24. November 2019
24.11.2019

Eine Profi-Cheerleaderin für Palmas Basketballer

Agustina Sol Brischetto tanzte für den NFL-Club Miami Dolphins. Auf Mallorca wirbt sie nun für den Zweitligisten "B the travel brand"

24.11.2019 | 01:00
Agustina Sol Brischetto arbeitet auf Mallorca als Pressesprecherin.

Palmas Basketballer haben einen prominenten Neuzugang vom American Football-Team Miami Dolphins. Es ist kein Sportler, der die Sportart gewechselt hat. Die Argentinierin Agustina Sol Brischetto hat drei Jahre lang für das NFL-Team als Cheerleaderin Stimmung gemacht. Nun ist sie Pressesprecherin beim mallorquinischen Zweitligisten "B the travel brand". Im Gegensatz zu Deutschland, wo der Proficlub Alba Berlin mit der Abschaffung des Cheerleader-Teams eine Grundsatzdebatte über Sexismus losgetreten hat, träumt die 31-Jährige davon, für die Mallorquiner eine Tanztruppe zusammenzustellen.

Star in Argentinien

Mit drei Jahren hat die Argentinierin aus La Plata mit dem Tanzen angefangen. „Hauptsächlich spanische Tänze", sagt sie. Nach der Schule begann sie gleich zwei Studiengänge in Buenos Aires. Einerseits Tanzen und andererseits Unternehmensführung. Schnell hatte Brischetto sich in ihrer Heimat einen Namen als professionelle Tänzerin gemacht. „In Argentinien kommt man mit nur einem Job nicht aus. Ich hatte eine eigene Tanzschule, wurde als Model für Werbeaufnahmen gebucht, tanzte für das Theater und ging mit den argentinischen Bands Turf und Ciro y los Persas auf Tournee."

Den Rüpelfans einheizen

2014 startete Brischetto ihre Karriere als Cheerleaderin beim argentinischen Fußballclub Boca Juniors. Das Team aus Buenos Aires ist unter anderem durch die Rivalität zum Stadtkonkurrenten River Plate weltbekannt. Diese geht weit über einen gesunden Derbycharakter hinaus. So musste das Rückspiel der Copa de Libertadores - in etwa die südamerikanische Champions League - im vergangenen Jahr nach Madrid verlegt werden, nachdem ­River-Fans den Team-Bus von Boca ­Juniors angegriffen hatten. „Es ist gefährlich, in Argentinien Fußballfan zu sein", sagt Brischetto. „Das ist in den USA ganz anders. Dort ist American Football mehr eine familiäre Angelegenheit. Es wäre schön, wenn das in Argentinien ähnlich wäre." Sie selbst kam als Cheerleaderin immer um den Ärger herum. „Als ich für Boca Juniors gearbeitet habe, waren gegnerische Fans zu den ­Spielen schon nicht mehr zugelassen - aus Sicherheitsgründen. Da ich mich auch nicht als Fan sehe, gab es außerhalb der ­Spiele auch keine Probleme."

American dream

Es ist klischeehaft, aber eben häufig auch wahr. In den USA wollen Jungs eines Tages die großen Sportstars werden und Mädchen Cheerleader. „Die Ausbildung der Tänzerinnen geht schon mit jungen Jahren in der Schule los. Die Mädchen werden zum Teil dazu getrimmt, Cheerleader zu sein." Die Argentinierin hatte den amerikanischen Traum nie gelebt. „Ich kannte die amerikanischen Cheerleader nur aus Filmen. Das war für mich wenig greifbar." Im März 2016 meldete sich Brischetto gemeinsam mit einer Freundin für ein Casting an. „Miami ist ein interkultureller Bundesstaat. Die Dolphins wollten daher, dass auch ihr Cheerleader-Team aus mehreren Nationen besteht und haben Castings in Lateinamerika veranstaltet."

Brischetto setzte sich gemeinsam mit ihrer Freundin gegen 100 Mitbewerberinnen durch und kam in die nächste Runde nach Miami. Eine Woche lang haben die verbliebenen Kandidatinnen dort eine Choreografie einstudiert. Zudem mussten sie sich eine einminütige Solo-Choreografie aus­denken. Brischetto überzeugte die Jury und wurde die erste ­argentinische Cheerleaderin in der NFL.

Mit ihr kamen elf weitere Latinas - ihre Freundin schaffte es nicht - ins Team. „Wir waren alle in einem Wohnheim untergebracht. Das erleichterte vieles, da wir untereinander Spanisch sprechen konnten." Die US-Presse stürzte sich auf die neuen Cheerleaderinnen. „Bei jedem Auftritt waren wir von Reportern umzingelt. Wir hatten sogar unsere eigene Realityshow, die uns abseits vom Platz begleitet hat." Die amerikanischen Kolleginnen wurden ob des großen Interesses etwas neidisch. „Sie fragten, ­warum das Team Latinas nimmt, wo sie sich doch das ganze Leben darauf vorbereitet hatten. Viele dachten auch, dass wir es nicht ernst nehmen." Auch finanziell gab es Unterschiede. Die Latinas ­waren Vollzeit-Cheerleaderinnen, für die US-Amerikanerinnen war es ein Nebenjob.

Wie geht das überhaupt?

American Football ist eine sehr komplexe Sportart, die außerhalb der USA nur wenig verbreitet ist. Für Außenstehende sind die Regeln oft unergründlich. „Ich hatte am Anfang keine Ahnung von dem Spiel", sagt Brischetto. „Das war schlecht, immerhin müssen wir als Cheerleader wissen, wann wir jubeln müssen." Daher gab es vom Trainerstab Nachhilfe in Sachen Spielregeln. „Wir mussten auch allgemeine Dinge über das Team lernen. Schließlich waren wir Botschafter des Clubs."

Cheerleading ist in den USA eine Sportart. „Wir haben drei- bis viermal die Woche fünf Stunden lang trainiert." Zu den Spielen hat die Tanzcrew ihre Choreografie gezeigt und vom Seitenrand die Zuschauer zum Partymachen animiert. Außerhalb des Stadions mussten die Cheerleaderinnen PR-Termine wahrnehmen, wie beispielsweise Militärbasen besuchen. „Zu diesen Terminen reisten immer nur ausgewählte Tänzerinnen. Ich hatte das Glück, dass ich oft mitdurfte."

Das waren auch die einzigen Gelegenheiten für die Cheerleader, die Spieler kennenzulernen, die ebenfalls zu den PR-Terminen erschienen. „Sonst hatten wir keinen Kontakt zu ihnen." Bekannte Namen hat sie nicht verpasst. Denn sportlich gesehen stecken die Dolphins seit Jahren in einem Tief. „Der Verein ist einer der professionellsten der USA. Das Stadion ist fantastisch, dort wird im kommenden Februar auch der Superbowl (das Finale der Meisterschaft, Anm.?d.?Red.) ausgetragen. Aber das Team ist derzeit einfach nur schlecht. Es ist recht offensichtlich, dass die Mannschaft absichtlich verliert." Tanking nennt sich das. Da die Nachwuchssportler in den USA alle an den Universitäten ausgebildet werden, gibt es ein jährliches Vergabesystem für die Talente, den Draft. Um die Chancengleichheit zu gewähren, darf das schlechteste Team aus dem Vorjahr zuerst wählen und bekommt somit den vermeintlich besten Spieler. Miami nutzt das aus und will offenbar in dieser Spielzeit absichtlich Letzter werden.

Im Auge des Betrachters

Nach jeder Saison müssen die Cheerleader erneut das Casting überstehen. Nach drei Jahren hörte die 1,80 Meter große Argentinierin freiwillig auf. „Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Cheerleader nur drei bis höchstens vier ­Saisons bei einem Club bleiben." Ihr Freund Pablo Bertone erhielt im Sommer ein Angebot des Basketball-Zweit­ligisten B the travel brand Palma, wo er ­bereits in der Saison 2014/15 gespielt hatte. ­Brischetto zögerte nicht, ihm nach Mallorca zu folgen. Sie selbst fand einen Job als Pressesprecherin beim Team.

Ihre Leidenschaft, das Tanzen, will sie nicht aufgeben. „Ich kann mir gut vorstellen, als Tanzlehrerin zu arbeiten." Zudem hat sie beim Verein eine Anfrage eingereicht, ein Cheerleader-Team zu gründen. Dass sie damit konträr zu der aktuellen gesellschaftlichen Debatte über die leicht bekleideten Tänzerinnen vorgeht, stört sie nicht. „Das liegt im Auge des Betrachters. Der Zuschauer hat die Wahl, ob er eine Cheerleaderin oberflächlich als Sex­objekt sieht oder als die professionelle Tänzerin, die hinter der Fassade steckt. Es gibt auch Mädchen, die ihre Eltern zum Basketball­spiel in die Halle begleiten, weil sie sich auf die Tänzerinnen freuen."

Die Basketballer sind inzwischen in der zweiten Liga auf einem guten Weg. Nachdem das Team von Trainer Félix Alonso mit zwei Niederlagen gestartet war, gab es danach ­sieben Siege in Folge. „Besser schlecht ­anfangen als schlecht aufhören", bewertet die Argentinierin die Situation.

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