27. Dezember 2016
27.12.2016
40 Años

Hundert Jahre Ca's Sarrier in Sóller: Die Schwiegertochter ist immer die Nächste

Der kleine Laden verkauft handgefertigte mallorquinische Produkte. Und geht jetzt schon zum vierten Mal von Frau zu Frau über

29.12.2016 | 15:56
Gràcia Andreo (re.) übernahm das Geschäft von ihrer Schwiegermutter Catalina Busquets (li.).

Wer sich als Frau in die Familie Bernat einheiratet, entscheidet sich nicht nur für einen Ehemann. Bereits zwei Generationen haben das Familiengeschäft Ca´s Sarrier in Sóller an die Schwiegertöchter weitergegeben – mit Erfolg. Seit dem 6. November sind es 100 Jahre, in denen der Laden in der Carrer de Sa Lluna traditionelle mallorquinische Handarbeitsprodukte verkauft. „Nicht Werbung oder Glück spielen eine große Rolle", sagt die aktuelle Inhaberin Gràcia Andreo. „Das Geheimnis des Erfolgs ist eine ehrliche Art und das Vertrauen der Kunden zur Verkäuferin."

Die Familie Bernat war nicht immer die Eigentümerin von Ca´s Sarrier. Vicenç Bauzà eröffnete das Geschäft 1916, um Schnüre und andere Produkte aus Esparto-Gras zu verkaufen. Verantwortlich für den Laden war damals seine Frau Sarrier, nach der das Geschäft auch benannt wurde. Catalinas Schwiegereltern Francisca Fullana und Miquel Bernat kauften den Laden 1941, als sie aus Frankreich zurückkehrten. „Da meine Schwiegereltern nur Söhne hatten und die alle anderweitig berufstätig waren, ging der Laden später an mich", sagt Catalina Busquets. Das gleiche Schicksal ereilte Gràcia Andreo vor drei Jahren. Damals stand auf der Kippe, ob Ca´s Sarrier den runden Geburtstag erreichen würde. „Als meine Schwiegermutter 2011 in Rente ging, hat sie ­versucht, alles zu verkaufen. Die Ladenhüter hat sie weggeschmissen. Auch war dringend eine Renovierung notwendig. So hatten wir zwei Jahre lang geschlossen."

Für Gràcia Andreo war der frei gewordene Arbeitsplatz eine glückliche Wendung. Die Leiterin einer Kindertageseinrichtung hatte kurz zuvor ihren Job verloren. Mit den Kontakten von Catalina Busquets zu den Produzenten füllte sie die Regale wieder mit reichlich Körben, Hüten und Besen aus Esparto-Gras auf. Auch die espardenyas, die typischen Sommerschlappen, gehören zum Sortiment.

Kritisch sieht Andreo das Aussterben des hiesigen Handwerkes. „Viele der Produzenten sind ­ältere Leute, die kurz vor der Pensionierung stehen", sagt sie. Ganz schlecht stehe es um den mallorquinischen Besen. „Den stellt nur noch ein älterer Herr in Pollença her. Seine drei Söhne arbeiten zwar auch mit Esparto-Gras, haben sich aber auf Körbe spezialisiert." Was ihnen nicht zu verdenken sei, schließlich ginge ein handgefertigter Besen im Ca´s Sarrier für gerade mal 3,90 Euro über die Ladentheke – da lohne der Aufwand kaum. Für Produzent und Verkäufer sind die mallorquinischen Körbe lukrativer. Für einen Korb in mittlerer Größe zahlt der Kunde im Schnitt 30 Euro. „Die sind sehr beliebt und verkaufen sich wie von alleine", sagt die Inhaberin.

Außerhalb der Tourismussaison ist Andreo auf die Mallorquiner angewiesen. Viele kommen auf einen Plausch mit der 39-Jährigen vorbei – man kennt sich. Den großen Umsatz verzeichnet sie dadurch nicht: Hier mal eine Rolle Schnüre, dort ein Paar Einlegesohlen. „Finanziell lohnt sich das für mich nicht. Ich biete sie für die Kunden an, weil sie es gewohnt sind, diese Produkte hier zu kaufen." Auch die dreimonatige Winterpause des Touristenzuges „Roter Blitz" schadet dem Geschäft, da dadurch weniger der verbliebenen Urlauber in die Carrer de Sa Lluna kommen.

Doch Ca´s Sarrier hat schon ganz andere Zeiten überstanden. „Die schwierigste Periode war die Nachkriegszeit", sagt Catalina Busquets. „Niemand hatte Geld, um sich neue Sachen zu leisten." Gefragt waren damals die günstigen mallorquinischen Schuhe. „Damit sie länger hielten, haben wir die Sohle mit einer Masse aus Butter, Wasser und Pferdekot verstärkt", erzählt die 70-Jährige.

Diese Sorgen plagen Andreo heute nicht. Ein Problem stellt die Konkurrenz aus Afrika und Asien dar, mit der die mallorquinische Ware preislich nicht mithalten kann. Manches davon verkauft auch Gràcia Andreo, aber sie weist die Kunden stets auf die Herkunft hin. „Mallorquinische Produkte mögen mitunter teurer sein, aber das ist auch eine Frage der Qualität", sagt Andreo. Das Esparto-Gras etwa werde eigens im Ofen geschwefelt, damit es die typisch weiße Farbe annimmt.

Geht es nach der Familie Bernat, wird das Geschäft noch weitere 100 Jahre bestehen. Einen Sohn hat Andreo nicht, dafür aber eine 7-jährige Tochter. Doch die kleine Gràcia zeigt derzeit noch kein Interesse, den Laden zu übernehmen.

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