15. April 2018
15.04.2018

Wie Mallorca zu Kriegszeiten Kampfflieger im Auge behielt

Mit einem schlichten, aber ausgeklügelten System hat die Insel im Spanischen Bürgerkrieg und im Zweiten Weltkrieg den Himmel beobachtet. Dokumentiert ist auch so mancher deutscher Flieger

16.04.2018 | 02:30
Flugzeug-Abbildungen am Posten auf dem Puig d´en Coassa.

Man könnte das schlichte Gebäude auf dem Puig d'en Coassa bei Colònia de Sant Pere für einen früheren Unterschlupf halten, dessen Dach irgendwann eingestürzt ist. Wären da nicht die noch gut erkennbaren Skizzen an der Wand – Flugzeuge vor einem noch immer blau strahlendem Himmel. „Avro Lancaster" und „Bristol Beaufighter" ist darunter zu lesen, oder „Boeing B-17" , mit dem Vermerk „fortaleza volante" (fliegende Festung). Doch was machen Bilder von Kriegsmaschinen aus dem Zweiten Weltkrieg auf der bröckeligen Wand nahe der Einsiedelei von Betlem?

Auf die vergessene Ruine in der Gemeinde Artà war Joan Bauzà zufällig beim Wandern gestoßen. Der Geografie-Dozent von der Balearen-Universität recherchierte da­raufhin in der Bibliothek der March-Stiftung in Palma und fand eine ausführliche Dokumentation über das einstige Netz militärischer Aussichtsposten. Es war im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) aufgebaut und im Zweiten Weltkrieg (1939-1945) ausgebaut worden – und dann wieder in Vergessenheit geraten.

Trotz des Beinamens der Insel der Ruhe waren die Mallorquiner schon immer auf der Hut und gaben Acht, wer sich da vom Meer aus der Küste näherte. Davon zeugen die zum Teil gut erhaltenen Wachtürme auf Mallorca, mit denen einst nach Piraten Ausschau gehalten wurde, später mit weniger Erfolg nach Schmugglern. Als dann nach dem Putsch von General Franco 1936 der Bürgerkrieg in Spanien ausbrach, fanden einige der Bauten eine neue Verwendung – freilich angepasst an die neuen Zeiten.

Die Türme aus dem 16. Jahrhundert bekamen Wachposten und eine Telefonleitung, die bis nach Palma reichte. Im Gegensatz zu früher war kein Sichtkontakt mehr zwischen den Posten nötig. Zu den Kriterien bei der Auswahl der Standorte kam jetzt das einer guten Telefonverbindung hinzu. „Sichtete der Posten einen Flieger, ging der Alarm in der Zentrale in Palma sowie im Hangar von Son Sant Joan ein", erklärt Bauzà. Das Kennwort lautete Alarma Aviación – wörtlich Luftfahrt­alarm. „Alle anderen Telefonleitungen der Zivilbevölkerung wurden dann unterbrochen."

Son Sant Joan war damals im Gegensatz zum heutigen zivilen Großflughafen von Palma eine kleine, von den Militärs betriebene Start- und Landepiste. Die schnelle Meldung war vor allem für die Bevölkerung wichtig, um vor möglichen Bombenangriffen in Luftschutzkellern Zuflucht zu suchen. Mallorca war gleich zu Kriegsbeginn in die Hände der Putschisten gefallen, und das republikanische Lager flog vom Festland aus Luftangriffe auf die Insel. Auslöser für die Inbetriebnahme der Posten war die letztendlich gescheiterte Landung republikanischer Truppen bei Porto Cristo im September 1936, der von republikanischen Fliegern begleitet wurde.

Hintergrund: die unerzählte Schlacht von Mallorca

Die zunächst 14 inselweiten Posten waren in dieser ersten Phase noch ein Provisorium. Angefangen beim Personal, das zu Beginn aus örtlichen Leuchtturmwächtern, Fischern oder auch Eremiten bestand. „Die mangelnde Ausbildung wussten sie durch Enthusiasmus und Verantwortungsgefühl auszugleichen", schreibt Luftfahrtgeneral Francisco Vindel in einem späteren Artikel. Auch die Bauweise war streng funktional. „So wie in Mallorcas bäuerlicher Architektur", sagt Bauzà, „nichts hatte eine ästhetische Funktion, alle Bauelemente waren zu etwas nütze."

Die schnellsten Meldungen erreichten die Balearen-Hauptstadt in 20 Sekunden. Damit auch die zivilen Kräfte korrekt Meldung machten, gab es nicht nur an die Wand gepinselte Flugzeugskizzen, sondern stets auch eine steinerne Windrose auf dem Gelände des Postens. Überreste davon hat Bauzà im Gras am Puig d'en Coassa entdeckt. Auch die Fenster der Posten waren oftmals an den Himmelsrichtungen ausgerichtet.

In der Endphase des Bürgerkriegs wurde das System perfektioniert. Soldaten lösten die zivilen Himmelsbeobachter ab, bis zu vier Mann plus Befehlshaber bezogen die Posten und hielten im Schichtbetrieb rund um die Uhr Aussicht. Der Job dürfte trostlos gewesen sein, zumindest aber froren die Männer nicht: Zur Ausstattung gehörten Mäntel, Stiefel, Sturmhauben und Fäustlinge aus Ziegenfell.

Die Zahl der Posten wuchs 1938 auf insgesamt 25. Zum Teil wurden alte Wachttürme oder auch Windmühlen aufgerüstet, zum Teil neue Posten errichtet, etwa in Sa Muleta bei Port de Sóller oder auf der Felsnase La Mola in Port d'Andratx. Nicht alle befanden sich an der Küste. So bekamen etwa auch das Kreuz oberhalb der Pilgerstätte von Lluc, das Castell d'Alaró oder die Felsenburg Castell del Rei einen Wachposten. Und sogar im Rathaus von Santanyí oder im Glockenturm der erhöht stehenden Kirche von Santa Margalida zogen die Militärs ein. „Der Pfarrer setzte durch, dass ein separater Eingang zum Turm gebaut wurde, damit die Soldaten nicht den Kirchenraum durchquerten", erzählt Bauzà. Die Zahl der Meldungen stieg unterdessen von zunächst 942 im Jahr 1936 auf schließlich 89.434 im Jahr 1938 – um dann mit Ende des Bürgerkriegs wieder auf null zu fallen.

Nachdem die Putschisten die Macht in Spanien errungen hatten, bestand das System fort, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Zwar war das Franco-Regime im Zweiten Weltkrieg offiziell neutral. Doch die Insel geriet wegen ihrer geopolitisch strategischen Lage ins Visier der Kriegsparteien. „Notgedrungen näherten sich Flugzeuge dem Archipel, sei es auf Kampfmissionen oder schlichtweg wegen technischer Pannen", notiert General Vindel. Jetzt ging es nicht mehr darum, vor drohenden Angriffen zu warnen, sondern alle Flugbewegungen von Maschinen deutscher, italienischer, britischer, französischer oder unbekannter Herkunft zu protokollieren. Das umfasste Typ, Flughöhe oder Flugrichtung.

Die Protokolle bestehen zum Teil aus trivialen Wettereinträgen. Aber in der Übersicht der identifizierten Maschinen finden sich auch reihenweise Beobachtungen von der Landung deutscher Kampfflugzeuge auf der Insel – vor allem der Typ Ju 88 taucht immer wieder auf. Der Zweck der Operationen bleibt unklar: Wurden die deutschen Flugzeuge auf eigentlich neutralem Boden aufgetankt? Wurden sie repariert?

Und auch Abstürze finden sich in den Protokollen. Den wohl tragischten beobachtete der Posten an der Einsiedelei von Sant Salvador am 23. März 1943, als zwei britische Maschinen des Typs Hurricane niedergingen. „Die Besatzung blieb unverletzt, allerdings wurde eine Bäuerin aus der Umgebung von einem der Apparate getötet."

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