Mallorca Zeitung

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Die Wächterin des höchsten Bergs von Mallorca

Mit María Cruz Acero führt jetzt erstmals eine Frau den Stützpunkt der Luftwaffe auf dem Puig Major. So führt sie ihre Mission aus

María Cruz Acero vor dem Puig Major. Nele Bendgens

Den höchsten Berg Mallorcas hatte María Cruz Acero schon vor sieben Jahren ständig im Blick, als sie auf die Insel versetzt wurde. Stationiert war sie zunächst auf der Luftwaffenbasis Son Sant Joan, gelegen direkt neben dem gleichnamigen Großflughafen, als Besatzungsmitglied des Seefernaufklärers CASA CN-235. „Die Kuppel auf dem Puig Major kann man bei gutem Wetter sehr gut von Son Sant Joan aus sehen“, so Acero. „Und ich sagte mir: Eines Tages werde ich Chefin von EVA-7 sein.“

Seit August ist die 44-Jährige aus Kastilien-León nun tatsächlich Kommandantin des Escuadrón de Vigilancia Aérea Nummer 7, des Stützpunkts auf dem Dach Mallorcas, von wo aus das von der Kuppel geschützte, dreidimensionale Radargerät den Luftraum über dem Mittelmeer überwacht. Und im Gegensatz zu ihrem Amtsvorgänger hat sie ihr Büro direkt auf der Bergspitze, im militärischen Sperrgebiet in knapp 1.450 Meter Höhe, und nicht im Basislager weiter unten, zwischen der Tramuntana-Straße Ma-10 und dem Stausee Cúber. Acero ist so direkt eingebunden in das Team von technischen Spezialisten der Luftwaffe, das sich darum kümmert, dass das Radar zu jeder Zeit voll funktionsfähig ist.

Dienststelle auf der Bergspitze

Ihr Büro unten, das wie der gesamte Komplex den Charme der 60er- und 70er-Jahre versprüht, nutze sie in der Regel einmal pro Woche für Besprechungen, sagt Acero beim MZ-Besuch. Derzeit sind 65 Militärangehörige und fünf Zivilisten hier beschäftigt, deutlich weniger als in früheren Jahren, als das Radar noch komplett manuell betrieben wurde. Nur wenige Soldaten sind an diesem Donnerstagmorgen (26.10.) zu sehen, alle salutieren beim Anblick der Kommandantin. Es gibt einen Exerzierplatz, eine Kantine und die Cafeteria „Las Palmeras II“, eine Krankenstation, Fitnessräume, eine Kapelle, auch ein Friseurzimmer, aber schon länger kein Friseur mehr.

Pittoresk: Der Puig Major auf Mallorca mit verschneitem Gipfel. Iñaki Moure

Und dennoch herrscht inzwischen wieder mehr Leben, im Vergleich zum letzten MZ-Besuch vor zehn Jahren. Zwar dürfen die Soldaten, abgesehen vom Bereitschaftsdienst, auch extern schlafen, solange die Anfahrtszeit eine Stunde zum Stützpunkt nicht überschreitet. Dennoch ist das Wohngebäude auf dem Gelände wieder voll belegt. Acero verweist auf die herrschende Wohnungsnot. Die Einsatzkräfte, die nach Mallorca versetzt werden und hier in der Regel keine Familie haben, kämpfen mindestens ebenso mit den hohen Mietpreisen wie der Rest der Bevölkerung. Inzwischen überlege man, ein weiteres Wohngebäude, das nach dem Ende der Wehrpflicht 2001 und der Reduzierung der Belegschaft aufgegeben worden war, wieder instand zu setzen und in Betrieb zu nehmen. Für den Teamgeist sei die Entwicklung durchaus gut, so die Kommandantin: „Man isst und lebt zusammen, es gibt mehr Kameradschaftsgefühl.“

Acero ist die erste Kommandantin auf dem Puig Major und eine von derzeit elf Frauen in der Einheit. EVA-7 liegt somit etwas über dem durchschnittlichen Frauenanteil von 14 Prozent in der spanischen Luftwaffe. Das sei nach 35 Jahren, in denen das spanische Militär auch weibliche Soldaten aufnimmt, noch immer wenig, aber mehr als in den meisten anderen Ländern, so die Kommandantin. „Wenn die Frauen in den Streitkräften in der allgemeinen Wahrnehmung sichtbarer wären, würden wir den jungen Frauen mehr Optionen bei der Berufswahl geben“, glaubt Acero, deren Nachnamen auf Deutsch „Stahl“ bedeutet.

Kommandantin und Mutter

Eine Herausforderung ist jedoch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wegen der vorausgesetzten Verfügbarkeit bei Bereitschaftsdiensten, bei Übungen, bei Einsätzen. „Es ist kompliziert“, so die alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter. „Ich habe keine Familie auf Mallorca, manchmal muss ich Freunde anrufen oder aufs Festland fliegen, um meine Tochter bei meinen Eltern zu lassen.“ Viele hätten sie gefragt: Wie konntest du dich als Mutter auf diese Stelle bewerben? „So denke ich aber nicht. Nicht weil ich impulsiv bin, sondern weil ich ein Ziel definiere und für eine Lösung kämpfe. Ich möchte als Mutter nicht auf meinen Beruf verzichten.“

Nach Somalia und Libyen

Als besonders erfüllend habe sie ihren Job besonders bei Auslandseinsätzen erlebt, als Besatzungsmitglied bei Aufklärungsflügen. So führte sie die Operation Atalanta nach Somalia, wo der Schiffsverkehr im westlichen Indischen Ozean vor Piraten geschützt werden musste. In der Operation Sofia ging es dann in libysche Gewässer, um gegen den Menschenschmuggel vorzugehen. In Echtzeit übermittelte das Aufklärungsteam die gewonnenen Informationen, wenn Migranten die Boote bestiegen, damit diese dann umgehend gerettet werden konnten. „Man erlebt vor Ort, wie man mit seinen Kenntnissen und seiner Arbeit einen konkreten Beitrag für die Gesellschaft leisten kann“, sagt Acero.

Der Einsatz auf dem Puig Major ist Kontrastprogramm, hier geht es vor allem um Mitarbeiterführung. „Wir Offiziere streben einen Befehlsposten an“, erklärt Acero. „Es ist sehr inspirierend und motivierend, für eine Einheit verantwortlich zu sein“, dafür zu sorgen, dass alle ihren Job bestmöglich machen können und die Ressourcen gut verwaltet sind. Eine zusätzliche Herausforderung sei die Fluktuation. Denn die Soldaten, die vom Festland nach Mallorca versetzt werden und auf der Insel mit ihren hohen Lebenshaltungskosten keine familiären Bindungen haben, bleiben in der Regel nicht allzu lange. Immerhin werde inzwischen mehr investiert: Ähnlich wie in Deutschland stehen auch in Spanien seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs militärische Belange wieder stärker im Mittelpunkt, und es gebe spürbar mehr Bewusstsein dafür auf politischer Ebene.

Radfahren, laufen, Gleitschirm

In der Balearen-Politik gerät der Puig Major immer mal wieder auf die politische Agenda, wenn linke Parteien den allgemeinen Zutritt ins Sperrgebiet fordern. In den 1950er-Jahren hatten zunächst die USA auf dem Puig Major militärisch Stellung bezogen und eine erste Radaranlage installiert, auf Basis eines Abkommens mit Franco. Schon 1964 zogen die US-Amerikaner wieder ab, und die Spanier übernahmen. Heute ist der Standort in das Nato-Netzwerk eingebettet.

Man übt sich in Transparenz und Flexibilität. Jede Woche gingen Anfragen von Sportlern oder Ausflüglern ein, von kleinen wie großen Gruppen, die Zutritt ins Sperrgebiet beantragen. „Wir sind dafür offen“, so Acero, „die Bevölkerung soll wissen, was wir hier tun.“ Voraussetzung sei immer, dass die Arbeit nicht beeinträchtigt werde und niemand in Gefahr komme. Vergangenes Jahr wurde erstmals das Radrennen „Kill the Hill“ auf dem Puig Major ausgetragen. Der vom Militär organisierte Berglauf „Desafío Fas“ führt von Port de Sóller bis auf die Bergspitze, soll aber 2024 in einen für Breitensportler zugänglicheren Lauf umgewandelt werden. „Wir wollen auch ermöglichen, dass im Verein organisierte Sportler künftig Gleitschirm fliegen können.“

Eigentlich hatte Jan Eric Schwarzer für sein Event eine Abfahrt nach Sa Calobra geplant. Dann kam der Puig Major ins Spiel. | FOTO: KATHRIN SCHAFBAUER Ralf Petzold

Die Kommandantenstelle auf dem Puig Major ist kein Job fürs Leben, sondern auf drei Jahre begrenzt. Wie soll es danach weitergehen? „Ich habe viele Ideen. Ich würde mich gerne auf eine Stelle im Ausland bewerben, in einer internationalen Organisation wie der Nato oder der Uno.“ Wenn es so weit ist, wird dann auch das Foto von Acero in der bislang rein männlichen Ahnengalerie an der Wand vor dem Amtszimmer hängen.

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