17. April 2018
17.04.2018
40 Años

Kunst ohne Hemmungen auf Mallorca

Violetta Jesse de Jansen aus Cala Ratjada will einen Künstlerstammtisch in Capdepera etablieren, der Kunstinteressierte und Künstler zusammen bringen soll. Ihre Geschichte beginnt auf einem Segelboot

17.04.2018 | 19:38
Künstlerin und Kunsttherapeutin Violetta Jesse de Jansen in ihrem Atelier in Cala Ratjada

Es war ein stürmischer Tag Ende der 50er-Jahre, der vieles verändern sollte. „Mein Vater war Schiffsbauingenieur und im Mittelmeer unterwegs, als der Mast brach", erzählt Violetta Jesse de Jansen. Notgedrungen kehrte der Niederländer in den Hafen von Cala Ratjada ein – und lernte noch am selben Abend seine Traumfrau, eine Festlandspanierin, kennen. Drei Monate später heirateten die beiden, umsegelten fortan gemeinsam die Meere. Wenige Jahre später wurde Violetta geboren, bei einem Stopp in Cannes.

„Ich wuchs auf dem Schiff auf, lernte die verschiedensten Länder kennen", berichtet Violetta Jesse de Jansen und nippt lächelnd an ihrem Tee. Ihr Deutsch ist akzentfrei, ebenso wie ihr Spanisch. Auch Englisch und Französisch habe sie damals ganz automatisch gelernt, und Niederländisch und Mallorquinisch verstehe sie. Auf den ersten Blick vermutet man nicht unbedingt, dass Violetta Jesse de Jansen zwischen Wogen und Masten, zwischen verschiedensten Ländern und Nationalitäten aufgewachsen ist. Und auch nicht, dass sie Künstlerin ist. Die 55-Jährige scheint bürgerlich: ein großzügiges Haus mit Garten, ein Mann, drei erwachsene Töchter.

Gleichzeitig strahlt sie eine Gelassenheit und Herzlichkeit aus, die fern ist von stereotyper künstlerischer Arroganz oder Eitelkeit. „Was wären wir Menschen ohne Kunst?", fragt sie schlicht. Und was nütze Kunst, wenn niemand sie sieht? „Viele Menschen haben Hemmungen, in Galerien zu gehen. Vielleicht, weil sie sich dort gedrängt fühlen, etwas zu kaufen", sagt sie und lässt ihren Blick über das geordnete Chaos ihrer Kunstwerkstatt gleiten. „Sonst ist es hier viel voller", sagt sie. Doch viele ihrer Werke hängen seit Ende März in einer Bar in Capdepera. Nah am Menschen, zwischen Latte macchiato, Tapas und Alltagsgesprächen. „Dort einen Künstlerstammtisch zu organisieren wäre toll. Für Menschen, die gern ungezwungen ­Künstler treffen wollen, und auch für uns Künstler", sagt sie.

Nein, sie habe nie in Erwägung gezogen, selbst Seefahrerin zu werden. Es waren Gemälde und Skulpturen, die ihre Kindheit auf dem Meer prägten. Ständig seien zwei, drei Matrosen auf dem Schiff ihrer Eltern mitgesegelt. „Und das waren immer Künstler." Denn von der Kunst habe man damals genau so schwer leben können wie heute. Sie erinnert sich an die ruhigen Stunden auf hoher See, in denen sie sich zu den Künstlern setzte, die Entstehung ihrer Werke und ihre Diskussionen mitbekam, selbst malte und Tipps bekam. „Es waren Bildhauer und Maler mit unterschiedlichsten Charakteren und Stilrichtungen. Vielleicht lege ich mich deshalb so ungern fest", sagt Violetta Jesse de Jansen nachdenklich. Sie mag es nicht, wenn man ihren Kunststil katalogisiert. „Ich will mir die Freiheit nicht nehmen lassen, vielfältig zu arbeiten", sagt sie.

Mediterran-moderne abstrakte und expressionistische Acrylgemälde hängen an den Wänden im Atelier. Die, die nicht gerade in der Bar ausgestellt sind. In einem Regal stehen Skulpturen, die ethnisch anmuten und sich wie große Blüten öffnen. „Japanpapier und Wollfasern, gespickt mit Rosenstacheln", erklärt Jesse de Jansen. Sie arbeitet gern mit Natur­materialien. Mit Blüten, die sie im Wald sammelt, oder mit persönlichen Gegenständen. So, wie dem alten Sägeblatt, mit dem ihr Vater einst das erste große Schiff baute, und das nun in ein Gemälde ­eingearbeitet ist. Und dann ist da die Wolle. Was von Weitem wie weitere Acrylgemälde aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als dreidimensionale Wunderwerke. Schicht um Schicht verhakt Jesse de Jansen die gefärbte Wolle in den ­Naturfaserleinwänden, stellt plastische Bilder her.

Es war in ihrer Zeit als Waldorf­pädagogin in Witten, als sie das Material lieben lernte. Damals, mit 23, als sie bereits mit ihrem Mann in Deutschland lebte, mit einer Ausbildung als Naturheilkundlerin in der Tasche. Dazu hatten sie ihre Eltern gedrängt, als sie ihnen eröffnete, dass sie in Deutschland sesshaft werden wollte. „Mir war klar, dass dieser Beruf nicht das Richtige für mich ist, aber auch, dass ich von der Kunst nicht leben kann." Mit der ­Waldorfpädagogik konnte sie sich schon eher anfreunden. Und so entwickelte sie in ihrer Freizeit ihre eigene Technik, die Wolle zu verarbeiten. „Damit Fuß zu fassen, ist schwer", sagt sie. Wolle sei für viele dann doch eher ein Material für die Kinderbastelstunde. Doch Künstler, die nur produzieren, um Geld zu machen, verraten ihre Künstlerseele, findet Jesse de Jansen. Heute ist sie froh, dass sie finanziell nicht vom Verkauf ihrer Werke abhängt.

Es war Mitte der 80er-Jahre, als auch ihre Eltern entschieden, das Leben auf See aufzugeben und sich niederzulassen. In Cala Ratjada natürlich, nah am Meer und dem Hafen, an dem sie sich erstmals begegnet waren. Im Jahr 2002 zog Violetta Jesse de Jansen mit Mann und Töchtern hinterher. Heute ist ihr Atelier in dem Teil des Hauses untergebracht, das ihr Vater einst als Viehstall erbaute. Der Umzug nach Mallorca sei wie ein Neuanfang gewesen, die Kunst weiter in den Vordergrund gerückt. Sie errichtete ein Kinderatelier, 2010 bildete sie sich in Palma zur Kunsttherapeutin aus. Seitdem kommen Kinder, Jugendliche aber auch Erwachsene mit verschiedensten Diagnosen zu ihr. Essstörungen, ADS, Depressionen. Zum Malen, Töpfern, Basteln. Die Kunst und der Umgang miteinander helfe ihnen, ruhiger zu werden, zu reflektieren.

Wenn die Kinder gehen, setzt sie sich an ihre eigenen Werke und pflegt Kontakt zu anderen Künstlern in der Region. „Es gibt viele, die tolle Arbeit machen", findet sie. Abnehmer, die dafür angemessen zahlen, seien dagegen rar. Auch das könne sich nur durch gegenseitige Annäherung ändern. Vielleicht ist der Künstlerstammtisch ein erster Schritt.

Bilder von Violetta Jesse de Jansen sind noch bis zum 14. Mai in der Bar „Nou Sigle XII" in Capdepera zu sehen. Dort soll sich ab sofort jeden Monat ein anderer Künstler (auch Musiker und Poeten) präsentieren. Der erste Künstlerstammtisch startet am Freitag (20. April) um 17 Uhr und findet von da an wöchentlich statt. Geplant sind jeweils kleine, kostenlose Mitmach-Workshops, bei denen die jeweiligen Künstler ihre Spezialgebiete vorstellen. Mehr Infos über Violetta Jesse de Jansen auf https://www.facebook.com/violetta.jessedejansen

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