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Mallorca Zeitung

Neues Wohnen: Wie Mallorca den sozialen Wohnungsbau neu erfindet

Innovativ, nachhaltig, ästhetisch: Im sozialen Wohnungsbau auf den Inseln findet gerade ein Paradigmenwechsel statt. Zeit für eine Besichtigung

Tragende Wände und Gewölbe aus Marès, hohe Decken mit Holzverkleidung. José Hevia

Für die eigenen vier Wände gibt es viele Ausdrücke auf der Insel: piso, hogar oder auch einfach ca meva. Die Seniorin, die an diesem Dienstag ihre Türen öffnet, um der MZ ihre vor zwei Monaten bezogene Sozialwohnung im Norden von Palma zu zeigen, verwendet ein anderes Wort: palacio. „Als wäre es ein Palast“, sagt die Mallorquinerin begeistert. Praktisch alles gefalle ihr an der 50-Quadratmeter-Wohnung. 

Die Assoziation dürfte am Marès liegen. Wände und Deckengewölbe sind aus dem hellen Sandstein der Insel, aus dem einst auch Palmas Stadtpaläste sowie die Kathedrale gebaut wurden. Mit dem Bilder aufhängen habe sie dennoch keine Probleme gehabt, versichert die Seniorin, die nach fünf Jahren auf der Warteliste zusammen mit ihrem pflegebedürftigen Mann einziehen konnte. Statt vorher 890 Euro Miete zahle sie nun 273 Euro inklusive Nebenkosten. Nur die ebenerdigen, großformatigen Fenster, die seien ein bisschen gewöhnungsbedürftig gewesen: Passanten hätten immer wieder hereingeschaut. Nun schützen Vorhänge vor den neugierigen Blicken von der Straße.

Dieses Gebäude mit acht Sozialwohnungen in Palma ist bereits bezogen. José Hevia

Die neue Strategie

Kein Wunder, dass das Gebäude Blicke auf sich zieht: Was die balearische Linksregierung derzeit unter dem Stichwort habitatges amb protecció pública umsetzt, lässt sich zwar mit sozialem Wohnungsbau übersetzen, greift aber eigentlich zu kurz. Denn es geht nicht nur um Sozialpolitik, sondern auch um echte Nachhaltigkeit, um architektonische Innovation und um Rückbesinnung auf lokale Bautraditionen. Und es sind nicht einzelne Pilotprojekte. Seit Beginn der Legislaturperiode werden alle öffentlichen Mietwohnungen nach diesen Vorgaben gebaut. 2019 gab es davon 1.750 auf den Balearen, bis 2023 sollen es rund 3.000 sein. Anvisiert waren anfangs 3.600. Gleichzeitig wird auch die Zuweisung optimiert. 

Lokale, natürliche Baustoffe seien langsamer zu produzieren, sagt Carles Oliver, verantwortlicher Architekt beim Institut Balear de l’Habitatge (Ibavi). Aber der Import konventioneller Baustoffe gehe infolge der Lieferkettenprobleme auch nicht schneller vonstatten. Oliver denkt ohnehin in langen Zeiträumen. Werde der derzeitige Rhythmus beibehalten, könnten in 20 Jahren sogar 20.000 Sozialwohnungen auf den Inseln zur Verfügung stehen. Der neue Kurs, der 2019 unter der damaligen Ibavi-Leiterin und heutigen Generaldirektorin für sozialen Wohnungsbau Cris Ballester eingeschlagen wurde, soll die Grundlage für eine langfristige Wohnungspolitik sein – ein Konzept, das nach Lesart der Linksregierung Versäumnisse der Vergangenheit wettmacht und das auch kein künftiger politischer Machtwechsel auf den Inseln aus der Bahn werfen soll.

Es ist ein Konzept, das schon jetzt mit Architekturpreisen gewürdigt wird. Wie sehr alle Details bedacht sind, wird bei einem Baustellenbesuch im Carrer Salvador Espriu in der Nähe der Ringautobahn klar. Oliver führt durch eine der 19 Wohnungen, die in Kürze bezugsfertig sind. Spüle und Ofen sind schon eingebaut – um die Verkleidung sollen sich dagegen die künftigen Mieter kümmern. Das Kalkül: Wer auch selbst mit anfasst, schätzt das Ergebnis mehr wert.

Comeback für den Kalkstein

Die Marès-Wände dagegen bleiben, wie sie sind, unverputzt – tragende Wände aus Stein, wie sie auf Mallorca gängig waren, bevor Ende der 1960er-Jahre die Betonbauweise Einzug hielt. Die neuen Wohnungen rehabilitieren den Marès mit seiner guten Schall- und Wärmeisolierung, ganz im Sinne von Jørn Utzon. Der dänische Architekt, der für die Oper in Sydney bekannt ist, hatte es in den 1970er-Jahren bei seinem Wohnhaus bei Santanyí vorgemacht: Ein Nachteil mag zwar sein, dass der Kalkstein relativ viel Feuchtigkeit aufnimmt. Abhilfe schaffen aber zweischalige Wände, cavity walls. 

Holz, Keramik, Neptungras

Das eine sind die Materialeigenschaften, das andere der ökologische Fußabdruck. Denn berücksichtigt werden müssten nicht nur die direkten Kosten, sondern auch die indirekten für die Umwelt, die bei Herstellung und Transport anfallen. Marès wird auf der Insel abgebaut, die Transportwege sind kurz, und dank der Aufträge der öffentlichen Hand habe ein lokaler Steinbruch endlich für einen sechsstelligen Euro-Betrag seinen Maschinenpark aus den 1970er-Jahren erneuern können, erklärt Oliver. Das hatte sich nicht gelohnt, solange das Material praktisch nur für seine Ästhetik geschätzt wurde, etwa als Fenstersims von Villen.

Beim Holz ist es schwieriger. Auf Mallorca gebe es abgesehen von der Herstellung von Transportpaletten praktisch keine Holzwirtschaft. Verbaut wurde deswegen Lärche aus dem Baskenland. Die weiteren Materialien sind jedoch made in Mallorca, vor allem Keramik: Sie stammt aus lokalen Ziegeleien. Und dann wäre da getrocknetes Neptungras, das luftdicht als Wärmeisolierung in den Decken verbaut wird. Es ist eine Technik, die schon bei Palmas Stadtpalästen zum Einsatz kam und im Rahmen eines mehrfach prämierten Pilotprojekts auf Formentera unter heutigen Bedingungen erprobt worden ist. Hintergrund: Im Gegensatz zur Privatwirtschaft müssen Neubauprojekte der öffentlichen Hand seit 2019 die beste Energieeffizienzklasse A aufweisen.  

Bislang komme ich ohne Ventilator aus, trotz der gestiegenen Temperaturen“, berichtet denn auch eine alleinerziehende Mutter, die vor drei Monaten ihre Sozialwohnung beziehen konnte. Sie ist voll des Lobes für die Architekten, es gebe keinen Vergleich zu früheren Wohnungen. „Ich hoffe, im Winter ist es dann genauso komfortabel wie jetzt im Sommer.“ Konventionelle Klimaanlagen sind jedenfalls nicht vorgesehen. Im Winter kommen stattdessen Prinzipien des Passivhauses und der Wärmerückgewinnung zum Einsatz: Eine Lüftungsanlage nutzt den Energieinhalt der Abluft, um die Zuluft zu temperieren.

Hingucker in Santa Eugènia

Noch etwas ausgeklügelter ist ein System, das bei einem Gebäude mit sechs Wohnungen in Santa Eugènia entsteht, weiterer Halt bei der Baustellenbesichtigung. An der Südfassade, die wegen der Grenzlage zum Nachbargrundstück ohnehin nicht mit Fenstern versehen werden darf, entsteht eine Trombe-Wand, eine Speicherwand hinter einer Einfachverglasung. An Wintertagen heizt sie sich durch den Treibhauseffekt auf. Durch sechs Rohre wird die erwärmte Luft dann nach innen geleitet. Eine elegante Lösung zur Klimatisierung, die wegen der Anforderungen an Lage und Ausrichtung freilich nur bei wenigen Objekten infrage kommt. 

Santa Eugènia: Zwei Gewölbe bilden die Decke, der Raum ist flexibel nutzbar. José Hevia

Auch bei diesem Gebäude sind die Arbeiten auf der Zielgeraden. Im Erdgeschoss überspannen zwei Marèsgewölbe den Innenraum, getragen von 80 Zentimeter breiten und 40 Zentimeter langen Säulen. Die Räume zwischen den Säulen der Außenfassade sind Fenster, deren sich nach innen öffnende Läden der Säulenbreite entsprechen, oder bieten Raum für Bad- und Küchenarmaturen. Der Clou: Über die restliche Raumaufteilung können die künftigen Mieter selbst entscheiden, mithilfe von Zwischenwänden aus Holz, die sich flexibel zwischen den Säulen anschrauben lassen.

Kein Wunder, dass immer wieder Anwohner die Baustelle mustern. Dabei vermischten sich der verbreitete Argwohn gegenüber dem Marès mit der Bewunderung für den neuen, alten Baustil, fasst Oliver die Reaktionen zusammen. Man wende Prinzipien an, die schon im alten Rom galten und die eine langfristige, vielseitige Nutzung garantieren sollen. „In 200 Jahren ist das hier vielleicht keine Wohnung, sondern ein Workspace oder ein Laden.“

Dass Sozialwohnungen auch hier auf dem Land entstehen, hat praktische Gründe: Das Ibavi baut dort, wo Gemeinden Grundstücke zur Verfügung stellen. Die Baukosten für das Projekt in Santa Eugènia beziffert der Architekt mit 1.290 Euro pro Quadratmeter. Damit liege man über konventionellen Projekten, für die Oliver einen Durchschnittswert von 1.100 Euro angibt. Aber da seien weder der ökologische Fußabdruck, noch die strengeren Energieeffizienzauflagen für öffentliche Gebäude berücksichtigt. Zudem stiegen ohnehin gerade die Kosten infolge der Lieferschwierigkeiten. 

Auch Architekt Eduard Yuste hält die Unterschiede bei den Kosten für vernachlässigbar. Der Initiator des Architektur-Festivals Open House, das vergangenes Jahr erstmals in Palma stattfand und auch Führungen in acht Projekten für sozialen Wohnungsbau beinhaltete, spricht von einem Paradigmenwechsel. Was derzeit in diesem Bereich passiere, sei deutlich interessanter als im privaten Wohnungsbau. Die Balearen erregten über die Inselgrenzen hinweg Aufsehen, und es sei zu hoffen, dass die Projekte des Ibavi Schule machten.  

Stampflehm und Urban Mining

Anregungen gibt es jedenfalls genug. Kein Projekt scheint wie das andere. Da wären etwa Sozialwohnungen in Can Pastilla, bei deren Wänden Stampflehm zum Einsatz kommt, er gilt als genauso umweltschonend wie preisgünstig. Da wären Sozialwohnungen in Brettsperrholz-Bauweise und Meeresbrise-Klimatisierung in Magaluf. Oder da wären Urban-Mining-Projekte wie etwa in Palmas Viertel Camp d’en Serralta: Das Material eines maroden Gebäudes wird nicht entsorgt, sondern beimNeubau von 25 Sozialwohnungen maximal recycelt, also etwa zermahlen und zu Kalkbeton verarbeitet. 

Günstig und öko: Wände aus Stampflehm. Àngels Castellarnau + Josep Bunyesc

Und immer ist auch ein Stück Garten oder Terrasse dabei – Dinge, die man schon vor Ausbruch von Corona als wichtig eingestuft habe, so Oliver. So zeigt die Seniorin in ihrem palacio in Palma stolz auch den kleinen Innenhof, an dessen Trennwand zur Nachbarwohnung noch der grüne Sichtschutz wachsen muss. Genauso wie auch die Jungfernreben vor den Fenstern zur Straßenseite. Die unkomplizierte Kletterpflanze, die auch Wilder Wein genannt wird, soll die Fassade schnell begrünen und dann zu neugierige Blick von Passanten auch ohne Vorhang abhalten.

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