29. April 2018
29.04.2018

Naturpark Mondragó: das fragile Idyll

Das Naturschutzgebiet in der Nähe von Santanyí gehört zu den schönsten Ecken von Mallorca. MZ war vor Ort, kurz bevor wieder die Besuchermassen Einzug erhalten

29.04.2018 | 01:00
Das Naturschutzgebiet im Südosten

Gelbe Blüteninseln (der Geißkleeartige Hornklee), türkisblaues Meer und ein weißer, fast menschenleerer Strand – jetzt ist die schönste Zeit, der Cala Mondragó einen Besuch abzustatten. Schon bald wird es mit der friedlichen Idylle zwischen Cala Figuera und Portopetro wieder vorbei sein. Wenn sich zwischen Mitte Mai und Oktober Tausende Badegäste an den zwei Stränden des Naturparks drängen, aus den Lautsprechern der Chiringuitos laute Musik dringt und die Zufahrtsstraßen mit parkenden Autos verstopft sind.

Doch es hätte schlimmer kommen können. In den 80er-Jahren planten Investoren – darunter auch der deutsche Unternehmer Josef Schörghuber (Paulaner) – die Bebauung der Cala Mondragó, neben Hotels war sogar eine Stierkampfarena im Gespräch. 8.000 Menschen gingen damals in Santanyí auf die Straße – und konnten die Bebauung verhindern.


Zu 90 Prozent Privatbesitz

Die damals von der Volkspartei geführte Balearen-Regierung kaufte Cala Mondragó für rund zwei Milliarden Peseten, gut zwölf Millionen Euro. 1992 wurde eine 766 Hektar große Fläche offiziell zum Naturpark ernannt, der Balearen-Regierung gehört davon ein 95 Hektar großer Bereich entlang der Bucht, in dem es ausgewiesene Spazierwege, Park- und Picknickplätze sowie ein Informationszentrum gibt. Der größte Teil von Mondragó, rund 90 Prozent, befindet sich noch in Privatbesitz. Die Fincas, Wohnhäuser und ein Hotel haben Bestandsschutz, neu bauen darf man im Naturpark seit 1992 offiziell nicht mehr.

Wo der Park beginnt und wo er endet, ist für den Besucher nicht leicht zu erkennen. Viele Wege und Wegweiser führen von Santanyí aus kommend nach Mondragó. Entlang von Trockensteinmauern geht es durch eine weitgehend unberührte Landschaft, vorbei an Olivenbaumfeldern, Blumen­wiesen und Kiefernwäldchen. Man fragt sich, ob man das Auto mal zwischendurch am Rand der Fahrbahn parken darf (darf man nicht) und ob die unbefestigten Wege, die von der Straße abgehen, irgendwohin führen (ja, zu den Privatgrundstücken der Finca-Besitzer). Wer Zeit hat, holt sich in der Touristeninformation von Santanyí (Carrer de Can Llaneras, 8) einen Geländeplan. Der gibt Aufschluss über die Grenzen des Parks und die Zufahrtswege zu den zwei Parkplätzen. Nur hier ist das Abstellen von Fahrzeugen erlaubt.


Anspruch und Realität

Auf der Rückseite des Plans stoßen wir auf folgenden Satz: „Aufgrund seiner besonderen Fragilität müssen menschliche Einflüsse im Naturpark Mondragó vermieden werden. Der Lebensraum und die Spezies müssen bestmöglich geschützt werden." Ein Besuch bei Tomàs Bosch, dem leitenden Koordinator des Naturparks, soll Aufschluss geben, wie das mit der Realität zu vereinbaren ist. Sein Büro befindet sich in der Touristeninformation von Santanyí. „Laut Haushaltsplan stellt die Balearen-Regierung 2018 rund 115.000 Euro für den Park bereit", erzählt Tomàs Bosch. Das ist nicht viel, aber ­immerhin mehr als in dem Krisenjahren, als das Budget gen null tendierte. Investiert wird beispielsweise in den Dünenschutz, in die Verbesserung der Picknickzonen, in die Restaurierung der Steinbaracken, die im 18. und 19. Jahrhundert als Wohnraum der roters dienten, wie die ärmste Bauernklasse der Insel hieß, sowie in das Personal.


Zerstörerische Trampelpfade

Im Sommer sollen mehrsprachige Mitarbeiter durch den Park patrouillieren, um den Besuchern zu erklären, warum sie die Wege nicht verlassen dürfen. „Jeder neue Trampelpfad durch die Dünen zerstört das Ökosystem", erklärt Tomàs Bosch. Weil Gewächse wie die Strandflieder und die Binsen-Quecke mit ihren Wurzeln die Sandkörner fixieren und so die Dünen stabilisieren. Werden sie zertrampelt, können sie den Sand nicht mehr halten, die Landschaft wird karger und immer felsiger.

Doch das ist nicht die einzige Schwierigkeit, die es zu meistern gilt. Der Lärm der Strandbesucher vertreibt im Sommer die Wasservögel in den Feuchtgebieten und den Teichen der zwei Sturzbäche. Fliegen Stelzenläufer, Seidenreiher und Flußuferläufer aber erst einmal davon, suchen sie sich vielleicht einen anderen Ort zum Nisten und kommen nicht mehr zurück.

Wie der Massentourismus nicht nur Flora und Fauna, sondern auch den Lebensraum der Bewohner in Mondragó verändert hat, davon wissen auch María José Torres und Miguel Ángel Grimalt zu erzählen. Das Paar betreibt seit 13 Jahren einen Agroturismo mit zwölf Zimmern. „Na Martina" befindet sich an dem östlich gelegenen Parkplatz Ses Fonts de n'Alis oberhalb der Bucht Caló d'en Garrot. Der heute 10.000 Hektar große Familienbesitz liegt außerhalb der Grenzen des geschützten Naturparks, früher reichte er mal bis zum Meer. Der Bruder von Miguel Ángels Großvater verkaufte in den 30er-Jahren den für die Landwirtschaft nutzlosen, weil felsigen Streifen entlang des Wassers. „Zu Zeiten meiner Groß­eltern wollte niemand in diese abgelegene Gegend kommen", erzählt Miguel Ángel. Eine Finca am Meer galt als unrentabel und wegen der Schmuggler als gefährlich.

Landschaftlich hat sich in den letzten 70 Jahren vergleichsweise wenig verändert. Noch immer besteht ein Großteil der Fläche von Mondragó aus kleinen abgegrenzten Parzellen, auch wenn immer weniger Landwirte auf den steinigen Böden Getreide und Grünfutter für die Tiere anbauen oder die Mandel-, Johannisbrot- und Feigenbäume pflegen. Miguel Ángels Großeltern handelten wie andere in der Umgebung auch mit Wasser, sie stellten Wasserbecken und die Bewässerung für umliegende Felder zur Verfügung. „Die Versalzung des Grundwassers war vor dem Tourismus noch kein Thema", erklärt Miguel Ángel, weil es auf der ganzen Insel weniger Brunnen gab und weniger Wasser verbraucht wurde. Seine Vorfahren hielten wie er Kühe und Hühner und lebten vom Verkauf der Milch und der Eier. Miguel Ángel und María José haben zwei Kühe und ein Kalb, 70 Schafe, ein paar Schweine, zwölf Ziegen und ein Pferd. Aus dem Schweinefleisch stellen sie Sobrassada her, aus der Ziegenmilch Joghurt und Käse, aus der Kuhmilch Frisch- und Hartkäse. Es gibt einen Gemüsegarten, die Hühner legen jeden Tag frische Eier, der Hof liefert genug, um die Familie und die Hotelgäste zu versorgen. „Leben können wir von der Landwirtschaft nicht", sagt María José, obwohl das ihr größter Traum ist. Als das Paar den Hof übernahm und restaurierte, gab es eine finanzielle Unterstützung für die touristische Nutzung, nicht für die landwirtschaftliche. Seither kombinieren sie beides, die Einnahmen aus dem Tourismus ermöglichen ihnen im kleinen Stil auch Landwirtschaft zu betreiben.


Etwas für Pädagogen

Bevor sie das Hotel eröffneten, arbeitete das Paar als Lehrer. Ihre pädagogischen Fähigkeiten sind noch immer gefragt, beispielsweise wenn sich Hotelgäste beklagen, dass der Strand von Algen verdreckt ist. Dann erklärt María José, dass es sich nicht um Algen, sondern um Neptungras handelt, das man am besten an Ort und Stelle liegen lassen ­sollte. „Das Gras hilft den Strand und die Küstenlinie zu erhalten, weil es die Sandbildung begünstigt und darin Fische laichen. Die abgeworfenen und angeschwemmten Blätter werden erst kurz vor der Saison weggeschafft, damit die Urlauber einen möglichst makellosen und hellen Strand vorfinden.

Doch nicht nur Gäste, auch viele Einheimische seien zu wenig über ihren Lebensraum und die Naturschätze der Insel informiert, findet María José. „Manche kommen speziell wegen der Gegend hierher, andere wissen gar nicht, wo sie sind." Die größte Herausforderung für den Naturpark sieht sie darin, die ökologischen, ökonomischen und sozialen Interessen im Gleichgewicht zu halten. Ein guter Schritt dahin seien die kostenlosen Park-Aktivitäten, etwa geführte Spaziergänge durch das Areal oder Workshops, in denen man gemeinsam Nistkästen für insektenfressende Vögel baut, um den Prozessionsspinner auf natürliche Weise zu bekämpfen.

Eine Paradelösung für den Schutz von Mondragó haben auch María José und Miguel Ángel nicht. Ihr persönlicher Weg heißt weitermachen. „Wenn wir nicht weitermachen, dann wird die Kulturlandschaft in ein paar Jahren verschwinden", so das Paar.

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