22. Februar 2019
22.02.2019

Weltmeister Rolando Uríos trainiert Viertligisten auf Mallorca

Die MZ traf den Kubaner mit spanischem Pass zum Interview

22.02.2019 | 01:00
Noch heute ein "Kraftpaket": Rolando Urios in der Sporthalle von Marratxí.

Stellen wir uns vor, Diego Maradona würde Trainer vom Dorfverein in Petra werden. Klingt unwahrscheinlich, nicht wahr? Im Handball aber ist derartiges gerade auf Mallorca geschehen. Rolando Uríos hat das Traineramt bei Handbol Marratxí übernommen. Der Verein spielt in der vierten und somit letzten Liga Spaniens. Der gebürtige Kubaner gewann 2005 mit Spanien die Weltmeisterschaft. Die spanische Trainerlegende Valero Rivera adelte den Kreisläufer einst als den besten Handballer aller Zeiten. Auf der Insel will der 48-Jährige an einem Projekt mitwirken (siehe unten), das Mallorca einen Erstligaclub im Handball bescheren soll.

Was hat Sie auf die Insel verschlagen?
Ich kannte die Verantwortlichen hier bereits. Wir haben in den vergangenen Wochen Verhandlungen geführt, und seit Freitag (1.2.) bin ich hier. Es ist für mich eine gute Chance, bei einem zukunftsträchtigen Projekt dabei zu sein. Natürlich spielt auch eine Rolle, dass meine 22-jährige Tochter hier studiert und ich so näher bei ihr sein kann.

Ihnen eilt ein großer Ruf voraus. Sie hatten bestimmt auch andere Angebote. Ist es nicht ein Rückschritt, dass Sie jetzt in der letzten Liga gelandet sind?
Ich war bislang Trainer der Nationalmannschaft der Dominikanischen Republik. Aus finanziellen Gründen ging es dort aber nicht mehr weiter. Ich habe auch versucht, als Trainer in Deutschland Fuß zu fassen. Da ich aber kein Deutsch und nur wenig Englisch spreche, hat das nicht geklappt. Außerdem habe ich meinen Trainerschein erst seit vergangenem Jahr. Nein, es ist kein Rückschritt. Als Spieler kennt mich die ganze Welt, aber als Trainer bin ich noch relativ unbekannt. Ich werde hier auf Mallorca meine ganze Erfahrung einbringen, um auch persönlich aufzusteigen. Wenn es mit dem Team von Handbol Marratxí klappt, umso besser.

Lässt sich ein Amateurteam überhaupt professionell trainieren?
Natürlich! Ich werde den Spielern meine Ideen vermitteln. Wenn wir das hier nur aus Spaß machen würden, könnten wir es auch sein lassen. Daher habe ich als erste Amtshandlung den Trainingsumfang von zwei auf vier Einheiten pro Woche erhöht.

Sie dürften von Ihrer aktiven Karriere andere Bedingungen in der Halle gewohnt sein...
Das ist ein großes Problem. Wir spielen in einer Schulsporthalle, die wir uns mit einem Volleyballteam teilen müssen. Statt einer Tribüne haben wir drei, vier Bänke an der Seitenlinie. Das hat mich beim ersten Anblick ganz schön geschockt. Wir müssen damit leben, aber ich hoffe, dass wir bald in einer anderen Halle spielen können.

Ist es realistisch, dass Marratxí bald einen Erstligaclub hat?
Wenn wir daran arbeiten und von den Medien und Sponsoren die entsprechende Unterstützung erhalten, dann auf jeden Fall. Nächste Saison wollen wir schon in der dritten Liga spielen, und dann immer weiter nach oben klettern. In drei, vier Jahren könnten wir erstklassig sein.

Vor zwei Wochen endete die Weltmeisterschaft. Wie bewerten Sie das Abschneiden von Deutschland und Spanien?
Spanien ist mit dem siebten Platz unter den Erwartungen geblieben. Das Team hatte aber auch etwas Pech mit Verletzungen. Die Spanier haben eine junge Mannschaft, der die Zukunft gehört. Deutschland hat es bis ins Halbfinale geschafft, ist dort aber an einem sensationell aufspielenden Norwegen gescheitert. Ich fand das schade, die Deutschen waren mein Titelfavorit.

Liegt die schwache Leistung der Spanier auch darin begründet, dass es kaum noch große spanische Clubs gibt? Außer dem FC Barcelona ist kein Team international konkurrenzfähig...
Der spanische Handball ist von einer Wirtschaftskrise gebeutelt. Der FC Barcelona kann nur dank der Unterstützung seiner Fußballmannschaft das Niveau halten. Alle anderen Teams haben große Schwierigkeiten. Hoffentlich ändert sich das auch mal wieder, und die guten Spieler wandern nicht mehr ab.

Signalisieren Projekte wie das in Marratxí bereits eine Trendwende?
Die Krise ist noch nicht vorbei. Wir haben einen kleinen Etat, wollen aber dennoch gute Arbeit verrichten. Das geht aber nur Schritt für Schritt.

Sehen Sie die deutsche Bundesliga als die stärkste Handballliga der Welt?
Ja, ich war in den vergangenen drei Monaten in Deutschland und habe hauptsächlich die Spiele der Berliner Füchse gesehen. Dort lebt man den Handball. Die Hallen sind immer voll, und der Sport ist in jeder Hinsicht professionell aufgezogen.

Die „Berliner Zeitung" hat geschrieben, dass Ihr Sohn der künftige Lionel Messi im Handball werden könnte. Wie sehen Sie das?
Er ist groß und stark. Als Kreisläufer setzt er meinen Weg fort. Über einen meiner Freunde in Berlin ist er zu den Füchsen gekommen. Derzeit ist er an Potsdam in die dritte Liga verliehen. Hoffentlich wird er eines Tages der
Messi des Handballs. Das Potenzial dafür hat er auf alle Fälle.

Wer ist besser: der Vater oder der Sohn?
Der Sohn auf jeden Fall. Denn der Vater ist so kaputt, dass er nicht mehr spielen kann.

Dabei gelten Sie als einer der besten Handballer aller Zeiten. Was sagen Sie dazu? Sehen Sie sich auch so?
Das ehrt mich natürlich, wenn die Leute so etwas über mich sagen. Wenn das Experten so sehen, dann wird das schon seine Gründe haben. Ich bin aber ein bescheidener Mensch und würde so etwas nicht von mir behaupten.

Schwedische und deutsche Top-Spieler zur Verstärkung

Die Idee eines mallorquinischen Handball-Erstligisten ist nicht neu. Bereits Anfang 2015 hatte der deutsche Ex-Profi Stefan Kretzschmar Interesse an einem Engagement auf der Insel bekundet und im balearischen Verbandspräsidenten Raúl Fullana einen großen Fürsprecher gefunden. Aus dem Projekt wurde nichts, vielleicht auch, weil der DHfK Leipzig, bei dem Kretzschmar im Aufsichtsrat sitzt, wenige Monate später den Aufstieg in die erste Liga schaffte.

Mit Handbol Marratxí hatte der Leipziger nichts am Hut.Der Club wird von Jesús Alguacil geleitet. „Handball ist der einzige Sport auf der Insel, der fehlt", sagt der Präsident. Das soll sich ändern. „Wir wollen, dass uns bald die ganze Welt kennt." Seit drei Jahren gibt es die Männermannschaft, die in der viertklassigen Segunda División Nacional vor sich hin dümpelt.

„Bei der Finanzlage der Erstligaclubs könnten wir uns für 500.000 Euro schon jetzt in die Liga einkaufen", sagt Uríos. Dafür müsste sich allerdings ein Sponsor finden. Und es wäre ein riskanter Weg. „Wir setzen lieber auf viele kleine Sponsoren statt auf einen Hauptsponsor. Denn dieser kann dich von einem Tag auf den anderen verlassen und der Verein verschwindet", sagtJesús Alguacil. Zuspruch erhofft sich der mallorquinische Club von den vielen Deutschen und Schweden auf der Insel. Mit Robert Arrhenius spielt ein ehemaliger schwedischer Nationalspieler im Team. In der kommenden Saison sollen auch deutsche Spieler hinzukommen.

Ein Manko ist die Halle. Der Club trägt im Polideportivo Blanquerna seine Heimspiele aus. „Unsere Nachwuchsmannschaften müssen auf einem Betonfeld im Freien trainieren", klagt der Präsident. Eine neue Bleibe für die kommende Saison wird schon gesucht. Bei einem Aufstieg in die dritte Liga wäre die Halle in Marratxí ohnehin nicht mehr zugelassen. Das Debüt von Rolando Uríos als Trainer ist zeitgleich der Auftakt der Play-offs. Am 24. Februar beginnt der Kampf um den Aufstieg mit einer Auswärtspartie. Der Aufsteiger wird in einer Liga mit vier Mannschaften ausgespielt.

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