Son Ferriol – das Dorf in der Stadt

Vor 100 Jahren sorgte ein Priester dafür, dass vor Palma de Mallorca eine neue Siedlung entstand. Sechs Kilometer trennen das Viertel vom Zentrum. Und doch fühlt man sich Welten entfernt

12.02.2018 | 02:30
Die Plaça del Prevere Bartomeu Font war schon immer Anlaufpunkt für die Dorfjugend in Son Ferriol

Dorf oder Stadt? Wer durch das Stadtviertel Son Ferriol von Palma de Mallorca läuft, kann sich da nicht ganz sicher sein. Die Jugendlichen, die sich auf Bänken auf der Plaça Prevere Bartomeu Font in Son Ferriol fläzen, wirken entspannt, ein paar kleinere Kinder kicken mit einem Fußball. So ist es heute und so war es bereits vor Jahrzehnten. Bei unserem Ortsbesuch kommt der Pastor der Gemeinde aus der Sakristei, schaut den Kids kurz zu, grüßt und schlendert dann weiter in Richtung Gemeindezentrum. Hier findet das soziale Leben statt, und hier lagern auch die Teufelsmasken ein, die zu Sant Antoni von den rund 11.000 Einwohnern bejubelt werden. Ganz wie in anderen Insel-Dörfern. Palmas Stadtpatron Sant Sebastià dagegen spielt in Son Ferriol keine Rolle. Dabei gilt der Ort seit seiner Gründung vor genau 100 Jahren keineswegs als "pueblo", sondern als eines von Palmas Stadtvierteln.

Auch in der kleinen „Bar Son Ferriol" gegenüber dem Hauptplatz vergisst man das schnell. Eine Runde älterer Herren spielt Karten, eine Familie isst zu Mittag und plaudert vertraut mit den Wirten, und alle grüßen freundlich, als eine alte Dame – ein Urgestein aus Son Ferriol – den Raum betritt. Ein typischer Freitagnachmittag in der Dorfkneipe. Auch Toni González und Iván Cabot kennen praktisch jeden in dem schlichten Bistro an der Avinguda del Cid, der Hauptstraße, die den Ort bestimmt. Von Kindesbeinen an wohnen die beiden Mittvierziger bereits in dem Stadtteil, der irgendwie nicht ganz in Palmas Großstadtflair passen will.

Son Ferriol ist weder ein Luxus- noch ein Brennpunktviertel, hier wohnt die gewöhnliche Mittelklasse, hauptsächlich Mallorquiner. Zahlreiche Einfamilienhäuser mit kleinen Gärten oder Terrassen prägen das barrio. Touristen verirren sich kaum hierhin. „Es gibt kein einziges reguläres Gästebett. Aber hier ist auch wirklich nichts zu sehen", sagt Toni González und zuckt mit den Schultern. Nicht, dass er das traurig fände. „Die Mieten sind hier auch ohne die Urlauber schon unheimlich gestiegen", pflichtet ihm Iván Cabot zu. González organisiert die Sant-Antoni-Feierlichkeiten und hat einen Schlüssel zum Gemeindehaus, Cabot ist der Vorsitzende der Nachbarschaftsvereinigung. Beide bekleiden auch noch weitere Ämter. „Hier im Dorf vermischt sich das schnell, so groß ist es ja nicht", sagt Cabot gut gelaunt. Dorf, das Wort taucht immer wieder auf, wenn die beiden von ihrer Heimat reden. „Am liebsten würden wir auch die Feiertage anders legen als in Palma", sagt Toni González. „Aber na ja, im Endeffekt arbeiten eh nur 20 Prozent der Einwohner hier im Ort und die meisten in der Stadt. Da würde es wohl kaum einen Unterschied machen."

Verschlafen sei das barrio dennoch nicht. Zumindest nicht der alte Teil, der 1917 öffentlich bebaut wurde und sich heute südlich des Gesundheitszentrums erstreckt. „Wir haben immerhin 30 Bars und auch die Einzelhändler schlagen sich gut", so Cabot.

Es war der Priester Bartomeu Font Cantallops, der dafür sorgte, dass aus dem einstigen Kiefernwald eine Vorstadt wurde. 100 Jahre ist es her, dass Font die Besitzerin des Grundstücks, Maria Anna Bonafé, überzeugte, die Ländereien bebauen zu lassen.

Anfangs, in den Jahrzehnten nach der Gründung des Stadtviertels, dem Bau der Kirche und des Zentrums, sei das Stadtviertel ­landwirtschaftlich geprägt gewesen. „Hier wurde vor allem Vieh- und Milchwirtschaft betrieben", weiß Iván Cabot. Selbst vor 35 Jahren, als er noch zur Dorfjugend gehörte, seien noch Kühe auf den samstäglichen Wochenmarkt getrieben worden. „Aber heutzutage geht ja jeder lieber in die Supermärkte und großen Einkaufszentren statt auf den Markt", brummt er. Die Zahl der Marktbesucher ging kontinuierlich zurück. „Man müsste ihn wohl irgendwie wieder neu beleben, vielleicht etwas Besonderes bieten", lenkt Cabot ein.

Allein: In Son Ferriol fühlt man sich nicht wie etwas Besonderes, die Selbstdarstellung ist erfrischend bodenständig. „Es gibt hier tatsächlich keine Attraktionen", sagt auch Cabot. Umso erstaunlicher ist die starke Gemeinschaft, die selbst ein Außenstehender spürt. „Vielleicht, weil wir durch die Infrastruktur abgeschottet vom Rest sind", sagt Cabot. Südlich verläuft die Straße nach Manacor, westlich die Ma-30 und die Ringautobahn, nördlich die alte Landstraße von Sineu. Das sei Fluch und Segen zugleich. „Wer motorisiert ist, kommt schnell überall hin. Aber alle anderen haben Pech gehabt. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad kommt man wegen der Straßen nicht weg. Da bleibt nur der Bus."

Eine eigene weiterführende Schule wünschen sich die Anwohner bereits seit Jahrzehnten. „Das wäre nicht nur für unsere Kinder von Vorteil, sondern auch für die aus den umliegenden Ortschaften, die noch weiter von Palma entfernt sind", so Cabot. Auch mehr Sportgelegenheiten würden dem Ort guttun, findet er, weiß aber auch: Dafür ist kaum Platz. „Zumindest im Zentrum von Son Ferriol ist ja mittlerweile alles zugebaut."

Der Bauboom sei Ende der 80er-Jahre gestartet, als die nördlich gelegene ehemalige Privatfinca Son Ramis ebenfalls zur Bebauung freigegeben wurde. Die Eröffnung des Son-Llàtzer-Krankenhauses im Jahr 2001 habe die Mietpreise dann richtig in die Höhe getrieben. „Und wir sind nur sechs Kilometer von Palmas Innenstadt entfernt, das finden natürlich viele attraktiv", so Cabot. González nickt. „Ich möchte es nicht missen. Es ist ein Dorf in der Stadt." Vor allem am 18. März, wenn wie jedes Frühjahr die Landwirtschafts-Fira ansteht, sei ein guter Augenblick für neugierige Besucher. Besonders in diesem Jahr. Ein 100. Geburtstag will schließlich gefeiert werden.

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