerstags auf facebook/RafaelVerdera1841). Infos und Buchung: Tel.: 633?63 53 63, www.rafaelverdera.com

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