23. Mai 2021
23.05.2021
Mallorca Zeitung

Auf Mallorcas höchster Finca

Die Landgüter in der Serra de Tramuntana kosten die Eigentümer horrende Summen im Unterhalt, bringen aber keine Einnahmen mehr. Das zu ändern, hat sich die Initiative Tramuntana XXI vorgenommen. Finca-Manager Joan Juan zeigt, wie das geht. Ein Besuch auf Son Torrella

23.05.2021 | 01:00

Man könnte Joan Juan einen leichten Hang zum Theatralischen nachsagen. Wie er da seinen jahrzehntealten blauen Jeep über eine ­Buckelpiste nur wenige Hundert Meter unterhalb des Puig Major steuert und sagt: „Mir geht es wie einem Komponisten: So wie der leidet, wenn seine Partitur schlecht gespielt wird, ­leide ich, wenn ich sehe, wie eine Finca falsch geführt wird." Joan Juan ist ein für spanische Verhältnisse groß gewachsener Mann in den Fünfzigern mit angegrautem Bart und bereits im Mai deutlich gebräuntem Teint. Er hat die MZ an diesem Tag auf die Finca Son Torrella eingeladen, um seine Mission zu zeigen.

Juan arbeitet als Finca-Manager für die ­Initiative Tramuntana XXI, deren Ziel es ist, die einzigartige Kulturlandschaft des Mallorca-Gebirges zu erhalten, aber auch neuen ­Nutzungsmöglichkeiten zuzuführen und wirtschaftlich wieder rentabel zu machen. Es ist eine Aufgabe, die sich zehn Jahre nach Erklärung der Tramuntana zum Welterbe dring­licher denn je stellt. Die Entscheidung der UNESCO jährt sich im Juni, und das Datum erinnert daran, dass der Titel Mallorca auch in die Pflicht nimmt.

Anfangen müsse man bei den Landgütern. „93 Prozent der Serra befinden sich im Privatbesitz", erklärt Juan. „Das sind viele Tausend verschiedene Eigentümer." Son Torrella ist die höchstgelegene Finca auf Mallorca, ihre 440 Hektar decken große Teile des Puig Major ab und erstrecken sich bis zum1.481 Meter ­hohen Gipfel. Ein Teil ist vom spanischen Militär enteignet worden, das am Fuße des Berges seinen Stützpunkt hat. Die Militärstraße zum Gipfel führt mitten durch die Finca.

Inmaculada Zayas war es, die auf Tramuntana XXI zugegangen war und auf diese Weise dem Verfall des Landguts zuvorkommen will. Die Familie Zayas hatte dasselbe Problem wie wohl 90 Prozent der Finca-Besitzer in der ­Tramuntana: immense Kosten mit der Instandhaltung der Gebäude und des riesigen Grundstücks und so gut wie keine Einnahmen. Joan Juan besuchte die Finca und bekam von Inmaculada Zayas den Auftrag, ein Projekt für Son Torrella zu entwerfen. Tramuntana XXI geht in solchen Fällen in zwei Schritten vor. Im ersten besucht Juan die Finca und verschafft sich einen ersten groben Überblick über die Defizite, die Stärken und das Potenzial. Dieser Besuch ist für Mitglieder des Vereins kostenlos - der Jahresbeitrag für Privatpersonen beträgt derzeit 60 Euro, für Rentner, Arbeitslose und Studenten die Hälfte. Alle anderen bezahlen Juan nach Stunden. In einem zweiten Schritt entwirft der Mallorquiner dann ein auf die Finca zugeschnittenes Projekt. „Das gibt es dann nicht mehr gratis", sagt Juan.

Erfahrungen mit dem Management von Fincas hat der Mallorquiner seit Jahrzehnten. Er studierte Biologie, brach das Studium ab und arbeitete von da an „immer in der Natur", wie er sagt. Als Finca-Manager kümmerte sich Juan jahrelang um private Fincas, war zwischenzeitlich im Namen der Naturschutzorganisation Gob für die Finca La Trapa oberhalb von Sant Elm verantwortlich und trat vor fünf Jahren seine Stelle bei Tramuntana XXI an.

Auch Deutsche bitten um Hilfe

Joan Juan betreut neben Son Torrella derzeit noch fünf weitere Fincas im Gebirge, die von der Größe her unterschiedlicher kaum sein könnten. Son Torrella mit 440 Hektar ist mit Abstand die weitläufigste, die kleinste Finca misst gerade mal 8.800 Quadratmeter. Inzwischen kämen immer häufiger auch Ausländer auf ihn zu, so der Finca-Manager. Ein Deutscher habe ihn um Hilfe gebeten, weil er nicht wusste, wie er mit den Johannisbrotbäumen auf seiner Finca umzugehen hatte.

Auf Son Torrella stieß Juan neben einigen Schwierigkeiten vor allem auf ein großes Potenzial, wie er sagt. Zwar gebe es sehr wohl viel zu tun, etwa am früheren Gebäude der Finca-Bediensteten oder bei der Wasserversorgung. Doch Son Torrella soll in Zukunft als ein Modell für viele andere Fincas in der Tramuntana dienen. Um anderen zu beweisen, dass eine Finca in der Tramuntana in der heutigen Zeit nicht ein Fass ohne Boden sein muss.

Juan redet viel und bildreich, bekommt zwischendurch Anrufe und koordiniert am Handy seine zahlreichen Meetings, die in den kommenden Tagen auf ihn warten. Wer in der Serra de Tramuntana arbeitet, der muss viele Auflagen einhalten und sich mit den Vertretern zahlreicher Gremien treffen. „Manchmal wünschte ich, der Handyempfang wäre hier im Gebirge schlechter. Aber leider haben wir ja die Antennen direkt hier oben", sagt er, stöhnt und deutet auf den Gipfel des Puig Major. Dann setzt er sich auf einen lang gestreckten steinernen Bau, an dessen Ende ein kleiner Kanal herauskommt, eine sogenannte canaleta. Sie führt Wasser, das in ein Auffangbecken fließt. Dutzende Frösche quaken um die Wette und springen ins Becken, als sich Juan nähert.

„Das ist eine font de mina", erklärt er. In ihr fließen aus zwei verschiedenen Brunnen weiter oben am Berg die Wasservorräte aus dem Berg zusammen. Sie könnten die Wasserversorgung der Finca auch dann sicherstellen, wenn sie durchgehend von mehreren Menschen bewohnt wäre. Die Betonung liegt derzeit aber noch auf dem Konjunktiv. „Der Kanal ist in schlechtem Zustand, an vielen Stellen hat sich Kalk abgelagert, der den Kanal uneben werden lässt und dazu führt, dass ein ­großer Teil des Wassers aus der Rinne herausfließt, bevor es im Auffangbecken ankommt. Und der Wasserverlust führt dazu, dass die Struktur immer unstabiler wird." Der Kanal wird nun von den Kalkablagerungen befreit, seine Wände werden restauriert. Auch die beiden Brunnen müssen restauriert werden.

Heilkräuter und Honig

Tramuntana XXI ist seit Anfang des Jahres auf Son Torrella aktiv, die Fortschritte sind nur langsam sichtbar. Zum Teil abgeschlossen wurden Arbeiten an der Umzäunung der Finca, die ebenfalls marode war. Ziegen verschafften sich immer wieder Zutritt zum Gelände und nagten ab, was sie finden konnten. Die Tiere lassen sich zwar immer noch auf der Finca blicken, aber zumindest neuere Anpflanzungen sind nun mit Zäunen geschützt. Ein weiteres Projekt ist das Anpflanzen aromatischer Heilpflanzen, aus denen später einmal ätherische Öle hergestellt werden sollen. So ließen sich neue Einnahmen erzielen, genauso wie mit dem Honig, der von den bisher knapp zehn Bienenstöcken auf der Finca kommen soll. In Zukunft ist geplant, die Zahl der Stöcke zu erhöhen. Behutsam allerdings.

Ein anderer Bereich, in dem viel Arbeit wartet, ist das Haus der Bediensteten. Das ­Gebäude aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert ist einfach gehalten, nicht einmal eine Heizung gibt es. „Die braucht es aber natürlich, um das Haus nutzen zu können. Sie soll mit Biomasse betrieben werden", sagt Juan. Für das zweistöckige Haus mit den drei Schlafzimmern hat der Finca-Experte schon konkrete Pläne. „Wir wollen es öffnen für Wissenschaftler, die sich mit der Serra de Tramuntana beschäftigen, mit welchem Aspekt auch immer." Sie sollen die Möglichkeit bekommen, eine Zeit lang in dem Haus unterzukommen und zu arbeiten - ­gegen einen niedrigen Obolus. Joan Juan schweben da etwa Studenten vor, die ihre ­Abschlussarbeiten schreiben, oder auch Biologen, die auf Son Torrella Feldforschung ­betreiben. Schließlich ist die Finca Heimat ­mehrerer endemischer Pflanzenarten wie ­Farnen und Orchideen, die es laut Juan nur in dieser Ecke der Insel gibt.

Bewahren, bilden, forschen

Forschung ist für Tramuntana XXI eine von drei Säulen des Konzepts, mit dem die Fincas im Gebirge für die Zukunft fit gemacht werden sollen. Da wäre zunächst die Bewahrung: Gemeint sind die Wiederherrichtung und Restaurierung der Fincas. Die zweite Säule ist die Bildung, etwa im Fall von Schulklassen, die Ausflüge ins Gebirge unternehmen und die Bewirtschaftung der Fincas kennenlernen. Aber Juan hat weitergehende Pläne, Stichwort Forschung: Er glaubt an eine Art Studiengang zum Forstwirt, der die jungen Leute auf Mallorca für die Arbeit mit dem Wald begeistern soll. Ein Teil der dafür nötigen Schulungen sollte auf Son Torrella stattfinden. „Ich stelle mir eine Schule ohne festen Standort vor. Die Schüler sollen von Finca zu Finca ziehen und in der Praxis lernen."

Nur mit der Weitergabe des Wissens an jüngere Generationen könnten die Landgüter in der Serra überleben. Und nur so könne auch die Serra de Tramuntana als Kulturlandschaft überleben. Denn wenn immer mehr Eigentümer ihre Fincas notgedrungen sich selbst überlassen, birgt das eine enorme Gefahr für die Landschaft. „Das Risiko von Waldbränden, Schädlingsbefall und damit einem Verlust der Landschaft ist groß", warnt Juan. Auch angesichts des immer stärkeren Zustroms von Urlaubern und Einheimischen, die die Serra de Tramuntana als Naherholungsgebiet an ­manchen Tagen regelrecht überlaufen. Die Gefahr des Landschaftsverlustes sei real, wenn man den Eigentümern im Gebirge nicht die Chance gebe, mit ihrem Land auch wieder Geld zu verdienen.

Holz- statt Landwirtschaft

Auf Landwirtschaft als Einnahmequelle zu setzen, ergebe keinen Sinn mehr. Auf Son Torrella hatte man bis in die 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch Getreide angebaut. Das wirkt in der heutigen Zeit beinahe unglaublich. Joan Juan nimmt uns mit zu einer der Hochebenen, auf denen früher die Ähren standen. Hier wachsen nun Hunderte Kiefern und Steineichen - Teil eines Aufforstungsprogramms, das die Familie Zayas an dieser Stelle bereits vor etwa 25 Jahren begonnen hatte. 60.000 Bäume pflanzte sie mithilfe der Naturschutzorganisation Amics de la Terra.

Die Kiefern sind bereits rund zehn Meter in den Himmel gewachsen, die Stämme ganz nach dem Geschmack des Finca-Managers. „Schaut euch mal diesen Stammumfang an", ruft Juan. Jahrzehntelang habe man das Holz von der Insel verachtet. „Es wurde lediglich als Brennholz verwendet, um Pellets herzustellen." Damit soll nun Schluss sein. Juan will in Zukunft wieder massive Möbel aus mallorquinischem Holz sehen, die dann Generationen halten. „Die Leute merken langsam, dass das, was sie bei Ikea kaufen, nach kurzer Zeit kaputt ist." Früher habe man einen Kiefernwald verkauft und dafür ein halbes Vermögen bekommen. „Heute kann man sich vom Verkauf gerade mal die Motorsäge leisten."

Kleine Besuchergruppen

An Ideen für Son Torrella mangelt es also nicht. Es wird sich zeigen, welche funktionieren werden. Der jetzige Vertrag mit der Eigentümerin läuft über ein Jahr, aber Juan ist überzeugt, dass er verlängert wird. „Das Projekt ergibt nur Sinn, wenn man es langfristig betrachtet." Joan Juan zumindest ist optimistisch und voller Tatendrang. In Zukunft sollen alle sehen können, wie man eine Tramuntana-Finca auch heute noch wirtschaftlich betreiben kann. Dafür will er Son Torrella zugänglich machen - bei kleinem Eintritt eine weitere Einnahmequelle für die Finca. Und dann müsste Joan Juan vielleicht auch nicht mehr wie ein unverstandener Komponist leiden.

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