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Mallorca Zeitung

Warum die Neptungraswiese vor Illetes auf Mallorca mit 2.355 Jahren noch jung ist

Eine Studie hat das Alter der Posidonia oceanica vor Illetes bestimmt. Ob sie noch älter wird, hängt vom Menschen ab

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Sie sorgt für ein sauberes Meer vor Mallorca: So sieht die Neptungraswiese vor Illetes aus Fundación Marilles

2.355 Jahre sind ein stolzes Alter, sollte man meinen. Doch es ist alles eine Frage der Perspektive. Eine Eintagsfliege dürfte je nach Art bereits nach 25 Stunden erstaunlich langlebig sein, eine Riesenschildkröte ist mit 80 Jahren noch lange nicht an ihr Lebensende gekommen. Und so ist eben auch die Posidonia oceanica, zu Deutsch das Neptungras, vor Illetes in Calvià „nur“ etwas über 2.000 Jahre alt.

Wissenschaftler des Zentrums für fortgeschrittene Studien in Blanes (Katalonien) haben das Alter der Seegraswiese bestimmt, indem sie Sedimente unter dem Gras analysierten. Die Ergebnisse ihrer von der Stiftung Fundació Marilles in Auftrag gegebenen Studie – die auch eine nur 128 Jahre alte Seegraswiese vor Puerto Portals unter die Lupe nahm – stellten die Forscher jetzt vor.

Manche Strandgänger stören sich am Seegras auf Mallorca

Neptungras wird auf Spanisch auch posidonia milenaria genannt, also tausendjährige Posidonia. Die Wiesen bestehen meist aus Klonen einer Mutterpflanze, sie können daher als ein riesiger Organismus betrachtet werden, der immer weiterwächst und dadurch nicht stirbt. Vor der Insel Formentera gibt es eine Wiese, die laut Wissenschaftlern rund 80.000 Jahre alt ist und damit der älteste bekannte Organismus der Welt.

Diesen altehrwürdigen Ursprung kennen nicht alle Strandgänger und stören sich deswegen teils an den braunen Blättern des Neptungras, die an die Küste gespült werden. Strände sehen ohne schöner aus, meinen sie. Aber die Seegrasblätter wirken der Erosion des Strandes entgegen. Die Pflanze ist wichtig für das Meer und auch für die Insel und ihre Bewohner. Denn trotz ihres hohen Alters ist die Posidonia nicht faul geworden. Und arbeitet fleißig weiter für Mallorcas Wirtschaft.

Jeder Hektar Seegraswiese speichert 1.600 Tonnen CO2

Was Wiesen am Meeresgrund mit Wirtschaft zu tun haben? Zunächst einmal ist wichtig zu wissen, dass Neptungras fleißig CO2 und Dreck aus dem Meer filtert. Zum einen wandelt es, wie Pflanzen das so tun, Kohlenstoffdioxid in Sauerstoff. Zusätzlich dazu baut es in sein dichtes Wurzelsystem Schlick, Sedimente und weiteres Kohlenstoffdioxid ein. In anderen Worten: Unter der Seegraswiese liegen Tausende Jahre alter Dreck und eine große Menge CO2 vergraben.

Jeder Hektar Seegraswiese, so die Forscher, speichere 1.600 Tonnen Kohlenstoffdioxid, das sei so viel wie 1.000 Autos in einem Jahr ausstoßen. Der Leiter der Studie, Miguel Ángel Mateo, fand denn auch ein ungewöhnliches Bild für die Neptunwiesen: Sie seien wie ein Teppich – ein Teppich, den die Familienmitglieder immer wieder hochheben, um ihren Dreck darunterzukehren.

Neptungras sorgt für sauberes, kristallklares Wasser vor Mallorca

Und das erklärt wiederum die wirtschaftliche Leistung der Pflanze: Sie sorgt für sauberes, kristallklares Wasser und gesunde Fische. Damit ist sie unabdingbar für Tourismus und Fischerei. Die Balearen profitieren davon, extrem viele Seegraswiesen zu haben. 65.000 Hektar, die Hälfte der Neptungras-Vorkommen Spaniens, liegen um die Inselgruppe verteilt.

Jedes Jahr werden im Mittelmeer ein bis fünf Prozent der Seegraswiesen zerstört. Grund sind verunreinigtes Wasser und Anker, die die Wiesen aufreißen. Gleichzeitig setzt der Pflanze die steigende Meerestemperatur zu. An der Küste zwischen Magaluf und Palmanova sowie auch anderswo in der Bucht von Palma würden die Pflanzen immer weniger, so die Forscher. Und wenn die Seegraswiesen kaputtgehen, nehmen sie nicht nur weniger CO2 auf, sondern es wird auch all das Kohlenstoffdioxid frei, das sie gespeichert haben. Grund genug also, wie die Meeresschützer fordern, stärker gegen das wilde Ankern vorzugehen und gegen die Verschmutzung des Meereswassers. Damit die Wiese vor Calvià auch 80.000 Jahre alt werden kann.

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