04. August 2018
04.08.2018

Das steckt hinter den Bootshäuschen in Portocolom

Hunderte der kleinen "barraques" zieren das Hafenbecken – ein Stück altes Mallorca, das nicht nur schön anzusehen ist. Doch jetzt laufen die Konzessionen aus

04.08.2018 | 01:00
Prägen das Hafengebiet von Portocolom: die alten Bootshäuschen, genannt barraques oder escars.

Antonio sitzt auf einem Campingstuhl im Schatten eines Baumes und blickt über das Wasser. Es ist ein windstiller Tag, nur seicht schwappen kleine Wellen an den zahlreichen Booten und Bötchen entlang, die im Hafen von Portocolom im Osten von Mallorca festgemacht sind. Antonio ist hier geboren, 89 Jahre ist das nun her. Schon immer lebte der Mallorquiner in dem Haus direkt am Wasser, nur wenige Meter von seinem Schattenplatz entfernt. Seit eh und je sind auch die kleinen Bootshäuschen da. Hunderte über den ganzen Hafen verteilt. Jetzt laufen ihre Konzessionen aus.

„Kommen Sie mit rein", sagt Antonio aufmunternd und geht voraus zu seinem Haus. Auch in dem luftigen Wohnbereich ist die Aussicht auf den Hafen ein absoluter Hingucker. Ein großer Balkon schließt sich an die Küche an, von dem aus Antonio bis ins Wasser spucken könnte. „Ich muss ja auch nah am Wasser wohnen, schließlich war ich lange Zeit meines Lebens Fischer", sagt er und deutet nicht ohne Stolz auf sein T-Shirt. „Confraria de Pescadors" steht hier geschrieben, die Fischerzunft.

„Der Anblick hat sich verändert", fügt der alte Mann hinzu, lehnt sich an das Balkongeländer und deutet nach rechts auf zahlreiche Bootsanlegeplätze an einer Betonmauer. „In meiner Kindheit war das alles noch Naturufer. Hier sieht man es", erklärt Antonio und deutet auf ein großes schwarz-weiß-Foto, das im Wohnzimmer an der Wand hängt. „Das Foto gibt es schon seit ich denken kann. Und wie man sieht auch die barraques." Tatsächlich schmiegen sich die kleinen Bootshäuschen auf Höhe des Meeresspiegels schon auf der alten Aufnahme an die Hafenmauern, auf denen Antonios Haus steht. Dass die uralten Konzessionen am 29. Juli ausgelaufen sind, davon hat Antonio gehört. „Viele haben Angst, ihre Stapelplätze zu verlieren. Was wäre der Hafen von Portocolom ohne seine barraques?", fragt er.

Ein Spaziergang an den Ufern entlang zeigt, dass er recht hat. Überall sind die kleinen Bootsgaragen in die Ufer eingelassen, die gatterartigen Holztore davor sind geradezu charakteristisch für den Hafenort. Einige sind in bunten Farben angestrichen, bei vielen blättert der Lack bereits ab. Eines der Gatter steht offen. Davor liegt ein größeres Boot vertäut – zu groß, um in der escar, wie die Stapelplätze auch genannt werden, geparkt zu werden. Ein Mann mittleren Alters putzt das Deck, summt dabei vor sich hin. „Ich bin nicht der Besitzer, nur ein Freund", sagt er auf Englisch und stellt sich als Jeff vor. Sein Bekannter Brian habe das Boot schon vor mehreren Jahren erstanden. „Im Winter stellt er es aber, glaube ich, in Palma unter", sagt Jeff. Die barraque mit dem grünen Gatter diene nur dazu, Zubehör aufzubewahren. Ein paar Reinigungsmittel sind zu sehen, Kescher und Schnüre.

„Es sind sehr viele Ausländer, die hier mittlerweile Boote haben", sagt der alte Antonio, der den Briten von seinem Balkon aus sehen kann. Früher wimmelte es hier von kleinen Bötchen, den llaüts, vor allem von Einwohnern aus Felanitx, die die Sommermonate gerne am Küstenort verbrachten. „Im Winter nutzten sie die barraques, um ihre Boote vor den Wellen und Stürmen zu schützen. Sie sind ein Stück Portocolom." Heute hätten viele andere Stellplätze.

Dass die Konzessionen nun auslaufen, treffe vor allem alteingesessenen Mallorquiner, befürchten viele. „Die wollen uns doch nur an den Geldbeutel. Dabei hat meine Familie seit Generationen ein Bootshäuschen. Und jetzt verlieren wir es vielleicht", wettert ein Mann Mitte 30, der am gegenüberliegenden Ufer sein Boot vertäut.

Xavier Ramis kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Der gutmütig wirkende Mann strahlt Gelassenheit aus. Vielleicht braucht er die, als balearischer Generaldirektor für Häfen. „Es ist keine dankbare Aufgabe, die Konzessionen neu zu vergeben, dabei führen wir nur aus, was ein spanienweites Gesetz besagt", erklärt er. 1988 habe die zentralspanische Küstenbehörde festgelegt, dass die Betriebsgenehmigungen jeglicher Einrichtungen in den öffentlichen Hafengebieten im ganzen Land in 30 Jahren auslaufen sollen. „Nun ist es so weit. Da kann sich niemand beschweren, dass er es nicht früh genug wusste", so Ramis.

Während für die großen Konzessionen wie die Verpachtung des Luxushafens Port Portals bereits seit Jahren Folgelösungen ausgearbeitet wurden, sind für die kleinen Einrichtungen wie die barraques in Portocolom wenige Tage vor Lizensauslauf noch keine gefunden. Insgesamt 184 Bootshäuschen im Küstenort seien betroffen, sagt Ramis, 135 davon werden vom örtlichen Club Náutico verwaltet, der Rest ist direkt in den Händen von Privatleuten. „Es handelt sich um Installationen auf öffentlichem Raum. Uns geht es nicht darum, sie den Menschen wegzunehmen oder sie gar ganz zu entfernen. Sondern nur darum, dass sich die Konzessionen an die Aktualität anpassen", so Ramis.

Derzeit zahle man für eine rund 45 Quadratmeter große barraque 5,63 Euro im Jahr. „Wenn jemand befürchtet, dass die neuen Lizenzpreise höher ausfallen werden, hat er natürlich recht. Aber das ist bei den aktuellen Dumping-Preisen ja auch nur zeitgemäß", so Ramis. Wer seinen Stapelplatz weiter nutzen wolle, müsse eine neue Lizenz beantragen und ein Projekt vorweisen, das den Erhalt des alten Bootshäuschens garantiert. „Das ist nämlich noch so eine Sache", so Ramis. Schon immer sei es die Pflicht der Betreiber, die escars instand zu halten. Nur, dass sich viele nicht darum scheren würden.

„Die Fischer und alle, die hier am Hafen ihr Brot verdienen, haben es heutzutage viel schwerer als wir damals", sagt der alte Antonio und lässt sich wieder auf seinem Schattenplatz am Wasser nieder. „Für die Ausländer mit ihrem Geld ist es deutlich einfacher, hier ein Bötchen zu unterhalten." Sein Sohn, der sei noch heute Fischer, und der habe so seine Not. „Heute drehen sich doch alle Gesetze und Verordnungen nur um den Tourismus", murrt er. „Aber es stimmt schon", gibt er dann zu. Auch viele Einheimische könnten ihre barraques besser in Schuss halten. „Aber das sollten sie nicht für die Urlauber tun, sondern für uns selbst."

"Barraques" oder "escars" sind nicht nur in Häfen wie Portocolom charakteristisch für Mallorca, sondern auch an unbebauten Küstenstreifen. Oft wurden sie mitten in die felsigen Küsten gehauen, viele bereits im 19. Jahrhundert. „Die luftdurchlässigen Holzgitter sorgen für optimales Klima, damit die Boote in den Wintermonaten in den 'escars' gelagert werden können", heißt es in einer Broschüre des Inselrats. Der hat schon vor Jahren 62 "escars" auf der ganzen Insel als Kulturgüter erklärt, unter anderem in Cala Barques, Cala Sant Vicenç, Port des Canonge oder Llucalcari. Hier empfiehlt die Institution zudem eine Wanderstrecke von Cala de Deià bis Llucalcari, auf der besonders beeindruckende "escars" zu bewundern sind.

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