22. April 2019
22.04.2019
Mallorca Zeitung

Wie Nahrungs-Ergänzungsmittel und Depressionen zusammenhängen

Die Ergebnisse der europaweiten Studie, an der auch die Balearen-Universität teilnahm, sind ernüchternd

22.04.2019 | 01:00
Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel ist riesig. Viele Menschen nehmen die Tabletten jedoch ohne ärztliche Verordnung.

Nahrungsergänzungsmittel verhindern nicht, dass Menschen mit Übergewicht, die zu Depressionen neigen, in ein tiefes Loch fallen. Das ist das Hauptergebnis von MoodFood, einer europaweiten, interdisziplinären Studie, die die Bereiche Psychiatrie, Ernährungswissenschaften, Verbraucherverhalten und Präventionspsychologie umfasst. Insgesamt 13 Institutionen aus neun Ländern waren an dem von der Europäischen Kommission geförderten und auf fünf Jahre angelegten Projekt beteiligt – darunter auch ein Forscherteam der Balearen-Universität (UIB) in Palma de Mallorca.

Einen wichtigen Teil der Daten lieferte eine klinische Studie. Dafür begleiteten die Forscher in Leipzig, Amsterdam, Exter (Großbritannien) und auf Mallorca ein Jahr lang je 250 Studienteilnehmer zwischen 18 und 65 Jahren. Sie alle wiesen ein leichtes bis deutliches Übergewicht auf, genauer gesagt einen Body-Mass-Index (BMI) zwischen 25 und 40, sowie leichte depressive Symptome. „Diese Menschen haben laut bisherigen Erkenntnissen ein höheres Risiko, an Depression zu erkranken", so Elisabeth Kohls, Psychologin an der Universität Leipzig.

Die Forscher teilten die Studienteilnehmer nach dem Zufallsprinzip in Gruppen ein. Die Teilnehmer nahmen entweder täglich ein Nahrungsergänzungsmittel oder ein Placebo-Präparat ein. Zudem erhielt die Hälfte von ihnen eine professionelle psychologische Beratung in Einzel- und Gruppensitzungen zu gesunder Ernährung und Lebensweise. Insgesamt gab es also vier Untersuchungsgruppen à 250 Teilnehmern.

Omega-3, Folsäure, Zink €

„Für die Studie haben wir eigene Nahrungsergänzungsmittel-Präparate herstellen lassen. Dabei haben wir alle Stoffe miteinbezogen, die laut unseren Literaturrecherchen möglicherweise in Zusammenhang mit depressiven Symptomen stehen", sagt Miquel Roca, Psychiater an der UIB. Die Teilnehmergruppe, die Nahrungsergänzungsmittel bekam, musste täglich jeweils eine Omega-3-Fettsäure-Kapsel und eine Tablette, in der Kalzium, Folsäure, Selen, Vitamin D und Zink gemischt waren, zu sich nehmen. Die übrigen Teilnehmer bekamen Placebo-Präparate.

Die Studie zeigte, dass die Nahrungsergänzungsmittel hinsichtlich der Prävention von depressiven Episoden bei Übergewichtigen nicht wirksamer waren als die Placebo-Präparate, sondern in einigen Analysen sogar schlechter abschnitten. „Woran das liegt, wissen wir noch nicht", sagt Elisabeth Kohls. Die Daten der Studie seien bewusst auch deswegen in vier verschiedenen europäischen Ländern erhoben worden, weil die Ernährung dort sehr unterschiedlich ist.

Nicht von allen Seiten sei dieses Ergebnis positiv aufgenommen worden. „Der Markt der Nahrungsergänzungsmittel-Hersteller hat eine große Lobby", so die Forscherin. Die ­Attribute, die die Firmen den Mitteln häufig zuschreiben, seien aus wissenschaftlicher Sicht bedenklich. Mit Sätzen auf den Verpackungen wie „Steigern Sie Ihr Wohlbefinden" oder „Fühlen Sie sich fitter" würden die Hersteller die Menschen dazu bringen, die Mittel zu kaufen und ohne eine entsprechende Indikation einzunehmen. Ganz nach dem Motto „es bewahrt mich davor, alle möglichen Erkrankungen zu bekommen", sagt Kohls. Sie rät nur zur Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln, wenn ein Arzt sie explizit empfohlen hat.

Beratung keine Wirkung

Auch die psychologische Beratung, mithilfe derer ein gesünderes Ernährungsmuster ­eta­bliert werden sollte, hatte keinen Präven­tions-Effekt. Bei der Beratung machten die Teilnehmer etwa angeleitete Genussübungen oder kochten neue Rezepte. Das Risiko, an einer Depression zu erkranken, blieb wie bei den Nahrungsergänzungsmitteln unverändert.

„Depressionen sind schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankungen. Sie reduzieren die Lebenserwartung im Schnitt um zehn Jahre", so Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Leipzig. „Wie bei jeder schweren Erkrankung sollte man sich deshalb sowohl im Bereich Vorsorge als auch in der Therapie auf Methoden und Behandlungen mit nachgewiesener Wirkung verlassen." Den Verlauf der Krankheit könne man mit medikamentöser Therapie oder Psychotherapie beeinflussen, nicht aber mit Nahrungsergänzungsmitteln.

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