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Mallorca Zeitung

Operation "Schulmeister": Als Italien nach Mallorca griff

Wie erreichen, dass Mussolini und Hitler die militärische Hilfe für das Franco-Lager einstellen? Marokko oder die Balearen abtreten? Ein neues Buch rekonstruiert verzweifelte Strategien im Spanischen Bürgerkrieg

Feier nach Putschisten-Sieg in Santander 1937: An Palmas Rathaus wehen auch die italienische und deutsche Flagge. | FOTO: ARCHIV DAVID CHRISTIE OLEZA

Es war ein Feuer in der s’Albufera, das Manuel Aguilera auf die entscheidende Spur brachte. Der Historiker und Journalist wollte den Brand in dem Feuchtgebiet am 25. September 2020 zum Thema seiner wöchentlichen Kolumne in einer Lokalzeitung machen. Dafür schaute er sich ein Dokument noch einmal genauer an, das er im Archiv des italienischen Außenministeriums gefunden und fotografiert hatte. Als er den historischen Text durch ein Übersetzungsprogramm schickte, staunte er nicht schlecht. Die s’Albufera, Mallorcas drittgrößte landwirtschaftliche Finca, hatte demnach im Jahr 1938 der italienische Diktator Benito Mussolini erworben – über Strohleute, auch wegen der damaligen Gesetze, die Ausländern keinen Immobilienerwerb in Spanien zugestanden.

„Ich hatte endlich den italienischen Beweis für die Pläne zur Kolonisierung Mallorcas“, so der Historiker. „Das Dokument hatte vier Jahre in meinem Computer geschlummert, und der Zufall des Brands brachte es ans Licht.“ Auf den Fincas s’Albufera und Son Sant Martí sollten zwei Dutzend Häuser für Neusiedler entstehen, hundert Arbeiter ein „Italien-Zentrum“ schaffen, das mit den Jahren wachsen würde.

Das Fundstück ergänzt die Dokumente, die Aguilera zuvor in Archiven in Stanford, Madrid, London und Edinburgh ausgegraben hat. Seine Erkenntnisse über Mussolinis „goldene“ Träume trägt er in dem jetzt erschienenen Buch „El oro de Mussolini“ zusammen, Untertitel: „Wie die Republik einen Teil Spaniens an den Faschismus verkaufen wollte“. Denn das Buch zeigt nicht nur, wie die spanischen Inseln im Bürgerkrieg (1936–1939) zum Objekt der Begierde europäischer Mächte wurden. Teile des Landes waren zumindest zeitweise auch Verhandlungsmasse in einer verzweifelten Strategie des republikanischen Lagers, zum einen die demokratischen Nachbarländer zu einem Kriegseintritt gegen die Putschisten zu bewegen, zum anderen aber die faschistischen Länder von der Beteiligung daran abzuhalten. Dokumentiert sind unter anderem drei Treffen mit Vertretern Nazideutschlands.

„Conde Rossi“ galt auf der Insel als blutrünstiger Aufschneider. | FOTO: ARCHIV DAVID CHRISTIE OLEZA

Auch wenn der Bürgerkrieg auf spanischem Territorium ausgetragen wurde, war er keine allein spanische Angelegenheit. Denn der Konflikt zwischen der Regierung der Zweiten Spanischen Republik und den rechtsgerichteten Putschisten unter General Franco spiegelte die ideologischen Konfliktlinien Europas wider. Der Krieg brachte einerseits die Machtkonstellation in ganz Europa in Bewegung, zum anderen hing aber auch der Kriegsverlauf von der Haltung der anderen Mächte ab – zumal das formell vereinbarte Prinzip der Nichteinmischung nicht eingehalten werden sollte.

Für Hitler war der Bürgerkrieg in erster Linie ein neues Schlachtfeld gegen den „Bolschewismus“. Deutschland half finanziell, materiell sowie logistisch und schickte im Rahmen der Legion Condor Soldaten wie Flugzeuge. Mussolinis Männer waren besonders auf dem zum nationalen Lager gehörenden Mallorca zahlreich vertreten, von wo aus sie Angriffe auf Barcelona und Valencia flogen. Die Italiener hatten dabei weitgehend freie Hand.

Operation Schulmeister

Geheimes Treffen in Monaco

In dieser heiklen Situation kam es nun zu den Treffen in geheimer Mission, die Aguilera in seinem Buch im Detail beschreibt. Die Aufgabe übernimmt José Chapiro. Der Spion mit Decknamen „Schulmeister“ – geboren in Kiew, Studium in Paris und Berlin, verheiratet mit einer Salzburgerin, wohnhaft in Madrid – trifft sich demnach am 7. März 1937 auf neutralem Terrain in Monaco mit einem Gesandten Mussolinis, dessen Identität unklar bleibt. Ziel der Operation: Italien dazu zu bewegen, sich aus dem Krieg herauszuhalten. Der Vertreter Italiens setzt den Preis dafür hoch an: „Wir fordern, die Auswanderung von 200.000 Italienern zuzulassen, die Hälfte ginge auf die Balearen, der Rest aufs Festland“, so der Spion. Man habe nach dem Vorbild Tunesiens bereits Ländereien auf den Inseln erworben. Weitere Forderungen: Luftstützpunkte auf den Balearen, Zollvergünstigungen, finanzielle Zahlungen. Aber der einzige Grund, warum man Franco nicht weiter unterstützen würde, wäre die Akzeptanz der Hauptforderung – die Besiedlung der Balearen.

Die romanhafte Szene im Buch ist mit spanischem Archivmaterial belegt. Über die Mission Chapiros informiert der Botschafter in Paris, Luis Araquistáin, in handschriftlichen Berichten an Premierminister Francisco Largo Cabellero. Auf Kopien davon stieß Aguilera bereits vor 17 Jahren in Stanford, im Archiv der Hoover Institution on War, Revolution and Peace, die Originale fanden sich in Madrid. Araquistáin war demnach überzeugt, dass Mussolini und Hitler den spanischen Putschisten weniger aus ideologischen, denn aus wirtschaftlichen und „kolonialen“ Gründen halfen und deswegen aufgeschlossen dafür sein müssten, im Gegenzug für ein Stück Spanien doch noch die Neutralität zu wahren: „Ich glaube, das ist die einzige Lösung“, so der Diplomat in einem Brief an Largo Caballero, „wir müssen die Nichtintervention erkaufen.“ Bei dieser Einschätzung spielte auch eine Rolle, dass die Hilfe der Sowjetunion für das republikanische Lager teuer und gering ausfiel und Frankreich sowie Großbritannien militärischen Beistand ablehnten. Dabei gab es durchaus Überlegungen, diese Hilfe ebenfalls zu „kaufen“ – mit einem Stützpunkt auf Menorca etwa oder Spanisch-Marokko.

Verhandlungen mit den Nazis

Auf deutscher Seite war Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht der Verhandlungspartner, wie aus den Berichten von Araquistáin hervorgeht. Mit ihm traf sich Spion Chapiro im März 1937 in Stockholm sowie im April in Brüssel, ein drittes Treffen fand mit einem Agenten namens Gruber statt. Verhandelt wurde über ein „Wirtschaftsabkommen“, Deutschland könnte die landwirtschaftliche Produktion Spaniens abnehmen, hieß es. Statt an den Balearen sei Hitler an den Kanaren interessiert gewesen, so Aguilera im Gespräch mit der MZ. Der Deal: Der „Führer“ ließ Mussolini mit seinen Mallorca-Plänen freie Hand, im Gegenzug akzeptierte der „Duce“ die Nazifizierung Österreichs.

Dass die Verhandlungen den Segen der republikanischen Regierung hatten, zeigt ein Brief der früheren Gesundheitsministerin Federica Montseny von Mai 1950. Die katalanische Anarchistin räumt darin die Existenz der diplomatischen Initiative ein, „einen Dialog mit Hitler selbst über die Überlassung der Balearen oder der Kanaren einzuleiten, wenn im Gegenzug jegliche Hilfe für Franco eingestellt wird“. In den Protokollen aus dem republikanischen Kabinett finden sich keine Hinweise, wohl wegen des geheimen Charakters der Operation.

Im Falle Deutschlands führt diese allerdings nicht weit, aus mehreren Gründen: Zum einen forderte die deutsche Seite ein offizielles Dokument als Beweis für die Ernsthaftigkeit des Vorschlags. Das wäre aber wohl für die republikanische Regierung zu heikel gewesen. Zum anderen hielt Hermann Göring nichts von dem Vorschlag: Der Verantwortliche der Luftwaffe wollte auf die „Erfahrungswerte“ der Legion Condor in Spanien nicht verzichten. Als dann kurz darauf Gernika bombardiert wurde, schien ohnehin klar, dass eine deutsche Neutralität wenig aussichtsreich war. Zudem musste Largo Caballero, oberster Befürworter der Verhandlungen mit den Faschisten, das Amt des Premiers im Mai 1937 an seinen Nachfolger Juan Negrín abgeben. Auch der Botschafter in Paris wurde ausgetauscht, Spion „Schulmeister“ entlassen. Weitere Hinweise könnte eine Recherche in deutschen Archiven bringen – freilich eine Aufgabe für deutschsprachige Historiker.

Mallorca als Kolonie Italiens?

Italien dagegen verfolgte eine doppelte Strategie – die Verhandlungen in Monaco erscheinen als eine Art Plan B. Die militärische Hilfe für Franco, die über die Vermittlung des berüchtigten mallorquinischen Bankiers Juan March zustande kam, nährte die Hoffnung Mussolinis auf eine Ausdehnung im Mittelmeerraum – eine Strategie, die er öffentlich beständig bestritt, intern aber offen einräumte. Mallorca sollte zunächst militärisch und politisch, dann vor allem wirtschaftlich durchdrungen werden. Die Insel wurde zu einer Art italienischem Flugzeugträger, unter den Piloten war auch Bruno Mussolini, der Sohn des „Duces“. Italienische Uniformen gehörten zum Stadtbild, die Rambla wurde zur Via Roma, eine „Casa de Italia“ sollte die italienische Sprache auf der Insel fördern. Die Faschisten dokumentierten sogar das Steuer- und Verwaltungssystem und überlegten, welche Gemeinden man fusionieren könnte.

Frankreich und Großbritannien unterdessen, bestens informiert dank ihrer Spione vor Ort, verfolgten die „friedliche Infiltration“ ebenso besorgt wie passiv. Aber auch den Putschisten gingen die Aktivitäten zu weit. So sehr Franco auf italienische Hilfe angewiesen war, so klar war auch, dass eine Abtretung Mallorcas für ihn nicht zur Debatte stand. In einem Geheimabkommen mit Italien Ende 1936 überließ er zwar Italien die Balearen als Stützpunkt, erhielt aber gleichzeitig die Zusicherung der territorialen Integrität Spaniens. Mussolinis Leute machten sich zudem zunehmend unbeliebt bei Militär und Bevölkerung, vor allem wegen Arconovaldo Bonaccorsi: „Conde Rossi“ galt auf der Insel als blutrünstiger Aufschneider.

Mit dem Sieg des Franco-Lagers 1939 war der italienische Spuk auf Mallorca quasi mit einem Schlag zu Ende. Die Soldaten zogen ab, im bald beginnenden Zweiten Weltkrieg wahrte Franco-Spanien seine Neutralität auch gegenüber Mussolini. Und auch die s’Albufera ist nicht mehr in italienischen Händen. Die Strohfirma Celulosa Hispánica wurde später unter unklaren Umständen verkauft, das Gelände 1988 zum ersten Naturschutzgebiet der Balearen erklärt. Statt italienischer Siedler nahmen schließlich britische Birdwatcher die s’Albufera ein.

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