Utz Claassen im Interview: ´Als ob sich Kinder streiten´

Machtkampf bei Real Mallorca: Der deutsche Aktionär streitet weiter für ein neues Management-Konzept

12.01.2013 | 18:48
„Wenn man Freunden erzählen soll, was sich hier abspielt, schämt man sich manchmal": Utz Claassen
„Wenn man Freunden erzählen soll, was sich hier abspielt, schämt man sich manchmal": Utz Claassen

Neue Runde im Machtkampf bei Real Mallorca: Nachdem Präsident und Verwaltungsratsvorsitzender Jaume Cladera an Heiligabend von seinen Ämtern zurückgetreten war, sollte in der Sitzung am Montag (7.1.) ein neues Management-Modell für den Verwaltungsrat verabschiedet werden. Der Entwurf des deutschen Aktionärs Utz Claassen sieht weniger Macht für die beiden unterschriftsberechtigten Vorstandssprecher, die sogenannten consejeros delegados, vor, was vor allem dem Hauptaktionär, sportlichen Direktor und Vizepräsidenten ­Llorenç Serra Ferrer sauer aufstößt. Unter anderem sollen fortan Spieler- und Trainerverpflichtungen sowie Fernseh- und Werbeverträge vom Verwaltungsrat genehmigt werden – bislang konnte die Clubspitze weitgehend im Alleingang entscheiden.

Vor der Sitzung konnte sich Claassen der überwiegenden Unterstützung des Gremiums so gut wie sicher sein. Doch dann erschienen drei Verwaltungs­ratsmitglieder nicht zum vereinbarten Termin. Zuvor hatte Trainer Joaquín Caparrós das Modell Claassens als „Schwachsinn" bezeichnet. Nun soll sich der Verwaltungsrat am Freitag (11.1.) treffen.

Was ist am Montag in der Verwaltungsratssitzung passiert?
Es ist gar nichts passiert. Vizepräsident Llorenç Serra Ferrer, der derzeit nach dem Rücktritt von Cladera amtierender Präsident ist, versammelte sich mit dem Sekretär des Verwaltungsrates und weiteren Personen in einem Büro in direkter Nachbarschaft des Sitzungssaals. Niemand ist im Sitzungssaal erschienen, um den drei dort wartenden Verwaltungsratsmitgliedern Erklärungen für eine eventuelle Verzögerung zu geben. So ein Verhalten ist beispiellos und nicht hinnehmbar. Ich bin nach 35 Minuten gegangen, weil es mir absurd erschien. Man kann keine Sitzung mit Personen durchführen, die nicht erscheinen.

Man hat Ihnen eine Abfuhr erteilt.
Abfuhr ist das falsche Wort, ich würde eher von inakzeptabler Unprofessionalität und sinnloser Provokation sprechen. Seit mehr als zwei Jahren investiere ich eine Menge Zeit in den Verein, aber wenn man Freunden erzählen soll, was sich hier mitunter abspielt, schämt man sich manchmal. 80 bis 90 Prozent der Zeit, die wir dem Verein widmen, müssen wir uns mit unnötigen und ärgerlichen Interna des Verwaltungs­rates befassen, anstatt uns darüber Gedanken zu machen, wie man die sportliche oder finanzielle Situation verbessern könnte. Das ist sehr schade.

Sie nehmen sich da immer ausdrücklich aus, sind aber auch Teil des Gremiums.
Ich kann ja nicht noch die Verantwortung für die anderen Personen im Verwaltungsrat übernehmen. Es gibt immer mal Menschen, die sich nach Macht sehnen und an die Macht klammern. Bei allem Respekt für die großen Verdienste von Serra Ferrer für den mallorquinischen Fußball: Er ist ein emotionaler Sonderfall. Manchmal kommt es mir im Verwaltungsrat fast so vor, als würden sich Kinder um ein weggenommenes Spielzeug streiten. Aber sich wie Kinder aufzuführen, bringt niemanden weiter. Man sollte alles auf einer professionellen Ebene diskutieren.

Aber wie soll es so in Zukunft gelingen, zusammenzuarbeiten oder gar Kompromisse zu finden?
Es ist offensichtlich, dass sich unser Management-Modell ändern muss. Ein Problem könnte sich mittelfristig von selbst lösen, denn Serra Ferrer möchte ja seine Anteile verkaufen. Erst am Montagvormittag hat man es mir gegenüber zum wiederholten Male bekundet.

Was bedeutet die momentane Lage ohne zweiten unterschriftsberechtigten Vorstandssprecher für den Verein?
Wenn wir nicht zu einem Kompromiss finden und einen neuen zweiten consejero delegado bestimmen, muss jede noch so unbedeutende Entscheidung in den Verwaltungsrat, im Extremfall sogar der Kauf von Toiletten­papier. Mein Modell sieht gewisse Befugnisse der Handelnden vor, aber – im Gegensatz zu bisher – keine Freifahrtscheine. Ich ärgere mich, wenn ich jeden Tag lesen muss, dass es Einzelnen offensichtlich immer nur darum geht, Kontrolle auszuüben und Macht zu demonstrieren. Das ist ein Konzept, das mir nicht gefällt und das ich so nicht kenne. In der Vergangenheit haben hier Serra Ferrer und Cladera doch weitgehend gemacht, was sie wollten, und meistens haben sie die anderen Verwaltungsratsmitglieder darüber nicht einmal informiert. Man kann das nun von mir vorgeschlagene Modell gern diskutieren und einzelne Punkte abändern. Ich will nichts oktroyieren und schon gar nicht eine Diktatur durch eine andere ersetzen.

Einer der zentralen Punkte Ihres neuen Modells ist, dass man im Verwaltungsrat die Spielerverpflichtungen und die Verkäufe diskutiert. Stellen Sie die Arbeit von Serra Ferrer in Frage?
Ein Sportdirektor mit Kompetenz und Selbstbewusstsein sollte eigentlich keine Angst haben, seine Vorschläge in einem Verwaltungsrat vorzubringen. Für mich wäre normal, dass der Sportdirektor die sportliche Ausrichtung festlegt und Vorschläge für Neuverpflichtungen und Verkäufe einbringt, dass diese dann aber vom Verwaltungsrat verabschiedet werden. Einige sagen, ein solches Vorgehen mache den Club langsamer, aber mir ist beispielsweise nicht bekannt, dass Bayern München, das mit Vorstand und Aufsichtsrat sogar zwei Gremien besitzt, die bei wichtigen Wechseln zustimmen müssen, schon mal Schwierigkeiten bei Spielerverpflichtungen hatte, weil die Mühlen zu langsam gemahlen hätten. Ich will ja nur die Normalität für den RCD Mallorca, und hier wäre es ja sogar einfacher, denn wir haben nur ein Gremium. Es geht mir nur darum, angemessene Regeln und Abläufe festzulegen.

Ist das nicht auch eine kulturelle Frage? Die Leute hier sind eben keine Deutschen.
Biel Cerdà (Kandidat für den Posten des zweiten Vorstandssprechers, Anm. d. Red.) beispielsweise ist Mallorquiner, und er hat so wie ich ganz klar in der letzten Sitzung gesagt, dass wir eine andere Art des Managements brauchen. Mir scheint allerdings, dass es einige gibt, denen es vor allem um den öffentlichen Eindruck geht, wer gegen wen gewonnen hat.

Würden Sie sich zutrauen, Neuverpflichtungen vorzuschlagen?
Der Sportdirektor sollte immer das Recht haben, Spieler vorzuschlagen. Das ist eindeutig. Aber in Sonderfällen, wenn etwa andere Mitglieder des Verwaltungsrates Kontakte zu Spielern haben oder aber bestimmte Ligen gut kennen, sehe ich keinen Grund, weshalb sie keine Vorschläge machen sollten. Ich selbst möchte dabei immer die finanzielle Situation sehen, um zu wissen, ob überhaupt Geld da ist für neue Verpflichtungen.

Haben Sie Kontakte zu deutschen Vereinen, um deutsche Spieler zu holen?
Ich bin bereit, dem Sport­direktor und dem Trainer jederzeit zu helfen. Aber sofern kein Interesse daran besteht, werde ich mich nicht anbiedern oder aufdrängen. Im Fall Geromel (wechselte unter umstrittenen Bedingungen vom 1. FC Köln auf die Insel, Anm. d. Red.) schien es ja fast so, als seien die Verantwortlichen in Sorge, jemanden zu fragen, der zu den Modalitäten des damals angedachten Transfers eine fundierte Einschätzung haben könnte.

Was halten Sie von Caparrós´ Äußerungen, der Sie und Pedro Terrasa indirekt beleidigt hat?
Ich glaube, er war schlecht informiert und schlecht beraten. Ich weiß nicht, ob er möchte, dass Real Mallorca seine letzte Trainer­station ist. Wenn Mourinho bei Real Madrid so etwas über Präsident Pérez sagen würde wie Caparrós am Montag hier über verschiedene Verwaltungsratsmitglieder, wie lange wäre er dann wohl noch Trainer dort? Ich glaube, dass sich der Marktwert von Caparrós durch seine Aussagen stark reduziert hat, und das tut mir für ihn leid.

Aber verstehen Sie die Unruhe innerhalb der Mannschaft wegen Ihres neuen Management-Modells?
Warum sollte es Unruhe darüber geben, dass der Verwaltungsrat als zentrales Entscheidungsorgan des Clubs die wichtigen Entscheidungen auch wirklich trifft und somit seiner Verantwortung gerecht wird? Wenn die Spieler falsche Informationen bekommen, können sie allerdings nur auf diese falschen Informationen reagieren. Wenn ich Mannschaft und Trainer erklären könnte, wie meine Vorschläge und mein Modell wirklich aussehen, gäbe es dort sicherlich keinerlei Bedenken. Wir wollen ja keine Filigran-Analyse über die Qualität der Entscheidungen des Trainers anstellen. Es gab aber einige Transfers, die niemand verstanden hat. Man hat immer ein Restrisiko bei Verpflichtungen. Aber wir müssen darüber diskutieren, wie wir dieses Risiko minimieren können.

Glauben Sie, Serra Ferrer hat es bereut, Sie in den Verwaltungsrat eingeladen zu haben?
Er hat es zwar nie gesagt, aber es liegt auf der Hand: Wenn er gewusst hätte, mit welcher Geduld und Konsequenz ich hier Fragen stellen und Missstände aufarbeiten würde? Er hätte mich im Übrigen ja auch auf Basis ehrlicher Information zum Aktienkauf einladen können, statt mit falschen und unwahren Zahlen.

Wie bewerten Sie die Arbeit des Verwaltungsrates, seit Sie dabei sind?
Es hat in vielen Bereichen wichtige Fortschritte gegeben. Aber es gibt auch noch viele Probleme. Vor allem hat der Club nichts dafür getan, die beschlossene Internationalisierungsstrategie umzusetzen. Der Club macht heute 30 bis 35 Millionen Euro Umsatz, müsste aber mittelfristig 60 oder 65 Millionen machen. Immerhin gibt es inzwischen eine gewisse Ordnungsmäßigkeit: Wenigstens gibt es nun nach jeder Sitzung ein Protokoll, das in der nächsten Sitzung genehmigt wird. Dass mit Pep Roig ein Vertreter der Fans im Verwaltungsrat sitzt, war ein wichtiger Schritt. Denn wenn das Stadion gegen Atlético Madrid nicht mal mehr halbvoll ist, müssen wir uns ja in diesem Bereich des Umgangs mit unserer Anhängerschaft ohne Zweifel verbessern. Die hauptamtlich Verantwortlichen haben allen Grund, ihre Arbeit zu hinterfragen. Das darf so nicht sein. Das tut mir im Herzen weh. Wir werden das ändern. Glauben Sie mir: Ich habe mehr Geduld als die anderen.

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