06. Januar 2020
06.01.2020

Bei ihr kann man auf Mallorca aus der Ferne studieren

Der Balearen-Ableger der Fernuniversität UNED hat eine neue Leiterin: Nach 29 Jahren in der Schweiz freut sich die quirlige Galicierin Judit Vega auf die Arbeit "zu Hause"

06.01.2020 | 09:31
Judit Vega in der Bibliothek der in Palmas Gewerbegebiet Son Castelló untergebrachten Fernuniversität.

Judit Vega ist im Stress. Noch bevor wir zum vereinbarten Interview in ihrem Büro Platz genommen haben, klopft es zwei Mal an der Tür. „Ich will zurück in die Schweiz", stöhnt sie gespielt und sucht auf ihrem Schreibtisch nach Unterlagen. Die gebürtige Galicierin studierte in Fribourg, blieb der Liebe wegen in der Schweiz und war in den vergangenen 16 Jahren Direktorin der spanischen Fernuni in Bern. Seit mehr als anderthalb Monaten leitet sie nun die Universidad Nacional de Educación a Distancia (UNED) auf den Inseln. Die Frage nach ihrem Alter beantwortet die Geografin, Kulturhistorikerin und Spanischdozentin mit Oscar Wilde: „Einer Frau, die einem ihr wahres Alter sagt, sollte man niemals trauen. Eine Frau, die einem das sagt, würde einem alles sagen."

Was macht eine Uni hier im Gewerbegebiet Son Castelló?
Ja, das ist etwas seltsam. Wir sind sozusagen die Exoten hier. Früher befand sich der Sitz im Zentrum, aber dann stellte die Stadt dieses Gebäude zur Verfügung. Eines meiner Ziele ist es nun, die UNED sichtbarer zu machen.

Stellen Sie Ihre Institution bitte kurz vor.
Die UNED wurde als staatliche Fernuni gegründet, um Menschen auch in jenen Gegenden ein Studium zu ermöglichen, wo sich ­keine Hochschule in der Nähe befindet. Auch die Weiterbildung von Häftlingen war ein Anliegen – zur Zeit der Gründung im Jahr 1972 gab es in ­Spanien viele politische Gefangene, denen man die Chance ermöglichen wollte, während ihrer Haft einen Abschluss zu machen. Und dann war die UNED auch für Auswanderer gedacht, damit sie im Ausland neben der Arbeit studieren und bei ihrer Rückkehr einen guten Job ­finden konnten. Heute habe wir zudem ein ­eigenes Programm für Senioren – die Menschen werden immer älter, und geistige ­Beschäftigung hält fit und kann Krankheiten wie Alzheimer vorbeugen oder verzögern.

Ist die UNED eine reine Fernuni?
Nein, wir bieten auch Präsenzunterricht. Er wird gleichzeitig live gestreamt und auch aufgenommen, sodass man die Lektionen auch von zu Hause aus verfolgen kann. Im Prinzip müssen aber nur die drei jährlichen Prüfungen vor Ort in Palma oder in den Vertretungen auf Menorca und Ibiza abgelegt werden.

Wie viele Studenten haben Sie?
Die UNED ist mit 163.520 Studenten die größte Universität Spaniens und die einzige zentralstaatliche. Alle anderen werden von den autonomen Regionen betrieben. Auf den Balearen haben wir derzeit 3.671 eingeschriebene Studenten, die einen Bachelor oder Master studieren. Nimmt man die Sommerkurse und andere ergänzende Angebote hinzu, waren es in diesem Jahr insgesamt 13.777 Studenten.

Welche Aufnahmekriterien gibt es?
Hier kann sich jeder, der einen weiterführenden Schulabschluss hat, einschreiben. Auch Deutsche übrigens, das geht ganz einfach ­online, man muss den Abschluss dazu nicht umständlich amtlich anerkennen lassen. ­Allerdings braucht man natürlich ausreichende Sprachkenntnisse, um einem Studium auf Spanisch oder Katalanisch zu folgen.

Wer studiert bei Ihnen?
Früher lag das Durchschnittsalter unserer Studenten bei 40 Jahren, mittlerweile ist es auf 35 gesunken. Immer mehr junge Menschen entscheiden sich direkt nach dem Schulabschluss für ein Studium an der UNED, weil sie Technologie-Fans sind und das Fernstudium zu schätzen wissen. Hinzu kommt die Insellage. Nicht jeder kann es sich leisten, für den Wunschstudiengang auf das Festland zu ziehen. Fast alle unsere Studenten arbeiten und studieren nebenher, sehr viele haben Familie. In Sachen Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Studium sind wir Vorreiter, nicht zuletzt deshalb sind 60 Prozent unserer Studenten weiblich.

Warum entscheiden sich viele erst so spät für ein Studium?
Auf den Balearen liegt das schlicht daran, dass die Jugendlichen nach dem Schulabschluss lieber Geld verdienen wollten, als zu studieren. Das holen sie dann später nach. Andere haben bereits einen akademischen Abschluss und wollen jetzt etwas studieren, das ihnen Spaß macht. Kunstgeschichte ist bei uns beispielsweise sehr gefragt.

Sie haben auch in Bern den UNED-Ableger geleitet. War das mit Palma vergleichbar?
Nein, das Zentrum in Bern ist viel kleiner und hat viel weniger Studenten. Dort ging es vor allem darum, die UNED bekannt zu machen. Hier auf Mallorca lag bisher der Schwerpunkt auf der Lehre. Mein Ziel ist es, die Uni auch hier den Menschen näherzubringen.

Sie haben in der Schweiz studiert und gelehrt und kennen auch die deutschen Hochschulen. Was unterscheidet die dortigen Universitäten von den spanischen?
Heutzutage leider gar nichts mehr. Durch den Bologna-Prozess ist das Studium europaweit verschult worden, es herrscht viel zu viel Kontrolle. Früher war von den Studenten in Deutschland und der Schweiz mehr Reife gefordert, mehr Eigenverantwortlichkeit, es ging mehr um Forschung. In Spanien hingegen war die Uni nur eine Verlängerung des Gymnasiums, man erwartete, dass der Dozent einem etwas beibrachte. Das ist nun in ganz Europa so, was ich nicht wirklich gut finde.

Die Inselpresse lobte, dass Sie Ihre Antrittsrede teilweise in Katalanisch hielten – das ist dann mittlerweile die siebte Sprache, die Sie sprechen. Wie machen Sie das?
(Lacht.) Mit Katalanisch bin ich noch ganz am Anfang. Aber vermutlich war es schon hilfreich, dass ich als Kind mit Galicisch und Spanisch zweisprachig aufgewachsen bin. Als ich dann in die Schweiz zog, lernte ich die drei dortigen Amtssprachen. Die Sprache zu lernen dient der Integration, das ist auch ein Zeichen des Respekts für das Gastland. Eine Art, sich bei den Einheimischen zu bedanken, dass sie dich aufgenommen haben.

Wie ist das, nach so langer Zeit aus dem Ausland zurückzukehren?
Im Ausland zu leben ist nicht immer einfach. Du bist nie wirklich von dort, und wenn du zurückkehrst, bist auch nicht mehr wirklich von hier. Aber durch meine neue Aufgabe wohne ich nun zum ersten Mal seit 29 Jahren wieder in Spanien. Ich bin wieder zu Hause, in meinem Land, auch wenn es nicht Galicien ist.

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