01. Dezember 2019
01.12.2019

Countdown für den ersten Eisenbahnpark auf Mallorca

Modellbahnen und eine echte Lok: Mallorcas Dampfeisenbahnfreunde eröffnen nach zehn Jahren Arbeit am 14. Dezember ihr Projekt in Marratxí

01.12.2019 | 01:00
Aus Kastilien nach Mallorca geschafft, restauriert und bis auf den Dampfkessel betriebsbereit: Die in Marratxí ausgestellte Baldwin Nr. 6 ist genau 100 Jahre alt.

Vor den Toren des Lokschuppens fliegen die Funken. Tomeu Carbonell macht sich mit einer Handkreissäge an einem aufgebockten Eisenträger zu schaffen. „Das ist für den Wasserkran", meint der Mallorquiner. Und weil seine Antwort die Vorstellungskraft des Besuchers ganz offensichtlich überfordert, helfen Beispielfotos auf dem Handy: Auf die Eisenträger kommt noch ein Wasserdepot aus Plastik, das Ganze wird mit Holzbrettern verkleidet und mit einem Kegelhut beschirmt. Wenn dann das Wasser dank der Schwerkraft aus dem Behälter durch ein Rohr bis zum eisernen Wasserkran neben den Gleisen fließt, ist die Versorgung der dort verkehrenden Miniatur-Dampflokomotive gesichert.

Der Wasserturm ist einer der letzten Kraftakte, die im Eisenbahnpark von Marratxí vor dem 14. Dezember noch anstehen. Dann soll der Parc Ferroviari nach rund zehnjähriger Vorbereitung immer sonntags seine Pforten eröffnen. Andere Projekte auf der Insel mögen schneller fertig werden – in kaum eines dürfte jedoch so viel Herzblut gesteckt worden sein. Das 25.000 Quadratmeter große Gelände hat zwar die Gemeinde Marratxí zur Verfügung gestellt, alles Weitere aber ist in Eigenregie des Club Ferroviari Vaporista de Mallorca (CFVM) entstanden. Und weil die Freizeit und die finanziellen Mittel begrenzt sind, hat es halt etwas länger gedauert: Eigentlich wollten die Dampfeisenbahnfreunde Mallorcas ihren Park schon vor vier Jahren eröffnen.

Der Schatz aus Ponferrada

Seit dem damaligen Besuch der MZ ist einiges passiert – die Eisenbahn gibt es in dem Park jetzt nicht nur in drei, sondern sogar in vier Größen. Prunkstück ist eine historische Dampflok. Die Eisenbahnfreunde haben sie aus Ponferrada (Kastilien-León) auf die Insel geschafft und praktisch vollständig restauriert. Tiefschwarz und grün glänzend hat die Baldwin Nr. 6 von 1919 jetzt einen Ehrenplatz im Zentrum des Eisenbahnparks. Auch wenn sie auf einem Stück Gleis steht, ist sie dort erst einmal geparkt.

Umher fahren sollen dagegen die 5-Zoll- und 7??-Zoll-Modellbahnen – maximal knie­hohe Züge, die 100 bis 500 Kilo auf die Waage bringen. Für sie können sich die Clubmitglieder genauso begeistern wie für die großen Loks und Waggons. Ein verzweigtes, mehr als einen Kilometer langes Schienennetz verläuft durch den Park, das dank dreier parallel verlaufender Schienenstränge für beide Maße ausgelegt ist.

Neu hinzugekommen ist eine LGB, eine Lehmann-Groß-Bahn, die auf Gleisen mit einer Spurweite von 45 Millimetern verkehren soll – für die kleinen Besucher, erklärt Roberto Rueda, Vorsitzender des Clubs. Denn die 5-Zoll- und 7??-Zoll-Bahnen seien kein Spielzeug, sondern Repliken von Zügen, die im Kleinformat genauso funktionieren wie die großen Originale. So etwa die „Waldenburg", eine Nachbildung der gleichnamigen Schweizer Dampflok, die wie das Original mit Kohle befeuert wird. Das Mitfahren funktioniert freilich anders: Die Fahrgäste steigen nicht ein, sondern nehmen auf den mit Sitzbänken und Fußleisten drapierten Waggons Platz, um durch den Park transportiert zu werden.

Während der Fuhrpark aus mehr als zwei Dutzend Zügen unter ausgebreiteten Betttüchern im Lokschuppen ruht und auf die ersten Besucher wartet, machen sich die Clubmitglieder noch am Schienennetz zu schaffen. Zum 14 Meter langen Tunnel, für den eigens ein kleiner Berg aufgeschüttet wurde, ist nun auch eine Brücke hinzugekommen, die über elf Bögen führt. Allein dieses Bauwerk habe ein halbes Jahr Arbeit gekostet, erzählt Rueda. Neben den Schienen sind jetzt Signalschilder aufgestellt – der Buchstabe „S" etwa steht für silbar, der Lokführer muss vor einem Gleisübergang pfeifen. Noch nicht vollendet sind bislang zwei Brücken, die über den Schienenstrang der großen Meterspur-Bahn führen sollen.

Eigentlich genauso spannend wie die restaurierten Originalstücke und die Repliken ist das Eisenbahnerbe, das nicht in Marratxí ausgestellt werden kann. Das früher bis nach Felanitx und Santanyí reichende Eisenbahnnetz ist weitgehend verschwunden, praktisch alle früheren Loks wurden verschrottet. Nach der Stilllegung eines Großteils des Streckennetzes im Jahr 1964 fand das nicht mehr benötigte Eisen aus Zügen und Schienen seine Verwendung bei der Herstellung von Kanaldeckeln, berichten die Eisenbahnfreunde. Wer sich für das Industrieerbe Eisenbahn interessiere, dem bleibe nur ein Spaziergang durch Palma mit Blick auf den Boden.

Oder eine Reise nach Deutschland. Regelmäßig brechen die Clubmitglieder auf, um dort Messen und Museen zu besuchen. Umgekehrt finden auch deutsche Eisenbahnfans Kontakt zu den Nostalgikern auf der Insel. Zu ihnen gehörte auch Herbert Greipl. Vorsitzender Rueda erzählt von dem deutschen Rentner, der vorbeischaute und fragte, ob er mithelfen dürfe. Das Ergebnis ist ein kleines Schienennetz für eine Lehmann-Groß-Bahn, verlegt fast direkt neben der Baldwin Nr. 6. Die kleinste Eisenbahn des Parks führt auf einer schmalen Steintrasse an Mini-Häuschen mit bunten Dächern vorbei. Der Schienenstrang endet im Nichts – der Deutsche starb vor zwei Jahren. „Wir haben uns um das Begräbnis und eine Gedenktafel gekümmert", sagt Rueda, „er hatte sonst niemanden auf der Insel."

Das Rathaus steht dahinter

Bis zur Eröffnung des Parks soll aber auch die Modellbahn des deutschen Eisenbahnfans vollendet sein. Zudem stehen noch einige Behördengänge an. Da hilft zum Glück die Gemeinde Marratxí. Sie gibt zwar kein Geld für den Bau und Betrieb des Parks, steht dem Projekt aber wohlgesonnen gegenüber und hat sich um Dinge wie die Betriebsgenehmigung gekümmert. Clubmitglied Matías zeigt auf seinem Handy einen Mitschnitt der Gemeinderatssitzung von Ende Oktober, in dem zu sehen ist, wie die Ratsleute aller Fraktionen die Hand heben – die Unterstützung für das Projekt reicht über Parteigrenzen hinaus. „Für unsere Gemeinde sind solche Aktivitäten sehr wichtig", meint Bürgermeister Miquel Cabot auf MZ-Nachfrage und spricht von einer engen, jahrelangen Zusammenarbeit mit den vaporistas. Mit dem Park entstehe nun nicht nur ein ­attraktives Ausflugsziel, das ganzjährig Besucher nach Marratxí locke. Es werde auch ein Stück Geschichte erhalten, so der Sozialist.

Der Club kommt nun sogar einem Projekt zuvor, das derzeit an der Ostküste im Dornröschenschlaf liegt. Eigentlich sollte in Son Carrió mit Geldern aus der Touristensteuer ein Eisenbahnmuseum entstehen, in einer Fahrzeug­halle, die wegen des Stopps der Neubaustrecke Manacor–Artà nie zum Einsatz kam. Das Projekt von 2017 sah sogar vor, eine historische Lok wieder auf die Schiene zu schicken. Doch wegen bürokratischer und juristischer Probleme wurde das Geld wieder in den Touristensteuer-Topf zurückgezahlt.

Auch die Eisenbahnfreunde von Marratxí würden ihre Baldwin Nr. 6 gern wieder fahren lassen. Praktischerweise führen die Gleise der heutigen Zugstrecke Palma–Inca direkt an dem Park vorbei. Doch für den Betrieb müsste erst einmal der Kessel der Dampflok restauriert werden – eine teure Angelegenheit, die man wie viele weitere Projekte zur Restaurierung und Parkerweiterung in der Hoffnung auf künftige Spenden erst mal verschoben hat.

Immer sonntags geöffnet

Im Vordergrund steht jetzt die Eröffnung, für die schon die ersten Einladungen an öffent­liche Institutionen abgeschickt wurden. Ab dem 14. Dezember sind immer sonntags in der Zeit von 9 bis 14 Uhr Gäste willkommen. Und auch wenn am Bahnhofsgebäude in Originalgröße taquilla (Kasse) zu lesen ist, soll der Eintritt frei sein. Lediglich für die Mitfahrt mit den Zügen werde man Spenden erbitten, meint Rueda, während er mit einem Akuschrauber an einem Zaun neben dem Gleisbett werkelt. Die Fahrgäste seien sicherlich freigiebiger als die Handelsketten neben dem Park. Dort habe man im Vorfeld ohne Erfolg um Geld- oder Sachspenden gebeten.

Was hier in Marratxí entsteht, ist vielleicht kein Spielpark – und doch führt das Projekt den Clubvorsitzenden in seine Kindheit zurück. „Meine Oma war Schrankenwärterin, mein Opa Zugschaffner", erzählt Rueda, während er zur benachbarten Bauhaus-Filiale aufbricht, um eine weitere Schachtel Schrauben zu kaufen. „Schon als kleiner Junge hatte ich immer Züge um mich herum."

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