Meerblick auf Mallorca ist nicht gleich Meerblick

Mallorcas Ozeanografen waren Gastgeber für Forscher aus aller Welt – und beeindruckten auch den Kieler Experten Martin Visbeck

26.10.2017 | 16:33
Unterwasserdrohnen, Satelliten, Forschungsschiffe: Die Ozeanografen liefern in Echtzeit Daten rund um das Meer.

Im Hotel PortBlue Club Pollentia Resort & Spa sind zwei Gruppen von Gästen abgestiegen, die sich beide gleichermaßen für das Meer interessieren. Tiefblau und bis zum Horizont erstreckt es sich auf der gegenüberliegenden Seite der Küstenstraße zwischen Port de Pollença im Norden und Port d'Alcúdia im Süden. Während jedoch die eine Gruppe der Gäste die Herbstsonne am Strand genießt, Bootsausflüge unternimmt oder Fahrrad fährt an der Küste, hat sich die andere Gruppe zwei Wochen lang in einen Konferenzsaal im ersten Stock des Hotels zurückgezogen.

Hier schauen 50 Ozeanografen sowie 66 Studenten aus insgesamt 35 Ländern auf eine Videoleinwand sowie auf die Bildschirme ihrer Notebooks. Nach Frankreich und Australien ist es die inzwischen dritte weltweite Ausgabe von GODAE Ocean View, die Tagung soll neue Grenzen der angewandten Meereskunde ausloten. Forschungsfelder gibt es viele – sie reichen von der Errechnung der Strömungen von Plastikmüll über die Beobachtung von Ölteppichen bis hin zur Optimierung von Rettungseinsätzen. An diesem Donnerstag (12.10.) erklärt gerade Nikolau Maximenko von der University of Hawaii Formeln zur Errechnung der mutmaßlichen Route eines Bootsrumpfs, der quer über den Ozean getrieben wurde.

Hier sei die Forschungselite der Welt versammelt, stellt anerkennend Martin Visbeck fest, der am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel zu Ozeanzirkulation und Klimadynamik forscht, wenn er nicht gerade auf internationalen Forschungsreisen ist. Die Meeresforscher Mallorcas von den In­stituten Imedea und Socib kennt er bestens – sie hätten sich mit ihren Beobachtungssystemen international einen Namen gemacht, so Visbeck. Temperaturen, Wellengang, Strömungsgeschwindigkeiten, Salz- und Sauerstoffgehalt – die Werte werden in Echtzeit der internationalen Forschungsgemeinschaft zur Verfügung gestellt.

Um diese internationale Kooperation kreist dann auch der Vortrag des Kieler Ozeanografen. Sie ist fundamental: „Einige Fragen sind so schwierig zu beantworten, dass das unmöglich eine Institution oder ein Staat allein kann", so Visbeck, der die Entwicklung der Konferenzen und internationalen Gremien nachzeichnet – von der ersten weltweiten Klimakonferenz 1979 bis zur Ocean Conference in New York im Juni dieses Jahres.

Dabei stehen die Forscher nicht nur vor wissenschaftlichen Fragen, sondern vor allem vor der Herausforderung, ihre Erkenntnisse Gesellschaft und Politik zu vermitteln, beispielsweise wenn es um die Erwärmung des Meeres und den Klimawandel geht. Visbeck ist weit davon entfernt, auf kurzsichtige oder populistische Politiker zu schimpfen. Er kehrt vor der eigenen Haustür.

Der Forscher verweist zum einen auf ein fehlendes „Belohnungs­system" für Wissenschaftler, damit diese ihre Forschungsergebnisse auch außerhalb des Wissenschaftsbetriebs veröffentlichen. Zum anderen mache sich der psychologische Effekt der Verdrängung bemerkbar: Wem die Klimaschutzpolitik nicht ins wirtschaftliche Konzept passe, neige dazu, selbst objektive Erkenntnisse zu ignorieren. Politiker reagierten letztendlich nur auf den Druck der Gesellschaft – je aufgeklärter diese sei, desto mehr müssten sich auch Politiker wie der US-Präsident Donald Trump wissenschaftlichen Erkenntnissen öffnen. „Die Politik macht das, was die Gesellschaft will."

Wie die Ozeonografie unters Volk zu bringen ist, dafür fallen Visbeck auch Beispiele für Mallorca ein. Wa­rum etwa kein Wissenschaftsprogramm für Kinder im Hotel? Die Insel-Politik habe trotz der Leistungen der inseleigenen Ozeanografen noch nicht deren touristisches Potenzial entdeckt, gerade für die Zielgruppe der „High-End-Urlauber". Informationsbroschüren, Besuche auf dem Forschungsschiff oder im Labor – auch das seien Angebote für Touristen, die Alternativen zum Strand schätzten.

Das sei dann auch eine Basis, um Mallorca als „Drehkreuz für nachhaltige Entwicklung" zu positionieren. Visbeck regt an, eine regionale Nachhaltigkeitsagenda zu erarbeiten, nach dem Vorbild der Agenda 2030 der Vereinten Nationen, die 17 Zielsetzungen definierte und im Januar 2016 in Kraft getreten ist. Für Mallorca sei das Meer in jeder Hinsicht Wirtschaftsfaktor Nummer eins – „Urlauber zahlen im Hotel 20 Euro mehr, um einen Blick aus ihrem Zimmer darauf zu werfen".

Bislang hat die Politik auf der Insel vor allem schöne Worte für die Meeresforscher übrig. Umso auffälliger sei das Geschick der Kollegen auf Mallorca, die geringere Finanzierung auf regionaler oder nationaler Ebene durch Mittel internationaler Organisationen auszugleichen, meint Visbeck. Auch die übersichtlicheren Strukturen auf Mallorca seien mitunter ein Vorteil: Es gebe weniger Abstimmungsprozesse und kürzere Dienstwege als an einer großen Universität in Deutschland, das zeige sich etwa bei der Schnelligkeit der Datenbereitstellung.

Das Finanzierungsgeschick zeigt auch die Liste der Sponsoren, die die 66 Stipendien finanzierten, mit denen junge Forscher zur Tagung anreisen konnten. Darunter ist die europäische Weltraumbehörde (ESA), die europäische Organisation für die Nutzung meteorologischer Satelliten (EUMETSAT) und die NASA.

„Es gab einen sehr intensiven Austausch", meint Joaquin Tintoré, Leiter des Socib und einer der vier Koordinatoren der am Freitag (13.10.) zu Ende gegangenen Tagung. Man habe Mallorca mit der Veranstaltung weiter als Wissenschaftsstandort positioniert. Wenn die Teilnehmer die Insel in guter Erinnerung behielten, werde dies nicht nur am tollen Meerblick in Port d'Alcúdia liegen.

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