Gefangen im Castell Bellver

"Ich war hier": Wie Historiker und Nachkommen ein wenig bekanntes Bürgerkriegs-Kapitel aufarbeiten

24.10.2017 | 18:23
Hingeschaut: Das Team von Mutu inspizierte über Monate die Inschriften an den Wänden.

Er war angesehen, beliebt, gebildet und gut betucht. Dennoch war es nicht allzu verwunderlich, als damals, Ende Juli 1936, die Soldaten vor Andreu Crespís Haustür im Herzen Palmas standen und den 39-Jährigen zwangen, mitzukommen. Denn erst wenige Wochen zuvor hatte das spanische Militär unter dem Oberkommando von Francisco Franco die Macht an sich gerissen, und Leute wie Crespí, die wollte man nicht. Leute, die in Palma eine Schule mit liberaler Pädagogik gründeten, die nicht kirchlich heirateten und sich zu Jugendzeiten in progressiven Studentenvereinigungen engagierten. „Dabei war mein Vater ein Antikommunist, er war linker Gesinnung, aber sicherlich nicht ein typischer militanter Linker", sagt Andreu Crespí, der gleichnamige Sohn.

Crespí nippt an seinem Martini und lächelt freundlich, während er erzählt. Auf den vergilbten Fotos, die vor dem 74-Jährigen auf dem Tisch liegen und seinen Vater zeigen, ist kaum eine Ähnlichkeit zwischen den beiden zu erkennen. Ihre Lebensläufe gleichen sich dafür. Beide lehrten Naturwissenschaften, beide engagierten sich in der Politik und beide waren Mitglied der sozialistischen Arbeiterpartei PSOE und Stadträte in Palma – wenn auch zu verschiedenen Epochen. Während Crespí Junior ob seiner politischen Laufbahn geachtet wurde, brachte sie seinen Vater 50 Jahre zuvor hinter Gitter.

„Crespí senior war einer von Aberhunderten politischen Gefangenen, die im Sommer 1936 ins Schloss Bellver gebracht wurden", bestätigt Tomeu Canyelles. Es dauert, wenn er auf der Liste vor ihm auf dem Computerbildschirm von oben nach unten scrollt. 780 Namen stehen hier untereinander, sie alle gehören Männern, die eine Zeit lang im Innenhof des Schlosses inhaftiert waren, das heute täglich Hunderte Touristen anzieht. „Bei den Führungen und in Prospekten wird immer nur über das Mittelalter gesprochen, und darüber, dass das castell Anfang des 18. Jahrhunderts zum Militärgefängnis umfunktioniert wurde und 1931 dann zum Museum", so Canyelles. Die dunklen Bürgerkriegsjahre aber würden bisher meist ausgeblendet. „Selbst in Büchern über das Schloss wird diese Zeit nur auf maximal zwei Seiten abgehandelt."

Dabei ist die Vergangenheit eigentlich zum Greifen nah, und Canyelles hat zugegriffen. ­Gemeinsam mit seinen Kollegen Teresa Hita, Toni Mir und Aina Ferrero von der Geschichtsforschungsfirma Mutus nahm er zwischen April und September die Inschriften der Zeichnungen unter die Lupe, die bis heute an vielen Wänden und Säulen im Schloss Bellver zu sehen sind. Es sind meist kleine Kritzeleien, unauffällig, mit Bleistift geschrieben. „In vielen Fällen stammen sie von den politischen Gefangenen, die damals dort waren. „Jo hi era", heißt deshalb das Forschungs-
projekt – „ich war hier". „Oft haben die Gefangenen nur ein Datum, ihren Namen und ihren Herkunftsort an die Wände geschrieben. Um sich ihrer Heimat näher zu fühlen", vermutet Canyelles. Eine Inschrift von Andreu Crespí war nicht dabei. Doch die Forscher von Mutus recherchierten auch in Archiven auf der Insel, in Madrid und Salamanca, suchten Historiker und Zeitzeugen auf, verglichen die Inschriften, bis sie ihre Namensliste fertiggestellt hatten. „Von vielen Gefangenen haben wir nur die Namen, aber von einigen auch die Lebensgeschichte
herausgefunden."

Es waren die unterschiedlichsten Menschen, die dort wegen ihrer politischen Ansichten gefangen gehalten wurden. Arbeiter, Professoren, Politiker oder Dichter. Alle, die in den Augen der Faschisten Störenfriede waren. „Sie litten während der Inhaftierung an Hunger, Kälte und Krankheiten, die Bedingungen waren schlimm", weiß Canyelles nach der monatelangen Recherche. Blut sei aber nur ein Mal vergossen worden, ­vermuten die Forscher. „Das war am 12. Oktober 1936, als es stark regnete. Die Faschisten hatten die republikanische Fahne am Schloss übermalt und sie so zur spanischen umgewandelt. Aber unter dem Regen verlief die Farbe und die alte Flagge kam zum Vorschein." Die Gefangenen jubelten, die rund 30 Wärter fürchteten eine Meuterei. „Also erschossen sie drei von ihnen, vor den Augen der Mitgefangenen."

Auch Andreu Crespí senior muss das miterlebt haben. Wie aus Dokumenten hervorging, war er bis Januar 1937 in Bellver gefangen. „Ich weiß es nicht. Meine Eltern haben nie viel über diese Zeit geredet", sagt Crespí junior. „Sie erzählten immer nur das, was ich gezielt gefragt habe. Es tat ihnen bis zum Schluss weh." Der kleine Andreu kam zur Welt, als die Jahre der Gefangenschaft seines Vaters vorüber waren. „Nach Bellver schickten sie ihn in ein Arbeitslager in Campos. Dort musste er Steine hacken, aber dazu taugte er nicht, Handwerk war nie seine Stärke", sagt Crespí und lacht. Also brachten sie ihn ins Can Mir, ein altes Holzlager, das provisorisch zum Gefängnis umfunktioniert worden war. Heute ist dort, direkt an Palmas Plaça d'Espanya, das Cine Augusta untergebracht. Einen richtigen Prozess gab es nie. Crespí junior lacht bitter auf. „Die Inhaftierung wurde mit seiner 'Adhäsion zur Rebellion' begründet."

Als sein Vater im Frühjahr 1942 entlassen wurde, hätten seine Eltern ihn gezeugt. „Mir kam mein Vater immer alt vor. Er war schon 47, als ich geboren wurde und sah noch älter aus." Seine Erziehung beschreibt Crespí als außergewöhnlich liberal. „Man hat mir viele Freiheiten gelassen und mir Toleranz und Vernunft beigebracht."
Toleranz und Vernunft, in einem Regime, an dem es genau daran mangelte. Andreu Crespí senior konnte nach seiner Gefangenschaft nicht weiter als Lehrer an Schulen arbeiten. Stattdessen wurde er Privatlehrer. Auch sein Sohn blieb nicht davon verschont, dass die politische Vergangenheit seines Vaters vom Franco-Regime verachtet wurde. „In der Schule blieb ich fast sitzen, weil ich in dem Fach 'Ausbildung des nationalen Geistes' durchgefallen bin." Trotzdem ließ sich die Familie nie unterkriegen, die Zahl der Privatschüler von Crespí senior wuchs ständig. „Und auch in der Nachbarschaft wurden wir nicht schlecht behandelt."

Erst 1977, nach Francos Tod, wurde die ehemaligen politischen Gefangenen rehabilitiert, und Crespí senior hätte in den öffentlichen Schuldienst zurückkehren können. „Aber damals war er bereits 80 Jahre alt und im Ruhestand. Es war trotzdem eine Befriedigung für ihn, das noch zu erleben", ist sich sein Sohn sicher.

Manchmal bereue er, dass er nicht mehr und detaillierter nachgefragt habe. „Ich bin mir sicher, dass diese Wunde in unserer Familie nie ganz verheilt ist. Meine Tante wurde drogenabhängig, und mein Vater weigerte sich, jemals wieder das Castell Bellver oder das Kino Augusta zu betreten, bis er 1982 starb."

Umso wichtiger findet Crespí Junior das neue Aufarbeitungsprojekt von Mutus, das die Stadt Palma finanziert. „Alles, was erinnert, ist gut." Historiker Tomeu Canyelles ist derselben Meinung. „Man sollte zurückschauen können und die Wunden langsam verheilen sehen, ohne die Perspektive zu verlieren. Nur so kann man wirklich nach vorne schauen."

Im November (Datum noch unsicher) plant Mutus im Rahmen des Projekts „Jo hi era" eine öffentliche Gedenkveranstaltung im Castell Bellver. Schon jetzt sind auf www.johiera-bellver.com Hintergründe zu den Kritzeleien der Gefangenen zusammengefasst. Am 20. Dezember wird im Castell Bellver eine Dauerausstellung eröffnet, in der die Lebensgeschichten politischer Gefangener ausgebreitet werden.

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