12. Februar 2018
12.02.2018

Gegenwind für Ryanair auch auf Mallorca

Irische Airline ist neuer Platzhirsch in Son Sant Joan - auch dank schlechter Arbeitsbedingungen. Ändert sich daran demnächst etwas?

12.02.2018 | 15:45
Bei Ryanair zu arbeiten, scheint nicht immer uneingeschränkt Spaß zu machen.

Als der Anruf von Ryanair kam, tigerte Pilot Alejandro* gerade durch den Kreißsaal in Palma de Mallorca. Seine Frau lag in den Wehen, die Geburt war noch eine Frage von Minuten. „Ich hatte meinen Dienst getauscht und bin ans Telefon gegangen, weil ich dachte, irgendetwas mit dem Tausch hat nicht funktioniert", erzählt Alejandro. Sein Arbeitgeber rief allerdings an, um ihn für denselben Tag zu einem anderen Dienst einzuteilen – wissend, dass Alejandro sich wegen der Geburt seiner Tochter Aina* freigenommen hatte. Den zunächst von Ryanair zugesicherten und im Gesetz verankerten 15-tägigen Vaterschaftsurlaub verweigerte ihm die irische Fluglinie später auch – laut dem Piloten mit fadenscheinigen Begründungen.

Inzwischen arbeitet Alejandro nicht mehr bei Ryanair, sondern bei einer Konkurrenzairline. Er hatte gekündigt, nachdem er vom Co-Piloten zum Kapitän aufsteigen und in eine Basis in einem anderen Land versetzt werden sollte. Darauf hatte der 32-Jährige keine Lust, da seine Frau und seine zwei Kinder nun einmal auf der Insel leben. Zwei Jahre lang hatte es Alejandro bei Ryanair ausgehalten, Anekdoten aus dieser Zeit, so sagt er, könnten ein ganzes Buch füllen. Und die meisten waren negativer Natur.

Mit seinen Erfahrungen ist Alejandro nicht allein. Der Frust vieler Mitarbeiter über ihren Arbeitgeber aus Dublin ist riesig. Steffen Frey von der Industriegewerkschaft Luftverkehr (IGL) im hessischen Mörfelden-Walldorf beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Arbeitsbedingungen bei Ryanair und hat dabei vor allem die Flugbegleiter im Blick. Auch er könne einen ganzen Katalog an Missständen aufzählen, gerade was die finanziellen Bedingungen angeht. „Bei Ryanair verdienen Flugbegleiter, die neu anfangen, in den Wintermonaten teilweise einen dreistelligen Betrag. In guten Sommermonaten kommen sie mal auf 1.700 Euro brutto." Bei Konkurrenten wie Eurowings beginne das Gehalt bei rund 1.800 Euro und gehe im Sommer nicht selten auf 2.500 Euro hoch. Erschwerend kommt bei Ryanair hinzu, dass angehende Flugbegleiter 3.000 Euro für ihre Ausbildung zahlen müssen, die sie später vom Gehalt abstottern können. „Aber wenn sie damit gerade mal so über die Runden kommen, können sie oft nichts abstottern", sagt Frey.

Trotz dieser drastischen Gehaltsunterschiede zur Konkurrenz findet Ryanair spielend leicht neue Mitarbeiter. Um das zu verstehen, muss man sich genauer anschauen, in welchen Ländern Ryanair Recruiting-Tage veranstaltet. „Es sind nahezu ausschließlich Länder im Osten und Süden von Europa, wo das Gehaltsniveau sehr niedrig ist oder wo die Wirtschaftskrise voll zugeschlagen hat", sagt Frey.

Ein Blick auf die Seite von Crewlink, der Agentur, die für Ryanair die Bewerbertage veranstaltet, zeigt: Zwischen dem 31. Januar und dem 7. Februar wirbt Crewlink in Catania, Timisoara, Bologna, Bari, Valencia und Sevilla Flugbegleiter an. Länder in Nord- oder Mitteleuropa sucht man außer einem Termin in London vergebens. Der Gewerkschaft IGL ist kein einziger deutscher Flugbegleiter bei Ryanair bekannt. „Ich will nicht ausschließen, dass es Deutsche dort gibt, aber sie sind normalerweise nicht bereit, zu diesen Bedingungen zu arbeiten", sagt Frey.

Einer der spanischen Flugbegleiter ist Javier*, Sprecher der Gewerkschaft für Flugbegleiter Sitcpla. Er verdiene vergleichsweise gut, sagt er der MZ. Weil er bereits seit sechs Jahren dabei ist. „Aber diejenigen, die danach kamen, bekommen bis zu 400 Euro weniger im Monat als ich." Und auch der 38-Jährige kann sich das Leben in Madrid nur leisten, weil er keine Kinder hat, wie er sagt. Auf Mallorca und den anderen Inseln sehe es ähnlich aus, weiß er von seinen rund 100 Kollegen in Palma.

Doch es ist nicht nur das Gehalt. Es ist auch der enorme Druck, der auf den Mitarbeitern von Ryanair lastet. Das beginnt bei ständigen Kontrollen der eigenen Leistung wie etwa den Verkaufszahlen der Flugbegleiter. Javier berichtet von täglichen Unterredungen mit dem Vorgesetzten, der in einer Computertabelle genau aufschlüsselt, wer wie viel an Bord verkaufte. „Da wurde man dann gefragt, warum es heute so wenig war, und musste sich rechtfertigen, obwohl unser Job ja eigentlich ist, für die Sicherheit an Bord zu sorgen", sagt Javier. Und auch in Form der Arbeitsverträge werde Druck ausgeübt. Diese sind so gestaltet, dass bei krankheitsbedingten Ausfällen oder an Tagen, an denen der Flugbegleiter nicht benötigt wird, auch kein Gehalt fließt. Das funktioniert, weil Ryanair alle Mitarbeiter – von denen viele in Subunternehmen ausgelagert werden – nach irischem Arbeitsrecht anstellt, auch wenn sie in Deutschland, Spanien oder einem anderen Land stationiert sind. Das irische Arbeitsrecht ist für den Arbeitnehmer deutlich ungünstiger als etwa das deutsche.

Arbeitsrechtler sind sich sicher, dass diese Konstruktion illegal ist. Die Justiz ist inzwischen darauf aufmerksam geworden. Aber bis sich etwas bewegt, könnten Jahre vergehen, schätzt man bei der IGL. Ein wegweisendes Urteil gab es im Herbst. Ein Gericht stellte fest, dass bei Streitigkeiten der Angestellten mit Ryanair ein Arbeitsgericht in dem Land zuständig ist, in dem der jeweiligen Mitarbeiter stationiert ist.

Die Vertragsbedingungen der Ryanair-Angestellten bedeuten auch, sich trotz Krankheit zur Arbeit zu schleppen – um keine Verdienstausfälle zu riskieren. Arbeitsunfähige Flugbegleiter und Piloten sind aber ein Sicherheitsrisiko. Inzwischen sind mehrere schwere Zwischenfälle bekannt. Im Jahr 2005 kam eine Ryanair-Maschine über Rom in einem Unwetter in Schwierigkeiten, der Kapitän verlor die Orientierung, flog mehrfach quer zur Landebahn und schaffte es schließlich, das Flugzeug sicher zu landen. Später wurde bekannt, dass er wochenlang um sein krankes Kind gezittert hatte. Kurz vor dem Zwischenfall in der Kabine hatte er es zu Grabe getragen. Laut psychologischem Gutachten war er arbeitsunfähig.

Im Mai 2013 kam eine Maschine bei der Landung in Eindhoven in schwerwiegende Probleme. „Dem Personal fehlte Erfahrung", sagt Pilot Alejandro. Das sei keine Seltenheit bei Ryanair. „Wenn ein Co-Pilot 2.800 Flugstunden hat, kann er theoretisch schon zum Kapitän aufsteigen – das ist viel zu wenig." Alejandro hat 4.500 Flugstunden und ist erst jetzt kurz davor, selbst Kapitän zu werden. 2.800 Flugstunden – das seien gerade mal rund drei Jahre im Cockpit. Und Co-Piloten dürften schon mit 300 Flugstunden ran, wobei sie 200 bereits in der Flugschule absolvieren. „Da kann es dir passieren, dass ein 20-jähriger Co-Pilot mit einem 23-jährigen Kapitän zusammen fliegt. Dieses Gespann hat niemals die nötige Reife, um eine solche Verantwortung zu stemmen", meint Alejandro.

Ryanair antwortet auf diese Vorwürfe schriftlich: „Alle Piloten und Co-Piloten von Ryanair halten die vorgeschriebene Erfahrung an Flugstunden ein, so wie es die EASA (Europäische Agentur für Flugsicherheit, Anm. d. Red.) sowie die nationalen Bestimmungen vorschreiben. Die Sicherheit ist immer oberste Priorität bei all unseren Tätigkeiten."

Das System Ryanair scheint auf Angst aufgebaut zu sein. Angst der Belegschaft aufzumucken. Deshalb hielten die meisten die Klappe, sagen Alejandro und Javier. Dazu trägt auch die bislang verbreitete Haltung in der Chefetage bei, keinen Kontakt zu Gewerkschaften zu pflegen. Eher friere die Hölle zu, als dass sein Unternehmen mit Gewerkschaften einen Tarifvertrag ausarbeiten werde, hatte O'Leary im September gesagt.

Aber in den vergangenen Monaten hat sich dann doch etwas bewegt. Vor allem in Folge der ­Streikdrohungen der Piloten-Vereinigung Cockpit im Weihnachtsgeschäft, so sind sich zumindest die Gewerkschafter sicher, hat O'Leary erstmals eingelenkt und Gespräche mit den Arbeitnehmerorganisationen angekündigt. Die konnten es zunächst kaum glauben – und hatten sich offenbar zu früh gefreut. Zwar gab es Treffen von Gewerkschaften mit den Ryanair-Oberen. Doch die endeten zunächst ernüchternd und ohne konkrete Zusagen. Wann man sich das nächste Mal treffe, sei ebenfalls offen.

Bei der Pilotengewerkschaft Sepla in Madrid ist man überzeugt: Nach dem abgewendeten Streik im Dezember wird nun erst einmal nicht mehr viel passieren. Javier indes ist optimistisch, dass sich zumindest langfristig etwas ändert. „Die Leute haben die Angst verloren. Wir haben seit ein paar Monaten einen riesigen Zulauf, allein auf Mallorca ist etwa die Hälfte der Flugbegleiter inzwischen in unserer Gewerkschaft." Von Sepla hört man dasselbe. Und Steffen Frey von IGL sagt: „Der Anfang ist gemacht, es gibt kein Zurück mehr." Gebe es keine Gespräche mit Ryan­air, seien Streiks sehr wahrscheinlich. „Und nicht nur einer." Inzwischen stimme man sich mit den anderen Gewerkschaften bestens ab und sei auch europaweit gut vernetzt.

Ryanair selbst tut wenig, um sich gegen die vorgebrachten Missstände zu verteidigen. Die Pressestelle antwortet der MZ, man befinde sich derzeit in Verhandlungen mit Piloten und Gewerkschaften aus verschiedenen Ländern, darunter Deutschland und Spanien. „Wir werden diesen Prozess nicht öffentlich kommentieren, genauso wenig wie Kommentare von früheren Ryanair-Mitarbeitern."

*Namen von der Redaktion geändert

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