Wie es Mallorca mit den Separatisten in Katalonien hält

Auf der Insel sind die Befürworter der Unabhängigkeit in der Minderheit, aber der Unmut über den Zentralismus ist weitverbreitet – vor allem bei der Regionalpartei Més. Nicht nur sie fordert ein neues Föderalismus-Modell

30.09.2017 | 13:42
Die Mallorquiner und Menorquiner zeigten auch in Katalonien Flagge.

Hier und da ein mallorquinischer Akzent, hier und dort eine menorquinische Flagge: Die Unabhängigkeitsbefürworter in Katalonien hatten bei der Diada am vergangenen Montag (11.9.) auch Unterstützung von den Balearen. Zwar nicht die Parteispitze, doch ein knappes Dutzend Mitglieder der Regionalpartei Més per Mallorca zeigte in Barcelona Flagge für die Abhaltung eines Unabhängkeitsreferendums. Auch der Präsident des Balearen-Parlaments, Baltasar Picornell von der Protestpartei Podemos, war nach Barcelona geflogen, um, wenn auch nicht an der Demonstration, so doch an Feierakten teilzunehmen.

Die Eskalation in Katalonien wirft ihre Schatten auch auf die Balearen. Alle Parteien im Regionalparlament der Inseln positionieren sich irgendwo zwischen scharfer Kritik am Separatismus-Kurs und uneingeschränkter Solidarität mit den Separatisten. Vor allem aber die Regierungspartei Més per Mallorca zeigt Flagge: Der balearische Vizepräsident Biel Barceló (Més) fordert Spanien-Premier Rajoy auf, die Katalanen nach dem Vorbild Schottlands über ihre Zukunft entscheiden zu lassen.

Katalonien und die Balearen verbinden Geschichte, Kultur und Sprache – mitunter werden die katalanischsprachigen Regionen direkt als Països Catalans zusammengefasst. Während auf Mallorca aber nur eine Minderheit separatistischen Strömungen zuzuordnen ist – nur knapp 200 Demons­tranten zeigten Ende vergangener Woche auf der Plaça Major in Palma Flagge für ein unabhängiges Katalonien –, gilt es schon fast als Konsens, dass die Balearen im spanienweiten Verbund zu schlecht wegkommen und mehr finanzielle Eigenständigkeit benötigen.

Das untermauert auch eine jetzt veröffentlichte Bilanz: Im Jahr 2014 überwiesen die Inseln 1,5 Milliarden Euro mehr an Madrid, als sie von der Zentralregierung erhielten. Jeder Balearen-Bewohner „schenkte" Madrid also knapp 1.400 Euro. „Ungerecht" lautet da noch ein eher diplomatisch formuliertes Urteil auf Mallorca.

In Spanien gilt: je weiter links, desto föderalistischer oder separatistischer. Und auf Mallorca stehen auch die Vertreter ökologischer Parteien mit dem Zentralstaat auf Kriegsfuß. „Ich halte es für sehr schwierig, sich für die Umwelt einzusetzen und kein Befürworter von mehr Eigenständigkeit zu sein", meint David Abril, Sprecher und Stratege bei Més, einer gleichermaßen regionalistischen wie ökologischen Linkspartei, die aus der Grünen-Bewegung Iniciativa Verds und der regionalistischen PSM hervorgegangen ist. Und in der Tat stößt die derzeitige Landesregierung aus Sozialisten und Més mit vielen Initiativen an Zuständigkeitsgrenzen. Weder darf sie beim Airport mitreden, wenn es etwa um dessen Kapazitäten geht, noch beim Küstenschutz. Und in der Energiepolitik kann die Landesregierung mit Subventionsprogrammen nur wenig gegen die berüchtigte „Sonnensteuer" und die Lobby der Stromriesen ausrichten.

Auch wenn Mallorcas Regionalisten deutlich weniger auf die Pauke hauen als die katalanischen Separatisten, schauen sie mitunter zum großen Bruder in Barcelona hoch. Eine balearische Variante der Mossos d'Esquadra, der katalanischen Regionalpolizei, würde auch den Inseln gut stehen, findet man bei Més – gerade nach der erfolgreichen Terroristenjagd.

An diesem Beispiel zeigt sich, dass die mallorquinischen Sozialisten als Teil einer gesamtspanischen Partei gemäßigter sind – der große Koalitionspartner will von den Plänen einer neuen Polizei-Einheit nichts wissen. Zwischen dem Zentralismus der konservativen Volkspartei (PP) auf der einen Seite und den separatistischen Strömungen auf der anderen Seite steht die PSOE für einen dritten Weg, einen Ausbau des Föderalismus nach deutschem Vorbild, wofür vor allem eine Reform des Senats, der zweiten Kammer des spanischen Parlaments, nötig wäre. Das Problem: Während sich Katalonien, das Baskenland und Galicien als historische Nationen sehen, fühlen sich andere Regionen wie Murcia oder Kastilien-La Mancha recht wohl im derzeitigen System der Regionen.

Auf Mallorca könnte man wohl auch besser mit diesem System leben, wenn es denn so umgesetzt würde, wie in der Landesverfassung von 1983 angelegt, dem ­Estatut d'Autonomia. Darin wurde den Inseln Mitsprache bei Themen wie dem Flughafen eingeräumt, auch die Regionalpolizei sei darin vorgesehen, so Abril. „Aber heute gilt es ja schon als revolutionär, wenn man die Umsetzung dessen fordert, was damals festgeschrieben wurde."

Wenn die Zentralregierung nun wieder und wieder mit der spanischen Verfassung argumentiert, um das für den 1. Oktober angesetzte Referendum zu verhindern, hält Abril ihr entgegen, dass Madrid 2010 die damalige Landesverfassung Kataloniens aufgekündigt und den Zentralismus gestärkt habe. Der Més-Politiker will am 1. Oktober vor Ort seine Unterstützung für das Referendum zum Ausdruck bringen. Seine Partei ist mit „Beobachtern" an den Urnen vertreten.

Für die Oppositionsparteien PP und die Zentrumspartei der Ciudadanos auf den Balearen ist das ein Skandal – Més unterstütze Gesetzesbrecher. Und klar sei auch, dass die Inseln erst recht die Zeche in Spanien zu zahlen hätten, falls sich das wirtschaftsstarke Katalonien tatsächlich eines Tages für unabhängig erklärt.

Més per Mallorca belässt es nicht bei der Solidarität: Auf einer Tagung am 28. Oktober will die Partei über Föderalismus, Souveränität und Separatismus debattieren. An dem Datum liegt eine der größten Demonstrationen Mallorcas ziemlich genau 40 Jahre zurück: Am 29. Oktober 1977 – während des Übergangs vom zentralistischen Franco-Regime zur Demokratie der autonomen Regionen – gingen in Palma Tausende auf die Straße, um mehr Selbstbestimmung zu fordern. „Wir wollen eine Debatte über die Zukunft Mallorcas, und die Konfrontation mit der Zentralregierung ist dabei unausweichlich", so Abril.

Die Partei Més per Mallorca mag nicht radikal sein, aber sie hat weitreichende Ziele. Ein föderalistisches Modell sei akzeptabel, aber nicht als Zugeständnis des Zentralstaats, sondern nur als Folge des Selbstbestimmungsrechts der Regionen, so Abril. In Strategiepapieren ist gar vom Ziel eines republikanischen und souveränen Mallorca im Jahr 2030 die Rede.

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