20. Juli 2020
20.07.2020
Mallorca Zeitung

Steht Mallorca nach der Pandemie ein Winter der Armut bevor? Ein Ökonom antwortet

Carles Manera war in der letzten schweren Krise 2008 Wirtschafts- und Finanzminister der Balearen

20.07.2020 | 01:00
Ein leidenschaftlicher Gegner der Sparpolitik in Krisenzeiten: Carles Manera.

Carles Manera ist einer der berufensten Experten, wenn es darum geht, die Auswirkungen der Pandemie auf die Wirtschaft der Insel zu analysieren. Der Professor für Volkswirtschaft an der Balearen-Universität war selbst zwischen 2007 und 2011 Wirtschafts- und Finanzminister und saß danach dem Consejo Económico y Social der Balearen vor, einer Art Bindeglied zwischen Wirtschaft und Politik. Das Amt muss er nun abgeben: Vergangene Woche berief die Notenbank Banco de España den Sozialisten in ihren Vorstand.

Steht uns nach Corona auf den Inseln ein Winter der Armut bevor?
Wir sind in einer seit den 60er-Jahren, als der Massentourismus begann, nie da gewesenen Situation. Der Tourismus ist quasi zum Stillstand gekommen. Dennoch glaube ich, dass es weniger katastrophal kommen wird als bisher prognostiziert. Die Balearen-Regierung rechnet mit einem Absturz des Bruttoinlandsprodukts von 30 Prozent. Das scheint mir deutlich zu hoch. Ich glaube, der Absturz wird heftig, aber sich eher in einer Spanne von 12 bis etwa 17 Prozent bewegen. Natürlich wäre auch das ein so noch nie da gewesener Rückgang. Selbst in der großen Krise 2008 fiel das Bruttoinlandsprodukt nur rund fünf Prozent.

Was macht Sie optimistischer als die Landesregierung?
Ich habe in der Universität auch Zugriff auf einen Simulator des Bruttoinlandsprodukts. Und da sehe ich, dass im Juni einige Hotels wieder geöffnet haben. Für Juli und August gibt es Prognosen, dass 40 bis 50 Prozent öffnen könnten. Die Vorhersage der Regierung ging davon aus, dass wir so gut wie keine Touristensaison haben würden. Auch Restaurants und Bars öffnen wieder.

Die Hotelangestellten haben die ersten Urlauber mit Applaus begrüßt. Ist das nicht übertrieben?
Das ist mit zwei gegensätzlichen Gefühlen zu erklären: Zum einen die Erleichterung und zum anderen die Angst. Die Erleichterung zu sehen, dass Urlauber ankommen trotz der apokalyptischen Prognosen. Und die Angst, dass nicht mehr Menschen kommen. Das bewegt die Angestellten. Ich finde das nicht lächerlich. Die Leute sitzen zu Hause mit ihren Familien, in denen viele arbeitslos sind. Und diese Leute verdienen Respekt.

Der Tourismus auf den Balearen hat früher als anderswo in Spanien begonnen. Ein Verdienst des Pandemie-Managements der Landesregierung?
Auch die Zentralregierung in Madrid hat ihre Sache sehr gut gemacht. Zuvor hatten die Balearen darauf hingewirkt, dass Häfen und Flughäfen erst einmal geschlossen blieben. Andere Regionen konnten das nicht und hatten viel mehr mit der Pandemie zu kämpfen.

Und die Balearen haben ihre Errungenschaften bei der Pandemie-Bekämpfung nach außen kommuniziert.
Es gibt natürlich einige Gründe dafür, dass der Tourismus hier wieder losgegangen ist: Zum einen haben die Inseln eine sehr gute sanitäre Infrastruktur. Das unterscheidet sie von Nordafrika, von der Türkei, von Zypern, von Griechenland. Auch die Nähe zu Deutschland ist wichtig. Deshalb bin ich auch optimistisch, dass die Balearen auch in Zukunft wettbewerbsfähig sind.

Sie sind einerseits Verfechter des Tourismus auf den Balearen, andererseits fordern Sie mehr Diversifizierung der Wirtschaft. Wie passt das zusammen?
Der Tourismus muss der Wirtschaftsmotor der Balearen bleiben. Wir haben viel Erfahrung, ein großes Know-how auf diesem Gebiet, eine sehr gute Infrastruktur. Das Virus hat uns eine Gelegenheit gegeben, unsere Strategie zu überdenken, aber wir sollten nicht alles infrage stellen und etwa zur Landwirtschaft oder zur Industrie zurückkehren wollen. Wir müssen Branchen ausbauen, die heute gefragt sind. Für die Balearen würde das bedeuten, den Dienstleistungssektor zu diversifizieren. Zu den bisherigen Dienstleistungen kämen dann noch verstärkt die Bereiche Innovation und Technologie sowie Soziales mit Bildung und Gesundheit hinzu. Hier gibt es große Wachstumsmöglichkeiten. Wir haben mit dem ParcBit einen Technologiepark, der viel zu bieten hat, und wir brauchen Menschen, die unsere Senioren pflegen. Das kann kein Roboter übernehmen. Was wir nicht machen dürfen, ist, aus dem Nichts neue Branchen zu erfinden oder darauf zu hoffen, dass die Leute statt im Tourismus in der Landwirtschaft arbeiten werden.

Sie schreiben in Ihrem Blog, das Wirtschaftsmodell ändert man nicht per Dekret. Aber wie dann?
Das muss schrittweise passieren. Wenn eine Linksregierung an die Macht kommt, fordern viele Gesellschaftsvertreter eine abrupte Abkehr der bisherigen Strategie. Aber das ist unmöglich. Man muss Maßnahmen ergreifen, die Veränderungen ermöglichen. So etwas braucht Zeit - die Politik aber funktioniert leider nur mit einem Zeithorizont von vier Jahren. Wir haben deshalb im Consejo Económico y Social einen, wie ich glaube, einzigartigen Vorschlag erarbeitet. Er nennt sich „Horizont 2030" und ist eine Art Plan für die balearische Wirtschaft. Fast 40 Wissenschaftler aus neun Fachrichtungen haben daran mitgewirkt, gemeinsam mit ihren Forschungsteams. Das ist eine langfristige Vision. Die Balearen-Regierung könnte dieses Dokument, das rund 500 Seiten umfasst, als Basis verwenden. Es ist allgemein akzeptiert, ich habe mit der Opposition gesprochen, die das Dokument sehr positiv sieht. Es wurde ratifiziert von den Gewerkschaften, von den Unternehmervereinigungen CAEB und Pimem, von Interessengruppen jeglicher Couleur genauso wie von Umweltschützern. Doch bedauerlicherweise, das möchte ich hier unterstreichen, nutzt die Regierung dieses Dokument nicht.

Das ist häufig das Problem der Regierung. Man redet viel über den Wandel, aber unternommen wird wenig.
Das wird gerade wieder beispielhaft deutlich. Alles, was gerade an Maßnahmen zur Linderung der Corona-Krise beschlossen wird, passiert in Eile und dem Druck, dass etwas geschehen muss. Der „Horizont 2030" wurde in knapp zwei Jahren erarbeitet, mit der nötigen Ruhe. Wenn diese Synergien zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik am Ende von der Politik nicht genutzt werden, dann haben wir ein schwerwiegendes Problem.

Allerdings befinden wir uns nicht in einer regionalen oder nationalen, sondern in einer globalen Krise. Was ändert das an der Lage ?
Dass die nach der Finanzkrise von 2008 überdachten Mechanismen der Krisenbewältigung zum Einsatz kommen. Die Zentralbanken, allen voran die Europäische Zentralbank, haben mit großer Umsicht und großer Schnelligkeit gehandelt und alle Geldhähne geöffnet. 2008 war das nicht der Fall.

Warum nicht?
Weil vor allem die Länder in Nord- und Mitteleuropa, die ihre Haushalte saniert hatten - allen voran Deutschland, Luxemburg und Österreich -, von den südeuropäischen Länder eine Kurskorrektur forderten. Die jetzige Krise ist hingegen aus dem Nichts aufgetaucht, ein sogenannter schwarzer Schwan. Außerdem hat man gelernt, dass die 2008 erzwungene Sparpolitik für den größten Teil der Europäischen Union sehr schädlich war. Und nicht nur für die Länder des Südens, sondern auch für die anderen, reicheren Länder im Norden. Im Falle von Deutschland wird das überdeutlich. Das Wachstum und der Handelsüberschuss des Landes ruhen zum Großteil auf dem Export. Und der findet vor allem in der Europäischen Union statt.

Würden Sie genauso denken, wenn Sie Deutscher wären?
Das ist natürlich schwierig zu sagen. Aber es gibt viele deutsche Wirtschaftswissenschaftler, die ähnliche Positionen vertreten. Es gibt inzwischen eine klare, auch wissenschaftlich fundierte Meinung, die das stützt, was wir seit 2007 sagen. Mit der Sparpolitik ist niemandem gedient. Sie können Ihren Staatshaushalt noch so schön in Ordnung haben, aber Ihre Wirtschaft wird Schwierigkeiten bekommen, wenn alle sparen müssen.

Sie wurden 2008 als Finanzminister voll von der Krise erwischt.
Das war eine große Herausforderung. Der Kreditmarkt war fast gänzlich zusammengebrochen. Von 2008 bis 2010 war es beinahe unmöglich, Kredit zu bekommen. Oder nur, wenn man sehr hohe Zinsen bezahlte.

Kredit aufzunehmen bringt Schulden mit sich. Und die türmen sich dann immer höher auf.
Das Problem an den Schulden ist, dass sie ein sehr schlechtes Image haben. Dabei kommt es sehr darauf an, wofür man Schulden aufnimmt. Wenn man sich verschuldet, um die Infrastruktur in Sachen Bildung oder Gesundheitsversorgung zu verbessern oder man in Forschung und Innovation investiert, ist es kein Problem. Diese Schulden kann man auch guten Gewissens an die nächste Generation abtreten. Der Bau und die Ausrüstung des Landeskrankenhauses von Son Espases kostete unglaublich viel Geld. Aber jetzt ist es eines der besten
Krankenhäuser in Spanien. 2008 dafür Mittel zu finden, war sehr schwierig. Aber nun werden es meine Tochter, meine Enkel, meine Urenkel nutzen.

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