07. Mai 2020
07.05.2020
Mallorca Zeitung

"Das Virus verschwindet nicht von einem Tag zum anderen"

Corona-Sprecher Javier Arranz über die jetzt flache Kurve auf den Balearen, die Risiken der Exit-Strategie und den Umgang mit der Kritik an den Restriktionen

07.05.2020 | 01:00
"Das Virus verschwindet nicht von einem Tag zum anderen"

Täglich hat Javier Arranz in den vergangenen Wochen seinen Lagebericht abgegeben. Dass die Pressekonferenzen des Corona-Sprechers auf Mallorca jetzt nur noch ab und zu stattfinden, ist auch ein Zeichen für die Verbesserung der Lage. Stand Donnerstag (7.5.): insgesamt 1.929 registrierte Fälle auf den Balearen, 201 Tote, in den vergangenen 24 Stunden kamen zwei weitere Opfer hinzu. Acht neue Fälle haben die Krankenhäuser registriert 

Zu Wochenbeginn wurden erstmals keine Neu-Infektionen für die vergangenen 24 Stunden gemeldet. Können wir durchatmen?
Von den täglich rund 700 Tests fallen immer weniger positiv aus. Derzeit testen wir systematisch das Gesundheitspersonal, ich erwarte aber keine größeren statistischen Sprünge.

Passagiere, die jetzt die erste Fähre Ibiza-Formentera benutzen wollten, durften nach Schnelltests auf Covid-19 nicht mit an Bord. Wie steht es mit der tatsächlichen Verbreitung des Virus und der Immunisierung in der balearischen Bevölkerung?
Es ist ganz klar, dass nur ein Teil der tatsächlichen Infektionen offiziell erfasst ist. Da sind zum einen die Patienten mit leichten Symptomen, die wir als potenzielle Infizierte klassifiziert haben, aber auch Patienten ganz ohne Symptome, die das Virus ebenfalls weitertragen. Sucht man nach ihnen, findet man sie auch, so wie im Fall der Fähre. Meines Wissens waren es nur ein oder zwei Passagiere.

Javier Arranz.

Alle schauen auf die sogenannte Reproduktionszahl, die angibt, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt. Wie steht es mit dem Wert auf den Balearen?
Er sank schon vor einigen Tagen auf 0,9. Jetzt sind wir etwa bei 0,7. Das Wichtigste ist, dass er unter 1 liegt, also jeder Infizierte statistisch gesehen weniger als eine Person ansteckt, dann ist die Verbreitung unter Kontrolle.

Es sind wieder Spaziergänge und Sport im Freien erlaubt. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Menschenmassen sehen?
Uns Gesundheitsexperten obliegt es, besorgt zu sein. Jede kleine Änderung der Mobilität erhöht das Übertragungsrisiko etwas. Wären bereits 80 Prozent der Bevölkerung immun, wäre das kein Thema. Aber das Virus verschwindet nicht von einem Tag auf den anderen. Ich glaube nicht an größere neue Ausbrüche, aber wir müssen vorsichtig sein. Mir macht weniger die jetzige Situation Sorgen als der Moment, wenn die Insel wieder angeflogen wird, vor allem von stärker betroffenen Regionen auf dem spanischen Festland aus.

In Deutschland ist die Stimmung angesichts der Restriktionen aufgeheizt. Bekommen auch Sie Frust und Kritik ab, wenn Sie wieder und wieder warnen?
Je nach Phase habe ich – von denselben Personen – sehr unterschiedliche Reaktionen erlebt. Zunächst hieß es: Das ist weit weg, Ihr macht zu viel Aufhebens. Dann sagten dieselben Personen: Ihr macht viel zu wenig. Dabei trafen wir seit zwei Monaten Vorbereitungen, auch wenn wir damit nicht hausieren gingen.

Erleben Sie gerade das Paradoxon der Prävention – wenn sie funktioniert, wird ihre Notwendigkeit gerade wegen ihres sichtbaren Erfolgs infrage gestellt?
Was man auch macht, man wird immer von jemandem kritisiert. Unter Fachleuten gibt man deswegen nicht allzu viel auf diese Art von Kritik, sondern versucht, die Maßnahmen zu treffen, die man für nötig hält.

Die Engpässe, die es in der Anfangsphase der Pandemie bei der Versorgung mit Schutzkleidung gab, sind offensichtlich. Warum räumen das die balearischen Gesundheitsbehörden nicht klar ein?
Die Probleme wurden durchaus eingeräumt, schließlich haben wir nicht nur hier damit zu kämpfen. Das Thema kam jetzt wieder nach Äußerungen auf einer Pressekonferenz hoch, da wurde vielleicht nicht gut kommuniziert. Inzwischen ist die Versorgung gesichert.

Wo stehen die Balearen im Vergleich zu Deutschland?
Die jetzige Situation ist durchaus vergleichbar hinsichtlich der Ansteckungsrate, vielleicht weniger bei der Sterblichkeit und der bisherigen Fallzahl. Spanienweit gehören die Balearen aber zu den vier oder fünf Regionen mit der geringsten Ansteckungsrate.

Wie sind wir für den weiteren Exit gerüstet?
Die Auslastung der Intensivstationen ist auf 46 Prozent gesunken, hinsichtlich der Kapazitäten stehen wir also gut da. In Zukunft wird es wichtig sein, Verdachtspatienten schnell zu isolieren und zu testen. Es wird aber auch darauf ankommen, die Kontakte der infizierten Personen zu überprüfen. Die dafür nötigen sogenannten Tracer bereiten wir gerade auf ihre Aufgaben vor. Hier genügend flexible Kapazitäten zu haben, wird entscheidend sein, um weiter zur Normalität zurückzukehren – gerade wenn wieder Fluggäste ankommen.

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