29. April 2018
29.04.2018

Schweizer erforschen Mallorcas Schnee von gestern

Basler Archäologen orientieren sich an Schneehäusern von der Insel, um daheim römische Fundstätten zu verstehen

29.04.2018 | 01:00
Das Handwerk der "nevaters", auf einem Bild von Jaume Nadal aus dem 17. Jahrhundert.

Dass Mallorca viel mehr hergibt als Strandhitze und Sonnencreme, wissen Inselfans schon lange. Dass sich aber Schweizer Archäologen nun ausgerechnet für den Schnee auf der Insel interessieren – das ist neu. Genau genommen geht es sogar um Schnee von gestern: In einem archäologischen Experiment wollen Basler Forscher nachweisen, dass es in der Antike möglich war, ohne Kühlschrank verderbliche Lebensmittel über Monate zu kühlen. Und ausgerechnet die gut dokumentierte Praxis der Schneehäuser auf der Sonneninsel hilft nun dem zehnköpfigen Team um Prof. Dr. Peter-Andrew Schwarz dabei, das Geheimnis um einen Schacht in der römischen Siedlung Augusta Raurica zu lüften.

Denn bei ihren Ausgrabungen entdeckten die Archäologen nicht nur Theater, Thermen, Tempel und Aquädukte, sondern eben auch mehrere metertiefe Schächte, deren antiker Zweck nicht ganz geklärt ist. Schwarz vermutet, dass dort Schnee eingelagert wurde, um Käse, Obst, Fleisch, Fisch und sogar Austern zu kühlen. Schalen dieser für Schweizer Verhältnisse der ­Antike recht exotischen Meeresfrucht wurden in der Umgebung mehrfach gefunden.

Kühlschrank-Versuch

Um die Nutzung dieser Kühlgruben besser zu verstehen, scharte Schwarz ein Team aus Nachwuchs-Archäologen um sich, die den Schacht – nach rund zwei Jahrtausenden – erneut mit Schnee füllten. Mit zwei gescheiterten Anläufen bewiesen sie allerdings zunächst nur, dass es dabei auf die richtige Technik ankommt. Im März 2016 warfen sie den aus dem Schwarzwald angekarrten Schnee in einer einzigen Fuhre in den Schacht und deckten ihn – wie in antiken Quellen beschrieben – mit Sackleinen und Stroh ab. „Knapp drei Monate später stellten wir fest, dass alles geschmolzen war", erinnert sich Schwarz im Gespräch mit der MZ.

Nach erneuter Suche in antiken Schriften verbesserte das Team die Technik. „Beim zweiten Versuch im Januar 2017 füllten wir den Schacht dann etappen­weise, und zwar nicht nur mit Schnee, circa neun Kubikmeter, sondern auch mit circa zwei Kubikmetern Stangeneis." Die stärker komprimierte Schnee- und Eismasse schmolz zwar langsamer, war aber nach vier Monaten ebenfalls verschwunden.

Die Mallorca-Methode

Abermals konsultierten die akademischen Kühlschrankbauer die Quellenlage. „Ich kenne mich inzwischen gut aus mit den verschiedenen Ausdrücken für Schnee und Eis auf Lateinisch, Italienisch und Englisch", meint Schwarz. Aber was Seneca genau mit jenem lateinischen Verb stipare meinte, verstand der in den USA geborene und später in die Schweiz übergesiedelte Archäologe erst, als er die relativ ausführliche Überlieferung der Praxis mallorquinischer Schneehäuser studierte. Es gehe eben nicht um ein „einmaliges Festtreten des Schnees", sondern um „kontinuierliches Verdichten während des Verfüllens", schloss der Professor. Auf Mallorca übernahmen das Schneeschaufeln die sogenannten nevaters. Der Brauch ist auf der Insel seit dem 16. Jahrhundert dokumentiert und wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts aufgegeben. „Ich hoffe darauf, dass ich durch die Berichterstattung in den Medien noch auf mündliche Überliefungen zur Tradition der Schneehäuser stoße", sagt Schwarz.

Während der Archäologe diese Sätze im Gespräch mit der MZ ins Handy spricht, steht er vor dem über die Osterferien erneut befüllten Kühlschacht in Kaiser­augst bei Basel: „Wir haben jeweils 20 Zentimeter Schnee eingefüllt und dann durch Runter­treten verdichtet und mit fünf Zentimetern Stroh abgedeckt." Auf Mallorca seien über diesen Schächten damals Hütten errichtet worden. Da man für so etwas heute eine Baugenehmigung bräuchte, habe man das Loch zumindest mit Brettern zugedeckt.

Anscheinend hatten Professor und Studierende bei dem historischen Experiment auch ein bisschen Spaß: „Wir haben Wetten abgeschlossen, wie lange der Schnee hält." Schwarz wettet auf den 17. August und lag damit zwischen den skeptischsten Studierenden (Juni) und den größten Optimisten (September). Im Hochsommer will auf jeden Fall schon mal der Aargauer TV-Sender Tele M1 vorbeischauen und filmen, wie der Bretterverschlag gelüftet wird. Die Fernsehredakteure begleiten das Projekt und legten dabei eine Flasche Bier auf Eis. „Die werden wir dann aufmachen und zusammen mit ein paar Austern servieren", verspricht Schwarz.

Auch ein Arzt werde die Aktion begleiten. Schließlich will Schwarz die Gelegenheit gleich für einen weiteren archäologischen Selbstversuch nutzen: „Antike Quellen belegen, dass mit Schnee verdünnter Wein Bauchschmerzen verursacht. Das werde ich testen." Der Professor vermutet, dass die Schmerzen damals durch den mit Bakterien verunreinigten Schnee zustande kamen.

In jedem Fall plant der Archäologe, einen der kommenden Familienurlaube auf Mallorca zu verbringen – aus beruflichen Gründen. Schließlich habe er auf den Wanderseiten deutscher Inselzeitungen gelesen, dass man hier wunderbar von Schneehaus zu Schneehaus durch die Tramuntana wandern könne.

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