IVA erst, wenn Kasse klingelt

Rajoy setzt Wahlversprechen um: Ab 2014 besteht Option auf Ist-Besteuerung

12.12.2013 | 01:00
Bei der „Ist-Berechnung" kommt es auf den tatsächlichen Geldeingang an
Bei der „Ist-Berechnung" kommt es auf den tatsächlichen Geldeingang an

Unternehmen und Selbständige leiden gleichermaßen darunter: Sobald sie eine Rechnung mit Umsatzsteuer (IVA) ausstellen, werden sie damit im selben Moment zum Schuldner des Finanzamtes und müssen zum Ende des Monats oder Quartals die berechnete IVA einzahlen. Und zwar ganz unabhängig davon, ob die entsprechende Rechnung schon bezahlt worden ist oder nicht. Durch diese Verpflichtung hat der Unternehmer erhebliche Liquiditätsnachteile – wenn zum Beispiel die Zahlung einer besonders fetten Rechnung auf sich warten lässt.

Deshalb brandete spanienweit Applaus auf, als der heutige Premierminister Mariano Rajoy während des Wahlkampfs 2011 ankündigte, seine Partei würde dieses Problem mit einer neuen Regelung lösen. Dass vom Wahlkampfversprechen bis zur Umsetzung mehr als zwei Jahre vergangen sind, ist kein Zufall: Die bislang übliche „Soll-Versteuerung" ist zwar ungerecht, jedoch einfacher zu verwalten. Bei der „Ist-Besteuerung" reichen für eine korrekte Bearbeitung und Prüfung die Rechnungen alleine nicht mehr aus: Die Verknüpfung mit den tatsächlichen Geldein­gängen (für den, der zahlt, und auch den, der empfängt) bedingt, dass diese in Zukunft aufwendiger dokumentiert werden müssen.

Die „Proforma-Seuche"
Um Liquiditätsprobleme zu vermeiden, behelfen sich Selbständige und Unternehmer in Spanien mit so genannten Proforma-Rechnungen. Diese Dokumente weisen im Wesentlichen denselben Inhalt wie eine normale Rechnung auf, jedoch mit einem wichtigen Unterschied: Sie dienen nur als Bestätigung eines erteilten Auftrags, werden aber noch nicht steuerlich wirksam eingebucht. Die ordentliche Rechnung ergeht erst dann, wenn die Zahlung erfolgt ist.

Dieser Trick wird deshalb nötig, weil laut spanischen Buchhaltungsnormen das Ausstellen einer ordentlichen Rechnung quasi der Urknall eines jeden geschäftlichen Vorgangs ist: Unabhängig davon, ob eine Ware geliefert, eine Leistung erbracht oder Geld dafür geflossen ist, gilt der Vorgang als steuerlich und bilanziell existent, mit allen Folgen, die sich daraus ergeben. Deshalb können in Spanien Rechnungen, sobald gebucht, nicht mehr modifiziert werden. Nachträgliche Veränderungen müssen mit „berichtigenden Rechnungen" dokumentiert werden.

Startschuss im Dezember
Obwohl die neue Regelung per 1. Januar 2014 in Kraft tritt, ist der Startschuss schon gefallen. Denn das so genannte „Regimen especial de criterio de caja" ist ein Wahlrecht. Nur wer sich im letzten Monat des Jahres für das Folgejahr anmeldet, darf – und muss dann auch – nach diesem Modus verfahren. Dafür zugelassen sind Selbständige und Unternehmer, die nicht mehr als zwei Millionen Euro Jahresumsatz aufweisen.

Generell darf die Ist-Besteuerung nur für Geschäfte im Anwendungsgebiet der Umsatzsteuer durchgeführt werden. Das bedeutet beispielsweise, dass Geschäfte mit Kunden oder Lieferanten auf den Kanarischen Inseln ausgeschlossen sind, weil es dort keine Umsatzsteuer gibt (IVA), sondern die niedriger angesetzte sogenannte „Allgemeine indirekte Kanarische Steuer" (IGIC).

Eine Reihe von Geschäftsvorgängen ist zudem von der Regelung ausgeschlossen, zum Beispiel: All jene Branchen, die Sonder­regelungen unterliegen, wie Landwirtschaft, Fischerei, Internet-Dienstleistungen und Gold-­Investitionen. Innergemeinschaftliche Waren­lieferungen (zwischen EU-Ländern). Geschäfte, auf welche die Umkehr der Umsatzsteuerschuld Anwendung findet. Eigenverbrauch von Waren und Leistungen (autoconsumo)

Quartals- oder Monatszahlung wie gehabt
Auch wer sich für den neuen IVA-Zahlmodus anmeldet, führt die Umsatzsteuer wie bisher nach dem Monat oder Quartal ab. Mit dem Unterschied, dass nur die Umsatzsteuer für bereits bezahlte Rechnungen fällig wird. Die Geduld des Finanzamtes hat freilich ihre Grenzen: Zum Ende des Folgejahres nach Ausstellen einer Rechnung muss die berechnete Umsatzsteuer in jedem Fall eingezahlt werden.

Wichtig: Das „Criterio de Caja" gilt – anders als etwa in Deutschland – auch für die abzugsfähige Umsatzsteuer, also jene, die dem Unternehmer vom Finanzamt rückerstattet oder angerechnet wird. Das heißt, dass nur für jene Rechnungen Vorsteuer geltend gemacht werden kann, die vom Steuerpflichtigen bereits bezahlt wurden. Dies gilt auch für Unternehmer, die sich für diesen Modus nicht angemeldet haben, jedoch Rechnungen von Unternehmern erhalten, die ihn nutzen.

Jedem Selbständigen und Unternehmer ist vor einer Entscheidung über die Anmeldung zum „Criterio de Caja" zu empfehlen, mit der Buchhaltung – sei sie intern oder ausgelagert – darüber zu sprechen, welchen zusätzlichen Aufwand der alternative IVA-Zahlungsmodus erfordern wird und wie die Bearbeitung den neuen Erfordernissen anzupassen ist.

Die Autoren Dipl-Kfm. Asesor Fiscal Willi Plattes & Thomas Fitzner arbeiten in der internationalen Steuer­beratungskanzlei www.europeanaccounting.net in Palma. E-Mail: thomas@­europeanaccounting.net

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