18. November 2010
18.11.2010

Hilfe, Piratenangriff!

Auch manche Deutsche wurden zu Sklaven – und schrieben später darüber

12.08.2010 | 03:00
Festung in Nordafrika: Wer den Barbaresken in die Hände gefallen war, musste sich auf jahrelange Gefangenschaft einstellen.

Johann Michael Kühn, Sohn eines Metzgers in Gotha, bezahlte sein Fernweh teuer: Das Schiff, auf dem er im Jahr 1724 anheuerte, um die Welt kennenzulernen, wurde von Piraten gekapert. ­14 Jahre lang musste er Sklaverei erdulden, bis er freigekauft wurde. Schon zwei Jahre später erschienen seine Erinnerungen.

Unter dem Titel „Merkwürdige Lebens- und Reisebeschreibung" liefert er unter anderem eine bildhafte Schilderung des Angriffs. Vor der spanischen Küste sei ein riesiges Piratenschiff aufgetaucht. „Sowie die Türken auf einen halben Kanonenschuss nahe gekommen waren, zeigten sich einige hundert Mann mit großen Knebel-Bärten, nackten Armen und die blanken Säbel in der Hand." Darauf folgte „entsetzliches Geschrei".

Das war psychologische Kriegsführung. Manchmal hatte die Show Erfolg und die Seeleute ergaben sich sofort. Doch die Deutschen kämpften zwei Tage lang, bevor sie aufgaben.

Nachdem er auf dem Sklavenmarkt von Algier verkauft worden war, bestand Kühns erste Arbeit darin, mit anderen Gefangenen das gekaperte Schiff zu reparieren und seinerseits für eine Raubtour vorzubereiten, an der er dann als Matrose teilnehmen musste.

Ironie des Schicksals: Schon das erste Schiff, das sie kaperten, kam ebenfalls aus Hamburg. Bei der zweiten Kaperfahrt erlitten sie Schiffbruch und ein Teil der Besatzung musste von Tanger zu Fuß und in Ketten nach Algerien zurückkehren, über „große sandige Hügel, die uns wegen unserer schweren Ketten, hauptsächlich aber wegen der grausamen Sonnenhitze, die unsere Füße in dem heißen Sand verbrannte, schwer zu schaffen machte".

Nicht nur auf den Kaperfahrten lauerten Gefahren. „Die Sklaven aber haben sich vor den türkischen und Mohrenweibern zu hüten, die begierig auf den Beischlaf mit den Europäern, besonders mit den Deutschen sind." Kühn beschreibt in grausamen Details, wie zwei Christensklaven, die beim verbotenen Techtelmechtel mit Musliminnen erwischt worden waren, am lebendigen Leib verbrannt und die „türkischen Weibsbilder" im Meer ersäuft wurden.

Über den holländischen Konsul in Algier, erzählt der Deutsche, sei schließlich Geld eingetroffen, um ihn freizukaufen – das Ergebnis einer Kollekte in seiner Heimatstadt sowie der Spenden eines Adeligen und der Kaufmannschaft.

Kühns Besitzer jedoch, der ihn im Lauf der Jahre schätzen gelernt hatte, machte ihm ein Angebot: Wenn er zum Islam konvertiere, wolle er ihm das Lösegeld schenken, eine respektable Stellung verschaffen und eine Frau zur Heirat vermitteln. Kühn schlug aus und reiste nach Hause. Viele andere nahmen ähnliche Angebote dankbar an.

Ein ähnlich aufregendes Abenteuer erlebte – und beschrieb – Johann Friedrich Kessler, Sohn eines Apothekers, der 1775 als Schiffsarzt auf einem französischen Kriegsschiff anheuerte und bei einem Gefecht ebenfalls in algerische Gefangenschaft geriet. Kurioserweise waren es nicht seine ärztlichen Kenntnisse, die ihm während seines dreijährigen Sklavendaseins zugute kamen: „Meine Kunst, gut zu rasieren, war ruchbar geworden."

Auf holländischen Kriegsschiffen versah der in Rheinhessen geborene Arzt Simon Friedrich Pfeiffer Dienst, als er 1825 bei einem Landausflug in der heutigen Türkei von Räubern verschleppt und nach Algier in die Sklaverei verkauft wurde. Dort erlangte er aufgrund seiner Fähigkeiten eine Vertrauensstellung bei einem Minister und war 1830 Augenzeuge der Eroberung der Korsarenmetropole durch die Franzosen. Daher ist sein 1834 erschienenes Buch „Meine Reisen und meine fünfjährige Gefangenschaft zu Algier" auch ein historisches Dokument.

Dieser Artikel beruht auf dem Buch „Gefangen unter Korsaren" (Edition Erdmann, 1997).

In der Printausgabe vom 12. August (Nummer 536) lesen Sie außerdem im Ressort Leben:
- Die Strandreporter: Steinreiche Cala d'Estellencs
- Nachtschwärmer: Party-Hochburg Cala Ratjada
- Kindermenu: Urlaub auf Mallorca ist schööön

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