09. August 2020
09.08.2020
Mallorca Zeitung

Steht der Insel ein Winter der Armut bevor?

Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise sind enorm. Experten sind sich einig: Nach der Sommersaison werden viele Familien finanziell große Probleme haben. Und es ist ungewiss, wann das Geld wieder fließt wie gewohnt

09.08.2020 | 09:55
Schon jetzt sind die Schlangen an den Tafeln auf Mallorca lang. Im Winter dürfte es noch viel schlimmer kommen

Mallorca und den Nachbarinseln steht ein wirtschaftlich harter Winter bevor - vermutlich der härteste der vergangenen Jahrzehnte. Darin sind sich alle Experten einig, mit denen MZ-Schwesterzeitung "Diario de Mallorca" darüber sprach, wie sich die Krise in Folge der Corona-Pandemie in den Monaten nach der Sommersaison auswirken dürfte.

Sowohl der balearische Arbeitsminister Iago Negueruela als auch Gewerkschatsführer José Luis García und der Wirtschaftswissenschaftler Antoni Riera von der Balearen-Universität fürchten, dass ab Oktober ein Großteil der Familien in Gefahr schweben wird, an der Armutsgrenze leben zu müssen. Denn selbst festangestellten Saisonkräfte, den sogenannten fijos discontínuos, fallen derzeit häufig die erwarteten Einnahmen im Sommer weg, da sie in Kurzarbeit sind. Ganz zu schweigen von jenen, die ohnehin keine Festanstellung hatten und auch kein Arbeitslosengeld beziehen können.

Und selbst für diejenigen, die derzeit arbeiten, dürfte es teilweise eng werden im Winter: Die in der Tourismusbranche übliche Praxis, im Sommer zahlreiche Überstunden zu machen, um sich ein Polster mit Extrageld für den Winter anzulegen, bricht wegen der reduzierten Urlauberzahlen in vielen Unternehmen weg.

Fast ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts, das die Inseln innerhalb des Jahres 2019 angehäuft haben, dürfte durch die Corona-Krise verloren gehen, so Arbeitsminister Negueruela - mehr als 9 Milliarden Euro. Er sieht kurzfristig keinen anderen Ausweg aus der Misere, als die staatlichen Schutzmaßnahmen für Arbeiter und Unternehmen zu verstärken. Gemeinsam mit dem Gewerkschaftsführer der balearischen "Comisiones Obreras", José Luis García, versucht er derzeit, in Madrid Geld dafür locker zu machen. Im spanischen Arbeitsministerium arbeitet man derzeit daran, Arbeitslosengeldzahlungen für die fijos discontínuos zumindest bis Dezember zu garantieren. Danach soll es zumindest eine Arbeitslosenhilfe von rund 430 Euro monatlich geben, bis im März die neue Saison startet.

Auch eine Flexibilisierung der Kurzeitarbeitsregelung (ERTE) wird auf Mallorca unter den Politikern diskutiert. Ebenso könnten Unternehmen, die trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage weiter geöffnet haben, möglicherweise mehr staatliche Unterstützung bekommen.

Und wie geht es im März 2021 weiter? Dieser Zweifel, so Negueruela, bereite ihm deutlich mehr Sorgen als die schwierige Situation im November und Dezember. Denn noch sind zu viele Unbekannte im Spiel, die verhindern, mit Gewissheit zu sagen, dass die Einnahmen durch den Tourismus dann wieder wie gewohnt fließen.

Während Negueruela darauf hofft, dass sich die Situation in der Saison 2021 im Tourismusgewerbe stabilisiere, sodass man spätestens 2022 wieder mit den gewohnten Einnahmen hoffen könne, und den Tourismus weiterhin als treibende Kraft auf den Balearen sieht - vor allem, wenn der für Krisen weniger anfällige Qualitätstourismus gestärkt werde - geht Gewerkschaftsführer García davon aus, dass die Folgen der Krise weit länger zu spüren sein werden. Zahlreiche kleine Unternehmen hätten schließen müssen, und die würden sich auch so schnell nicht wieder erholen. Vor 2023 glaubt er deshalb nicht an eine Rückkehr in die wirtschaftliche Normalität. Er plädiert zudem für eine breiter gefächerte Wirtschaft, die sich nicht so sehr auf den Tourismus fokussiert.

Noch schwärzer sieht Wirtschaftswissenschaftler Antoni Riera die nähere Zukunft. Sowohl das Angebot als auch die Nachfrage in nahezu allen Branchen sei durch den Corona-Lockdown extrem ins Wanken geraten und dieser "finanzielle Schock" könne noch lange nachwirken. Viele Unternehmer, die zunächst damit gerechnet hatten, dass die Krise nur von kurzer Dauer sei, merkten nun, dass die Normalität noch lange nicht wieder hergestellt sein wird und setzten statt auf Kurzarbeit immer häufiger auf definitive Kürzungen beim Personal. Sich in den kommenden Monaten nur um zeitweise Unterstützung von Arbeitern und Unternehmen zu kümmern, sieht Riera deshalb als Fehler an. Wichtiger sei es, mit allen Mitteln zu versuchen, die wirtschaftlichen Aktivitäten auch im Winter weiter anzukurbeln. /somo

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