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Supermarkt-Dynastie auf Mallorca: Die filmreife Geschichte der Familie Lavao

Francisco Lavao schuf ein Discounter-Imperium – und scheiterte letztlich dennoch. Mit seinem Petit Mercat in Palma zieht der Sohn die Konsequenzen daraus

Francisco Lavao junior packt in seinem Supermarkt mit an – von früh bis spät. | FOTO: NELE BENDGENS

Francisco Lavao hat eigentlich keine Zeit, sich für ein Interview hinzusetzen. Mitarbeiter bitten ihn darum, den großen Kaffeebehälter zu öffnen – das kann er am besten. Eine Kundin bleibt stehen, um von der Erkrankung ihres Mannes zu erzählen, die nächste will wissen, wie es Lavao geht. „Meine Kunden kennen mich“, sagt der Supermarktleiter. Wenn sie etwas nicht finden können, fragen sie den 53-Jährigen danach, er besorgt es. Ein kleiner Supermarkt überlebt am ehesten durch Kundenbindung und Personalisierung.

Manchmal geht die Rechnung auf, und der Kunde macht seinen Wocheneinkauf vor Ort. Andere kommen für das eine Produkt, das Lavao spezifisch für sie besorgt und machen die restlichen Einkäufe beim Discounter. „Das tut dann schon weh“, sagt Lavao. Kleine, von Einheimischen geführte Supermärkte wie den Petit Mercat im Carrer de Pérez Galdós in Palma gibt es kaum noch auf der Insel. Stattdessen dominieren die großen Ketten. Solche wie die, die Francisco Lavaos Vater einst gründete.

„Manchmal erzählen mir Kunden, dass sie für meinen Vater gearbeitet haben“, erzählt Lavao. Er habe teilweise das Gefühl, jeder Zweite auf der Insel habe mal für den verstorbenen Patriarchen gearbeitet. Francisco Lavao senior ist eine Legende unter den mallorquinischen Geschäftsleuten. Seine Syp-Supermärkte gehörten bis in die 2000er-Jahre zum Bild Mallorcas, brachten auf der Insel internationale und landesweite Ketten in Bedrängnis. Lavao senior verdiente mit den Syp-Supermärkten Millionen – und verlor am Ende dann doch alles.

Lavao verkaufte die Kette für 180 Millionen

Francisco Lavao junior spricht von seinem Vater voller Respekt. „Mein Vater war unglaublich mutig, im Gegensatz zu ihm bin ich geradezu ein Angsthase“, sagt er und lacht. Auch ein erstes Scheitern hatte Lavao senior nicht das Fürchten gelehrt. Syp – die Abkürzung steht für servicio y precio (Service und Preis) – war bereits seine zweite Supermarktkette. Die erste namens COP hatte er Mitte der 60er-Jahre mit 22 gegründet. Als COP 1977 in Konkurs ging, floh er vor seinen Gläubigern nach Argentinien. Die Polizei nahm ihn dort 1978 fest. Er verbrachte ein Jahr im argentinischen Gefängnis, zwei weitere im mallorquinischen.

Noch hinter Gittern gründete er Syp. „Mein Vater war ein Anführertyp“, beschreibt Lavao junior. Wenn der Senior eine Idee gehabt habe, habe er jeden davon begeistern können. So auch von seinen Supermärkten. 1982 eröffnete er den ersten Syp-Laden. Fünf Jahre später gab es 17 Filialen, 1997 waren es 236. „Irgendwann war das Wachstum exponentiell, ständig eröffnete eine neue Filiale“, erinnert sich Lavao junior an die Zeit. Letztendlich verkaufte Lavao senior seine Kette an den baskischen Großkonzern Eroski. Einen Teil 1997 für 90 Millionen Euro, den Rest 2007 für weitere 90 Millionen.

Die Supermarktkette Syp war auf Mallorca weiter verbreitet als so mancher internationale oder landesweite Konzern.    | FOTO: SYP

Die Supermarktkette Syp war auf Mallorca weiter verbreitet als so mancher internationale oder landesweite Konzern. | FOTO: SYP Marlene Weyerer

"Als Kind nicht gewusst, wie reich meine Familie war"

Über die filmreife Geschichte der Lavaos hat im vorigen Jahr der regionale Fernsehsender IB3 eine Dokumentation ausgestrahlt. Daran arbeitete unter anderem die Journalistin Ana Lavao, die älteste Tochter von Francisco Lavao junior. Sie ist 1998 geboren, hat die Millionärsjahre nur am Rande mitbekommen. „Als ich ein Kind war, habe ich nicht gewusst, wie reich meine Familie eigentlich war“, erzählt sie. Aber sie erinnert sich an viele Reisen, an Sorglosigkeit. Lavao junior sagt, er selbst habe nichts vom Verkauf gehabt, er sei schon zuvor aus den Geschäften des Vaters ausgestiegen. Andere Familienmitglieder erzählen in dem Film von einem Leben im Überfluss.

Doch die Geschichte von Francisco Lavao senior nahm noch einmal eine Wende. Statt sich nach dem Verkauf zur Ruhe zu setzen, gründete Lavao schon 1999 seine nächste Firma, dieses Mal investierte er in Immobilien. Doch Ávalo Inversiones ging ab 2008 mit dem Platzen der Immobilienblase unter, Lavao musste erneut Konkurs anmelden. In der folgenden Wirtschaftskrise konnte er nicht mehr Fuß fassen. 2010 fand man den leblosen Körper des Geschäftsmanns in einer Schlucht in Llucmajor. Sein Sohn ist sich sicher, dass der Vater sich nicht wegen Geldsorgen das Leben nahm. „Mein Vater hat immer gearbeitet, war von Menschen umgeben, unterwegs“, erklärt er. „Und plötzlich konnte er nichts mehr tun, keine Bank erlaubte einen Kredit, es war unmöglich, ein neues Unternehmen zu gründen, irgendwie weiterzumachen.“ Sein Vater sei daran zugrunde gegangen.

Francisco Lavao senior (1942–2010) ist eine Unternehmerlegende auf Mallorca. AZERTUM

"Mit harte Arbeit kann man alles erreichen"

Bei ihrer Arbeit für die IB3-Dokumentation faszinierte die Enkelin Ana Lavao vor allem der tiefe Fall ihrer Familie. Ihre Familie sei durch den Untergang des Immobilien-Unternehmens nicht arm geworden, aber der Abstieg aus dem großen Reichtum in den Mittelstand sei trotzdem hart gewesen. „Es klingt blöd, weil natürlich nichts Lebensnotwendiges gefehlt hat“, erklärt sie. Die Lavaos hätten genug zu essen gehabt und auch genug, um in den Urlaub zu fahren. „Aber wenn man gewohnt ist, wann man will, ein neues Auto zu kaufen, reisen zu können, so viel man will, wohin man will, dann ist es eben ein Abstieg“, sagt sie. Trotz des Scheiterns am Ende blieb bei Ana Lavao von ihrem Großvater vor allem eines hängen: „Er hat gezeigt, was man alles mit harter Arbeit erreichen kann“, sagt die junge Frau. Als Kind habe sie so werden wollen wie er.

Franzisco Lavao senior galt als Arbeitstier. Er konferierte bereits um fünf Uhr morgens mit Angestellten in den Lagerhallen, war ständig für alle erreichbar. „Mein Vater bestand zu 99,9 Prozent aus Arbeit“, erzählt der Junior. Er kann sich nur an ein oder zwei Gespräche mit seinem Vater erinnern, in denen es um etwas anderes ging. Diese Arbeitsmoral scheint er an seinen Sohn weitergegeben zu haben. Im Gespräch ist Francisco Lavao junior durchgehend unter Strom, sein Bein bewegt sich auf und ab, seine Augen folgen den Kunden im vollen Supermarkt. Normalerweise würde er in der halben Stunde Waren auspacken, sich bei einer langen Schlange zusätzlich hinter die Kasse stellen, Kunden beraten. Francisco Lavao junior ist der dritte von fünf Söhnen des Geschäftsmannes. Knapp vor seinem 14. Geburtstag begann er in den Supermärkten seines Vaters zu arbeiten. Erst in der Metzgerei und dem Verkauf, dann arbeitete er sich hoch und leitete irgendwann einen Supermarkt auf Menorca. Sein Abitur machte er an der Abendschule. Mit 20 Jahren beschloss er, eigene Wege zu gehen, während seine Brüder allesamt weiter für den Senior arbeiteten.

Supermarkt mit Tante-Emma-Charme

Lavao junior gründete eine Modekette namens „Amano“ mit in der Hochzeit 20 Läden in verschiedenen spanischen Städten. Doch als 1998 seine erste Tochter auf die Welt kam, fing er an, die Läden zu verkaufen. „Ich war immer nur unterwegs und wollte auch Zeit mit meiner Familie verbringen“, erklärt er. Hier verhielt er sich anders, als es sein Vater vorgelebt hatte. Ana Lavao erzählt, dass Lavao junior zwar viel gearbeitet habe, aber trotzdem eine Vaterfigur für sie war. „Er hatte das bei seinem eigenen Vater vermisst und hat deswegen sehr darauf geachtet, für uns da zu sein“, erzählt die Journalistin. „Mein Großvater war dagegen für uns Enkel immer vor allem Unternehmer, nicht unser Opa“, sagt sie.

Nachdem er seine Modemarke aufgegeben hatte, ging Lavao junior wie sein Vater in die Immobilienbranche, auch er verließ diese Geschäfte mit Beginn der Wirtschaftskrise 2008. „Ich kam zum Glück ohne Schulden raus, aber es war keine schöne Zeit“, erinnert er sich. Aus Notwendigkeit übernahm er im Jahr 2008 ein Geschäft am Carrer de Pérez Galdós, in dem einer seiner Brüder vor der Wirtschaftskrise Tiefkühlwaren verkauft hatte. Und eröffnete einen Supermarkt. So schloss sich ein Kreis, der vor vielen Jahren beim Tante-Emma-Laden seiner Großmutter begann. Denn auch Lavaos Petit Mercat hat den Charme dieser Läden: Auf kleinem Raum ist gefühlt alles zu finden, Verkäufer und Kunden kennen sich.

Sieben Tage die Woche von 7 bis 20 Uhr

Aber es hat alles seinen Preis. Francisco Lavao junior arbeitet mal wieder wie verrückt: sieben Tage die Woche von 7 bis 20 Uhr. Seine Frau führt das Es Petit Mercat Bistro nebenan, wo sie mittags Hausmannskost anbietet. So sehen sich die Eheleute hin und wieder auch tagsüber. Lavao führt den Laden laut eigener Aussage mit einer ähnlichen Philosophie wie sein Vater – gute Ware, möglichst günstig. In alter Familientradition weitere Filialen zu eröffnen, plant er nicht. Die Wirtschaftslage gebe das im Moment nicht her. Und er sei eben weder so mutig noch so mitreißend wie sein Vater. „Wenn mein Vater bestimmte Kekse verkaufen wollte, hat er einfach eine Keksfabrik gebaut“, sagt Lavao. „So funktioniert das heutzutage nicht, noch weniger ohne den Charme meines Vaters.“ So sehr er sich Charme abspricht, der moderne Tante-Emma-Laden ist sehr beliebt, genauso wie sein Leiter. Am Tag des Interviews ebbt der ständige Kundenstrom nicht ab, ebenso wenig die Grüße an Lavao. Er mag kein Imperium leiten, aber seinen Laden führt er mit Energie und Sympathie. Vielleicht trägt er gerade so die Familientradition weiter.

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