20. Dezember 2020
20.12.2020
Mallorca Zeitung

Mallorca gesucht, den Tod gefunden

Die Anzahl der Migranten, die von Algerien auf die Balearen übersetzt, steigt. Von jenen, die bei dem Versuch umkommen, ist kaum die Rede. Dabei gab es allein im November 53 Tote und Verschollene

20.12.2020 | 01:00
Ein Migrantenboot vor der Küste von Ibiza. In diesem Fall schafften es die Insassen an Land. Nicht selten halten die Boote den Strapazen einer so langen Route jedoch nicht stand.

1. November 2020: Von der algerischen Hauptstadt Algier aus sticht ein kleines Boot mit elf Insassen in See. Das Ziel: die Balearen. Eine Woche später werden neun der Passagiere bei Alicante gerettet und zwei weitere tot geborgen. 9. November: Von Boumerdès (Algerien) aus wagen 14 Menschen die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer nach Mallorca. Bis heute fehlt von ihnen jede Spur. 14. November: Ebenfalls von Boumerdès aus versuchen 13 Menschen ihr Glück. Fünf von ihnen werden Tage später tot im Wasser aufgefunden, die anderen bleiben verschwunden.

Es sind nur drei von fünf Unglücken, die das Centro Internacional para la Identificación de Migrantes desaparecidos (kurz: CIPIMD) zusammengetragen hat. Insgesamt weiß die Hilfsorganisation von 53 Migranten, die allein im vergangenen Monat bei dem Versuch, in Europa ein besseres Leben zu beginnen, auf der Route Algerien–Balearen verschollen oder gestorben sind. „In vielen Fällen bedeutet beides dasselbe", sagt Maria Ángeles Colsa vom CIPIMD.

Colsa arbeitet in der Zentrale der Nichtregierungsorganisation in Málaga. „Die Route von Nordafrika auf die Balearen ist gefährlich, ich kann nicht verstehen, warum so selten Medien darüber berichten", sagt sie. Schon seit Jahren würden immer wieder Menschen mit dem Ziel Mallorca sterben – wenn auch nie so viele, wie im vergangenen Monat. „Die Anzahl der Migranten, die die Überfahrt nach Mallorca wagen, ist stark gestiegen, weil wegen der Pandemie zeitweise keine Abschiebungen stattgefunden haben", erklärt Colsa. Diese günstigen Umstände hätten sich unter jenen herumgesprochen, die in ihrer Heimat keine Zukunft sehen. Allein am letzten Oktober­wochenende gelang mehr als 250 Migranten die Ankunft auf Mallorca und den Nachbar­inseln, im November waren es insgesamt rund 150, die von der Polizei aufgegriffen wurden, seit Anfang des Jahres insgesamt 1.417 – mehr als drei Mal so viele wie noch im Jahr 2019. „Je mehr Menschen das Wagnis eingehen, desto mehr Opfer gibt es", so Colsa.

Wie gefährlich die rund 430 Kilometer Luftlinie lange Reise für die irregulären ­Einwanderer ist, weiß auch Francisco José ­Clemente von der Hilfsorganisation Héroes del Mar in Almería. „Strömungen, starker ­Wellengang und plötzlich heraufziehende Unwetter sind oft ein Problem, genauso wie große Handelsschiffe, die die kleinen Nussschalen schnell übersehen", berichtet Clemente. Hinzu käme, dass die Boote meist nicht für eine solche Überfahrt ausgelegt seien. „Teilweise stecken mafiöse Schlepperbanden dahinter, die Boote in schlechtem Zustand zur Verfügung stellen. Oft legen die Migranten aber auch privat zusammen und kaufen sich auf eigene Kosten ein Boot, das den Strapazen nicht gewachsen ist."

Sowohl das CIPIMD als auch Héroes del Mar greifen bei ihrer Suche nach Vermissten auf ihre Kontakte in Algerien, Marokko oder Tunesien zurück. „Es sind in der Regel Familien­angehörige, die sich bei uns melden, weil sie nichts von ihren Söhnen hören", so Colsa. „Wenn man 36 Stunden nach der Abfahrt in Richtung Balearen kein Lebenszeichen empfangen hat, ist das definitiv ein schlechtes Zeichen", erklärt Colsa. Dann nämlich sollten die Auswanderer spätestens auf den Inseln angekommen sein.

Die Organisation Héroes del Mar versucht dann, so schnell wie möglich den Standort des Bootes ausfindig zu machen. „Nur wenn der bekannt ist, fährt die Seenotrettung raus", so Francisco José Clemente. Ein Großteil der Opfer komme allerdings bereits am Anfang der Reise in Schwierigkeiten. Nicht nur, weil die Seenotrettung in algerischen Gewässern nicht so gut aufgestellt sei wie in Spanien, sondern auch, weil der mangelhafte Handyempfang nahe der algerischen Küste den Migranten das Navigieren erschwere. Kein Wunder also, dass die sterblichen Überreste der Opfer – wenn überhaupt – meist nicht in spanischem Hoheitsgebiet aufgefunden werden.

Einziger Hoffnungsschimmer für Angehörige, die vergeblich auf Vermisste warten, ist, dass sie gänzlich von der Route abgekommen und in andere Länder getrieben worden sein könnten. „Das kommt auf der Balearen-Route manchmal vor", berichtet Clemente. Auch bei einem der im November verschollenen Boote hat er diesen Verdacht. „Wir haben Hinweise darauf, dass die Insassen in tunesischen Gewässern festgenommen worden sind. Dort droht ihnen eine lange Gefängnisstrafe wegen unerlaubten Eindringens." Auch hier versucht die Hilfsorganisation zu unterstützen und stellt juristischen Beistand.

Clemente glaubt, dass viele Algerier sich gar nicht bewusst machten, wie gefährlich die Überfahrt ist. „Bei Youtube gibt es zahlreiche Erfolgsvideos von jenen, die es geschafft haben. Sie suggerieren, dass alles ganz harmlos ist", so der Aktivist. Maria Ángeles Colsa hält dagegen. „Die meisten wissen, welchen Risiken sie sich aussetzen", betont sie. „Ich werde lieber von den Fischen gefressen, als im eigenen Land zu sterben", habe einmal ein Migrant zu ihr gesagt. „Ihre Verzweiflung ist sehr groß, viele kann man durch nichts davon abhalten, es zu versuchen", so Colsa. Das Schlimmste, was Spanien tun könne, sei es, die Menschen zu kriminalisieren, die aus der Not heraus ihre Heimat verlassen – unabhängig davon, ob es „nur" um den Wunsch nach einer besseren wirtschaftlichen Zukunft gehe. „Sie sehen die Auswanderung als einzige Möglichkeit, ihr Leben zu ändern. Solange die Gesetze sich nicht ändern, werden weiter Menschen im Mittelmeer sterben."

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