Petanca: von wegen Rentnersport

Der Sport hat nicht gerade das Image eines coolen Zeitvertreibs. Doch die Kugeln werden nicht nur von alten Herren geworfen, wie das Beispiel der 22-jährigen Weltmeisterin Melani Homar zeigt

20.11.2015 | 13:42
Auf der Bahn, die ihrer Mutter und zweifachen Weltmeisterin Cati Mayol in Palma gewidmet ist, fühlt sich Melani Homar am wohlsten.

Melani Homar geht es gehörig gegen den Strich, wenn wieder einmal jemand Petanca oder Pétanque, die Wettbewerbsvariante von Boule, als Altherrensport bezeichnet. Die gerade mal 22-jährige Mallorquinerin ist vor wenigen Tagen aus Thailand zurückgekommen, wo sie mit der vierköpfigen spanischen Nationalmannschaft bei der Damen-Weltmeisterschaft in Bangkok die Goldmedaille gewonnen hat – mit einem überraschenden 13:10-Erfolg gegen die Gastgeberinnen, die als Favorit in das Turnier gestartet waren. Und es glaube ja niemand, dass eine WM etwas für Rentner sei.

Beinahe trotzig versichert die ansonsten ausgesprochen umgängliche junge Frau im Gespräch mit der MZ, dass sie jetzt, nach dem Turnier, „richtig fertig" sei und ihre Schulter „im Eimer". Arm, Schulter, Hand­gelenk und Bänder sind bei Petanca-Spielern die gefährdetesten Körperteile. Sicher, es gibt keine Zweikämpfe in dem auch ansonsten körperlich nicht über die Maßen anstrengenden Sport, doch trotzdem sei das
Verletzungsproblem nicht zu unterschätzen. „Und erst die mentale Anstrengung", wirft Homar energisch ein. Denn Petanca-Partien dauern nicht 90 Minuten, wie ein Fußballspiel, sondern können sich auch mal über fünf Stunden hinziehen. Nicht selten müssen an einem Tag auch zwei oder gar drei Begegnungen absolviert werden. Da müsse der Kopf voll da sein, sonst funktioniere die Zielgenauigkeit nicht. So auch bei der WM in Bangkok. „Wir haben früh um 8 Uhr angefangen und bis 9 Uhr abends gespielt. Eine Stunde hatten wir Zeit für eine Mittags­pause", sagt Homar.

Doch die Mühen lohnten sich – und der Sieg bei der WM ist den vier Frauen hoch anzurechnen. Die Bedingungen für Boule-Spieler in Thailand muten im Vergleich zu Spanien paradiesisch an. „Die National­spielerinnen sind alle beim Militär, haben dort ihr Gehalt und üben eben dort ihren Sport aus", erzählt die Mallorquinerin. In Spanien sei mit Petanca wie in den meisten anderen Ländern kein Geld zu verdienen.

Umso mehr überraschen die Erfolge von spanischen Petanca-Spielerinnen wie Homar. Erst 2014 wurde sie mit ihrem Team Europameisterin. Vor zwei Jahren wurde sie bereits in die Nationalmannschaft berufen, „eine riskante Entscheidung des Verbandes", wie sie selbst sagt. Doch man setzte auf eine Mischung aus Jugend und Erfahrung. Homars Team­kolleginnen sind 36, 40 und 45 Jahre alt. „Sie sind wie Mütter und Psychologinnen gleichzeitig." Dabei verfügt das spanische Team sogar über einen eigenen Psychologen, der zu den internationalen Wettbewerben mitfährt und den Spielerinnen nicht von der Seite weicht. „Das ist manchmal schon ein bisschen zu viel", sagt die Mallorquinerin.

Die Insel ist in Sachen Petanca neben Barcelona die Hochburg in Spanien. 3.000 lizenzierte Spieler und 69 Clubs gibt es auf den Balearen, neun Weltmeisterschaften haben sie schon geholt. Die balearische Vereinigung verfügt über eine beneidenswerte Infrastruktur. Hier, nahe der Sporthalle Germans Escalas an Palmas Ring­autobahn, stehen 63 Bahnen zur Verfügung. „Solche Möglichkeiten hat kein anderer Verband in Europa", sagt Homar, der „schon bei der Geburt die Petanca-Kugel in die Wiege gelegt" wurde.

Ihre Mutter Cati Mayol wurde 1993 und 1994 jeweils mit der Nationalmannschaft Weltmeisterin, ihr Vater war einst spanischer Meister und trainiert heute die Balearen-Auswahl. Mutter Cati ist immer noch aktiv und geht in nationalen ­Meisterschaften stets mit ihrer Tochter gemeinsam auf Titeljagd. „Bei uns zu Hause wird ständig über Petanca gesprochen", sagt Homar, die mit vier Jahren ihre ersten Kugeln warf, angepasst an die Größe ihrer Hände. Mit acht war sie Mitglied in einem Club, und seitdem gab es kein Entrinnen mehr. Inzwischen spielt sie für den Club in Can Pastilla in der ersten spanischen Liga. Dort musste Homar direkt nach ihrer Rückkehr aus Asien am Wochenende schon wieder antreten. Und wenn dann die Liga im Februar zu Ende ist, geht es nahtlos in die Balearen-Meisterschaften über, bevor internationale Wettbewerbe an der Reihe sind. Pause gibt es nicht.

Aber Melani Homar ist darüber nicht unglücklich. Sie würde lieber noch viel mehr Petanca spielen – auch hauptberuflich. Ob dieser Traum einmal Wirklichkeit werden könnte, wird die Zeit zeigen, denn zu den Olympischen Spielen 2024 soll Petanca, so sieht es ein Antrag des französischen Verbandes vor, olympische Disziplin werden. Dann könne man damit auch Geld verdienen. Weil das aber reichlich unsicher ist, studiert Homar Tourismus und lernt Deutsch. Sicher sei nur, dass auch ihre Kinder später mal Petanca spielen müssen, sagt sie und lacht.

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