02. März 2019
02.03.2019

Erfolgreich Auswandern trotz Startschwierigkeiten

Wie der Schwabe Matthias Sohn es schaffte, Mallorca als seine Heimat anzusehen - obwohl er sich anfangs gar nicht wohl fühlte

02.03.2019 | 01:00
Sind sich schon seit dem Kindergarten vertraut: Maties Sohn und seine Frau Joana Colom Cifre

Matthias Michael Sohn heißt seit rund 30 Jahren offiziell Maties Miquel Sohn Nanz. Er hat die spanische Staatsbürgerschaft und nur noch der Geburtsort im spanischen Personalausweis deutet auf seine Heimat Esslingen bei Stuttgart hin. Seit 40 Jahren lebt Maties Sohn in Pollença im Norden von Mallorca, spricht fließend Mallorquinisch und ist ein Musterbeispiel für Integration. Kein Wunder – seine Familie fühlt sich bereits seit 1929 mit dem Städtchen im Nordwesten der Insel verbunden. Dabei war es zwischen Sohn und dem Eiland nicht gerade Liebe auf den ersten Blick.

„Alles begann mit einem Malwett­bewerb", erzählt Maties Sohn und setzt sich auf eines der farbenfrohen Sofas in seinem geräumigen Wohnzimmer. „Ich stamme nun einmal aus einer Künstlerfamilie." Das ist nicht zu übersehen. Das helle und einladende Anwesen wenige Gehminuten außerhalb von Pollença, in dem Maties Sohn mit seiner Frau Joana lebt, gleicht einem Museum. An den Wänden hängen dicht aneinander große gerahmte Bilder. „Die dort sind alle von ­meinem Großvater", sagt der 65-Jährige und deutet auf mehrere Frauenporträts. Der Großvater, Hermann Sohn, einst Kunstpädagoge und Professor an der Stuttgarter Akademie der bildenden Künste, sei in seiner Heimat Esslingen-Mettingen bis heute ein Begriff. „Ein Platz ist nach ihm benannt, wohl auch, weil er unter den Nazis Malverbot hatte", sagt der Enkel.

Maties Sohn hat seinem Großvater Pollença zu verdanken. „1929 gewann mein Großvater einen Kunstwettbewerb. Der Preis war eine Reise durch Europa." Hermann Sohn zog es nach Madrid, Barcelona und schließlich Mallorca. „Er machte die damals klassische Route: Palma, Valldemossa, Sóller, Artà, Sa Pobla. Alles, was mit dem Zug zu erreichen war." Pollença lag ein wenig abseits, war aber, auch dank der Bilder von Malern wie Hermen Anglada-­Camarasa und Tito Cittadini, unter Künstlern für seine Schönheit bekannt.

Hermann Sohn war so beeindruckt, dass er Jahrzehnte später auch seiner Schülerin und Schwiegertochter Gerlinde nahelegte, mit ihrem Mann Peter-Paul nach Pollença zu reisen. „Meine Mutter malte gern Landschaften, und mein Großvater behauptete immer, Pollença sei landschaftlich der schönste Ort, den er je gesehen hat", sagt Maties Sohn. Das junge Paar kam erstmals 1952 für einige Monate und kehrte dann 1957 mit dem knapp vierjährigen Matthias und seiner anderthalbjährigen Schwester Isabella zurück. „Es war alles ziemlich kompliziert mit den Visa, in Spanien herrschte Diktatur, und wir mieteten uns in ein Haus ohne fließend Wasser ein", erinnert sich Maties Sohn. Die Mutter musste die Wäsche im öffentlichen Waschhaus mit der Hand schrubben. „Es gab im ganzen Ort vielleicht fünf Autos, alles andere wurde über Eselskarren geregelt." Sein Vater, ein Jazzmusiker, hatte schon bei seinem ersten Besuch Freundschaft mit einem Trompeter aus dem Dorf geschlossen. „Pep ist mein Patenonkel, und bis heute ein guter Freund von mir", sagt Maties Sohn.

Seine Eltern seien damals Exoten gewesen, viele Ausländer gab es damals noch nicht auf Mallorca. „Aber sie waren offen, mein Vater war keiner Feier abgeneigt, und es fiel ihnen leicht, Kontakte zu knüpfen." Rückblickend sei es ein Paradies gewesen, sagt Sohn. „Trotzdem war ich wohl daran schuld, dass meine Familie nicht ganz da geblieben ist. Ich bekam Heimweh, weil ich mit der Sprache Probleme hatte, und noch bevor das erste Jahr um war, mussten Verwandte mich wieder abholen. Kurze Zeit später kehrten auch meine Eltern mit meiner Schwester nach Deutschland zurück."

Die Beziehung der Familie Sohn zu Pollença aber riss nicht ab. Mehrmals verbrachten sie in den folgenden Jahren längere Urlaube dort, pflegten die Kontakte. „Als ich 18 und mit der Schule fertig war, wanderten meine Eltern dann endgültig aus und kauften ein Haus in Pollença." Das war 1972. Auch Maties Sohn selbst kam in jenem Jahr auf die Insel, um seine Eltern zu besuchen. Sein Vater stellte ihm die Tochter des Dorfschmieds vor: Joana Colom Cifre. „Wir fanden später heraus, dass wir wohl einst im gleichen Kindergarten waren. Vermutlich waren unsere Gerüche uns deshalb vertraut." Die beiden wurden ein Paar, Maties Sohn kehrte dennoch wie geplant zum Wehrdienst und dann zum Romanistik- und Germanistik-Studium nach Süddeutschland zurück. „Meine Familie wohnt seit Jahrhunderten in Pollença, aber sie nahm Maties herzlich auf. Für die Leute im Dorf war es aber schon ein starkes Stück, als ich ihm unverheiratet eine Zeit lang nach Deutschland folgte", erinnert sich ­Joana Colom.

Um nicht immer Englisch mit seiner Liebsten sprechen zu müssen, belegte Sohn einen Katalanischkurs an der Uni in Tübingen. „Damals war mir bereits klar, dass ich wohl doch irgendwann nach Pollença ziehen werde." 1979, Spanien war inzwischen wieder eine Demokratie, verwirklichte er sein Vorhaben. „Es war eine absurde Situation. Ich habe mir in der ersten Zeit in Pollença tatsächlich mein Geld damit verdient, als Privatlehrer den Mallorquinern die katalanische Schriftsprache beizubringen" sagt Maties Sohn. Das Franco-Regime hatte Katalanisch unterdrückt, die Menschen sprachen es zwar, schrieben es aber nicht. Bis heute sprechen Maties und Joana untereinander Katalanisch. „Spanisch kann ich gar nicht so gut, ich brauche es fast nie", sagt Maties Sohn.

Viele Jahre arbeitete er als Deutschlehrer am öffentlichen Gymnasium in Pollença. Heute ist er in Rente, die gemeinsamen Kinder Ricard (32) und Laura (28) sind aus dem Haus. Einmal pro Woche geht Sohn in den Club Pollença, um seinen Patenonkel Pep zu treffen – den letzten ihm nahestehenden und noch lebenden Menschen aus der Generation seiner Eltern. Sohn macht Zen, liebt die Garten- und Handarbeit und die Meditation. „Ein typischer Pädagoge bin ich gewiss nicht, ich lehne das Bildungssystem ab und lese kaum."

Dass Pollença letztlich sein Schicksal war, hat er schon lange akzeptiert. Trotz des Wandels, der die Insel erreicht hat. „Früher haben wir eine Stunde mit dem Eselskarren von Pollença nach Port de Pollença gebraucht. Heute braucht man eine Stunde, um vom Lidl-Parkplatz auf die Schnellstraße einzubiegen, weil so viel Verkehr ist." Aber das passiere eben mit Orten, die schön sind. Und das sei Pollença nach wie vor – keine Frage.

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