Vorsicht, Qualle!

Mehr als eine lästige Plage: Der Hautkontakt mit Nesseltieren kann nicht nur schmerzhaft sein, sondern richtig gefährlich

25.08.2016 | 10:05
Quallen von A bis Z: So erkennen sie die Nesseltiere

In den Sommermonaten gibt es Jahr für Jahr mehr Quallen. Als Ursachen gelten unter anderem höhere Meerestemperaturen durch Klima­wandel und die Dezimierung der natürlichen Fressfeinde durch Überfischung.

Quallen sind Nesseltiere, die ihr Gift zum Beutefang oder zur Selbstverteidigung verwenden. An ihren fadenförmigen Tentakeln sitzen hochexplosive Kapselzellen mit Nesselgift. Bei Berührung schießen diese mit enormer Wucht wie winzige Harpunen in die Haut des Opfers und injizieren durch die Mikro-Stichwunde das Gift. Je nach Art enthalten Quallen unterschiedliche Giftgemische, in kleineren oder größeren Mengen. Manche Quallen sind für den Menschen harmlos, andere bedrohlich bis extrem gefährlich.

Welche Quallen gibt es auf Mallorca?
Auf Mallorca kommen viele Arten vor. Die wichtigsten:
- Ohrenqualle: hat kein Nesselgift, ungefährlich
- Wurzelmundqualle, Spiegeleiqualle: schwache Nesselgifte, eher harmlos
- Kompassqualle (braune Streifen auf dem Schirm): mittelstarke Nesselgifte
- Feuerqualle (gelbe Haarqualle): sehr häufig, Nesselfäden oft bis zu 20 Meter, starkes Gift
- Leuchtqualle (Pelagia Noctiluca): tritt im Hochsommer oft in großen Schwärmen auf, hat stark wirkende, gefährliche Gifte.
- Portugiesische Galeere: gehört zu den giftigsten Lebewesen, kann Lähmungserscheinungen, Atemversagen oder Herzstillstand hervorrufen.
Einzelne Exemplare kommen auf den Balearen vor.
- Seeanemonen und Korallen haben ebenfalls giftige Nesseln – wichtig für Schnorchler und Taucher.

Das sind die Symptome
Die Symptome bei Quallenkontakt ähneln Verbrennungen oder Verätzungen. Örtlich begrenzte Hautreaktionen mit brennenden Schmerzen und Juckreiz sind typisch. Oft treten heftige Rötungen, Schwellungen oder Quaddeln- und Blasenbildungen auf. Allgemeines Unwohlsein, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen sind Alarmzeichen, weil sie auf allergische Reaktionen hindeuten können. Ein allergischer (anaphylaktischer) Schock kann Kreislaufversagen und schwere Herzrhythmus­störungen verursachen und zum Tod führen.

Das Zellgift kann das Gewebe zersetzen. Die betroffenen Areale färben sich dunkel und heilen nur sehr langsam, die Wunden können sich entzünden. Nicht selten kommt es zu tiefergehenden Hautläsionen, die unbehandelt Narben hinterlassen.

Erste Hilfe – step-by-step
1. Nach einem Quallenkontakt sofort das Wasser verlassen, aber möglichst ruhig. Wer vor Schreck hektisch um sich schlägt, berührt noch mehr Tentakel und bekommt noch mehr Gift injiziert.
2. Beim Ausziehen der Bade­bekleidung ganz vorsichtig sein: Die Nesselfäden bleiben leicht in der Kleidung hängen.
3. Tentakel zügig entfernen: Meist sitzen noch zahlreiche ungeplatzte Nesselkapseln auf der Haut, die abgenommen werden müssen, ohne sie zu zerstören. Mit Meerwasser abspülen und mit einer Pinzette vorsichtig entfernen. Auf keinen Fall rubbeln! Hilfreich kann nach Erfahrungsberichten die Sandmethode sein: betroffene Stellen mit Sand bestreuen, trocknen lassen und die Masse mit einem stumpfen Gegenstand (zum Beispiel einer Kreditkarte) behutsam ablösen.
4. Achtung: Die Fäden nicht mit Süßwasser, Alkohol oder alkoholhaltigen Präparaten abwaschen. Dies würde dazu führen, dass die restlichen Nesseln aufplatzen und ihr Gift absondern. Finger weg von fragwürdigen Hausmitteln wie Essig, Papayasaft, Rasierschaum, Backpulver, Zucker, Salz und Ähnliches: Das kann nicht nur die Nesseln reizen, sondern auch zu Infek­tionen führen!
5. Sind alle Tentakel entfernt, helfen Kühlen (Coldpacks, Eiswürfel) sowie juck- und brennreizstillende Cremes oder Gele.

Wann muss man zum Arzt?
Bei allergischen Reaktionen des ganzen Organismus (Schwindel, Atemnot, Benommenheit, Übelkeit, Herzrasen) sofort den Notarzt/Krankenwagen rufen. Die Strandaufsicht hilft!

Kinder, ältere oder geschwächte Menschen sollten nach Quallenkontakt immer zum Dermatologen. Andere möglichst auch, um Infektionen und Narbenbildungen vorzubeugen, aber in jedem Fall dann, wenn die Stiche über die Hälfte eines Armes oder Beines, einen großen Teil des ­Oberkörpers, die Genitalien oder das Gesicht bedecken sowie bei Augenkontakt. Auch wenn die Schmerzen nicht schnell abklingen oder sich die Areale entzünden, den Arzt konsultieren, ebenso bei Spätreaktionen: Bei manchen Menschen können sich noch Monate später spontan Bläschen bilden.

Individuell kann dann die Behandlung erfolgen: Zu den lokalen Mitteln (Antihistamin-, Kortikoid- oder Brandsalben) können antiallergische Medikamente in Tablettenform oder Schmerzmittel verordnet werden. Die Areale müssen eventuell gereinigt, desinfiziert und verbunden werden. Sekundärinfektionen werden mit lokalen und oralen Antibiotika behandelt.

Dr. Joachim von Rohr ist Dermatologe, Phlebologe und Allergologe an der Clínica Picasso in Palma. Tel.: 971-22 06 66. www.clinica-picasso.eu

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