Der fliegende Metzger

Miquel Blanch überquerte per Gleitschirm schon die ganze Insel – und Teile des Himalaya

12.10.2014 | 08:11
Der leidenschaftliche Gleitschirmflieger aus Campos über dem Leuchtturm am Cap Blanc an der Südküste Mallorcas
Der leidenschaftliche Gleitschirmflieger aus Campos über dem Leuchtturm am Cap Blanc an der Südküste Mallorcas

Metzgermeister Miquel Blanch vor die Haustür trat, den Blick, wie eigentlich jeden Morgen, auf die Wolken am Himmel richtete und, nach kurzem Zögern, das „Geschlossen"-Schild an seine carnicería in Campos heftete. Der Wind war perfekt. „So wie Surfer davon träumen, die perfekte Welle zu erwischen, so warten wir auf den perfekten Luftstrom", sagt der 44-Jährige, der zu den besten Gleitschirmfliegern der Insel zählt. Die Chance konnte er sich nicht entgehen lassen – Metzgerei hin oder her. „Ich weiß schon, dass es fürs Geschäft nicht ideal ist. Aber mache Dinge muss man einfach tun, sonst tut man sie nie."

Mit seiner Ausrüstung im Gepäck machte sich der Mallorquiner auf zum Startplatz auf dem Puig de Sant Martí bei Alcúdia, hob ab – und flog und flog und flog. Bis ans andere Ende Mallorcas, wo er auf der Dracheninsel vor Sant Elm landete. So weit sei bisher keiner seiner Zunft gekommen, sagt Blanch, der zudem Sprecher des mallorquinischen Gleitschirmclubs „Club de Vol Mediterrani" ist. Glücklicherweise waren vor Sa Dragonera ein paar Fischer aus der Gegend unterwegs, die Blanch – „zwischen lauter Bierflaschen" – ein Plätzchen frei machten und an Land brachten. Ob er zurück in Campos seiner Frau schließlich gebeichtet hat, dass er den Tag mal wieder in der Luft statt am Fleischwolf verbracht hatte, will er nicht verraten. „Sie kennt mich ja mittlerweile und weiß, dass das meine große Leidenschaft ist", sagt der Vater einer einjährigen Tochter.

Mit dem Gleitschirmfliegen angefangen hat Blanch vor gut 20 Jahren. Nachdem er einen Fernsehbeitrag darüber gesehen hatte, wollte er während seines Militärdienstes eigentlich eine Ausbildung zum Fallschirmspringer machen. „Doch das klappte am Ende nicht." Danach habe er sich – „wie das halt in der Jugend so ist" – eine Zeit lang bevorzugt auf Partys herumgetrieben, bis er mit Anfang 20 seinen ersten Tandemsprung machte. Von da an gab es kein Zurück mehr. Blanch nahm Unterricht, absolvierte seinen ersten Alleinflug („vom Puig Sant Martí direkt nach unten"), trainierte weiter, lernte Sonne, Wind, Wolken, und Berge immer besser einzuschätzen, um sich durch optimales Ausnutzen der Luftströmungen immer länger in der Luft zu halten – und wurde 2005 spanischer Meister.

Mit seinem Gleitschirm hat er inzwischen nicht nur Mallorca und die Berge der Tramuntana sowie die Alpen – von Frankreich über die Schweiz und Österreich bis nach Italien und Slowenien – erkundet. Gerade erst im Mai dieses Jahres verbrachte er einige Wochen im pakistanischen Teil des Himalaya. „Wegen des Wetters konnten wir aber nur dreimal und auch nur bis auf 6.000 Meter Höhe fliegen", erzählt er ein wenig betrübt. Besser sei es damals in Indien gelaufen, wo er – ebenfalls im Himalaya – seinen bislang längsten Flug mit einer Distanz von 172 Kilometern und einer Dauer von rund acht Stunden zustande gebracht hat.

So einige Male ist Blanch allerdings auch schon mit zitternden Beinen am Boden aufgekommen, nachdem er eine brenzlige Situationen hat meistern müssen. „Dann küsse ich zum Dank die Erde, das ist so ein Ritual von mir", erzählt er. Dass gerade noch mal alles gut gegangen sei, dachte er auch nach einer unsanften Landung nahe des Mont Blanc. Nach einer Stunde Fußmarsch aber ging nichts mehr, er musste den
Helikopter rufen und sich retten lassen. Wegen eines gequetschten Wirbels war diese Alpenüberquerung per Gleitschirm damit frühzeitig beendet. Die Nachwehen entgingen auch den Dorfbewohnern von Campos nicht, die noch Wochen danach über den geknickt daherhumpelnden Metzger tuschelten: Was hat er denn jetzt schon wieder angestellt? Beim Sobrassada-Machen wäre das sicher nicht passiert.

Doch weder das Kopfschütteln in seiner Umgebung noch die stets lauernden Gefahren lassen ihn vor waghalsigen Abenteuern – etwa mehrtägige Trips von Gipfel zu Gipfel inklusive Biwakieren im Hochgebirge – zurückschrecken. Es gibt schließlich noch viel zu entdecken. Irgendwann möchte er auch mal die Karpaten, den Ural und die Anden überfliegen oder die Seidenstraße vom Mittelmeer bis nach Ostasien per Gleitschirm ­bereisen.

Seit einiger Zeit widmet sich Blanch zudem der touristischen Vermarktung seines Sports. Nach der Premiere 2013 hat er auch dieses Jahr wieder die „Vuelta a Mallorca" mitorganisiert, bei der 22 Piloten aus verschiedenen Ländern die Insel in zwei Tagen umrundeten – allerdings mit Motor-Gleitschirmen. „Das ist eigentlich nicht mein Ding." Doch ohne das technische Hilfsmittel sei ein solches Vorhaben mit Eventcharakter einfach nicht möglich. Im nächsten Jahr will er zudem die Weltmeisterschaft in Gleitschirm-Akrobatik nach Mallorca holen.

Um das Gleitschirmfliegen für Urlauber attraktiver zu machen, setzt sich der Metzger derzeit dafür ein, weitere Startpunkte zugänglich zu machen. „In der Tramuntana gibt es einige geeignete Stellen, sie sind bisher aber nur schwer und in langen Fußmärschen zu erreichen." Einer befindet sich auf dem Puig Na Franquesa am Cúber-Stausee. Die Besitzerin des Anwesens, über das man mit einem Geländewagen direkt an den Fuß des Berges fahren könnte, habe schon ihr Einverständnis gegeben. „Doch das Umwelt­ministerium stellt sich noch quer." Wenn der Metzger dem Minister da mal nicht aufs Dach steigt – nein, fliegt.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 2. Oktober (Nummer 752) lesen Sie außerdem:

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