Wenn Menschen auf Mallorca plötzlich verschwinden

Die meisten tauchen bald wieder auf, doch einige scheinen wie vom Erdboden verschluckt. Zurück bleiben die verzweifelten Angehörigen. Sie hoffen, kämpfen oder verzweifeln

02.12.2017 | 13:48
Malén Zoe Ortiz wird seit dem 2. Dezember 2013 auf Mallorca vermisst

Jeden Morgen ist es für Natalia Rodríguez ein innerlicher Kampf aufzustehen. „Ich habe so viele Fragen und niemand gibt mir Antworten darauf", sagt sie. Am Samstag (2.12.) ist es auf den Tag vier Jahre her, dass ihre Tochter Malén Zoe Ortiz plötzlich auf Mallorca verschwand – und nie wieder auftauchte. „Vier Jahre sind vergangen, und wir wissen genau so wenig wie am Anfang. Es gibt keine Spur, keine Hinweise, keine Anhaltspunkte darauf wo meine Tochter sein könnte", erzählt Rodríguez und ihre Stimme zittert leicht. Dann fängt sie sich wieder. Rodríguez hat seit dem Verschwinden ihrer Tochter viele Erfahrungen mit Journalisten gemacht, unzählige Interviews gegeben, vor etlichen Fernsehkameras gestanden. „Es macht mich noch immer nervös, aber man lernt, auch mit den Medien umzugehen, die nur auf Skandale aus sind", sagt sie trocken. Und immerhin brauche sie die Medien ja. Damit sie noch einmal das Foto der damals 15-Jährigen veröffentlichen. Damit sich vielleicht doch irgendjemand meldet, der Malén gesehen hat. Damit es vielleicht doch noch Antworten gibt, auf all die Fragen in Rodríguez' Kopf.

Malén war am 2. Dezember 2013 auf dem Weg von der Bushaltestelle vor dem Pirates-Theater in Magaluf zu ihrem Freund in Son Ferrer verschwunden. Eine Überwachungskamera filmte sie gegen 15.20 Uhr am Kreisverkehr, danach scheint sie wie vom Erdboden verschluckt. Ihre Eltern, die schon seit Jahren geschieden waren, suchten verzweifelt nach ihr. Ohne Erfolg.

Hintergrund: der Fall Malén

Maléns Fall ist aktuell wohl der bekannteste auf Mallorca, doch bei weitem nicht der einzige. Im Katalog der Vereinigung SOS Desaparecidos werden derzeit fünf weitere Menschen aufgelistet, die auf der Insel verschwanden. Da ist beispielsweise María Pascual Bibiloni, die 65-Jährige, die am 3. Dezember 2015 nahe der Playa de Palma verschwand, nachdem sie ihre Enkelin zur Schule gebracht hatte. Oder die siebenjährige Olivia Encinas, die vermutlich von ihrer Mutter gegen den Willen des Vaters nach Polen verschleppt wurde, und von der seit Dezember 2011 jegliches Lebenszeichen fehlt. Gleiches gilt für Ana Eva Guasch, die bereits seit Oktober 2001 verschollen ist. Die Polizei verdächtigt ihren Freund, sie umgebracht zu haben. Doch Beweise fehlen, genau wie der Leichnam.

Rund 20.000 Vermisstenanzeigen werden jährlich in Spanien aufgegeben. „Die meisten Fälle können gelöst werden", so der Vorsitzende von SOS Desaparecidos, Joaquin Amills auf MZ-Nachfrage. Im Jahr 2016 beispielsweise tauchten 65 Prozent der Vermissten wohlbehalten wieder auf, in 21 Prozent der Fälle wurden die Gesuchten tot gefunden. So, wie die Britin Jacqueline Tennant, die 2007 verschwand und deren sterbliche Überreste erst 2015 in der Nähe des Klosters Lluc entdeckt wurden. In 14 Prozent der Fälle aber liefen die Ermittlungen ins Leere. Rechnet man die Personen hinzu, die offensichtlich aus freien Stücken untertauchten, fehlt derzeit von rund 14.000 Menschen in Spanien jede Spur. „Stand Ende 2016", so Amills.

Neue Fälle werden erst Anfang kommenden Jahres in die Statistiken mit aufgenommen. Vermutlich auch der des Deutschen Kai Uwe Palma. Erst Ende vergangener Woche brachte die Kölner Polizei mit einem an die Bevölkerung gerichteten Hilfegesuch neuen Wind in den Fall. Man suche Zeugen, die etwas dazu beitragen können, den 28-jährigen Koch aus Köln zu finden, der am 17. August von seiner Arbeitsstelle – dem Imbiss Nyam Nyam in Cala Ratjada – verschwand und persönlichen Dinge zurückließ. Nachforschungen zweier Kölner Polizeibeamter, die sich nun, mehr als drei Monate nach Kais Verschwinden, auf der Insel mit Ermittlern der Guardia Civil austauschten, blieben ergebnislos. „Wir haben weder Hinweise auf einen Suizid noch auf eine Gewalttat, beides ist nicht auszuschließen", so ein Pressesprecher auf Nachfrage der MZ am Freitag (24.11.). „Er muss irgendwo sein", sagt seine Mutter Matina Palma verzweifelt. Auch sie sucht Antworten auf Fragen, die sich kein Elternteil stellen möchte. Allen voran: Was ist mit meinem Kind passiert?

„Die Gründe, warum Menschen einfach so verschwinden, sind sehr breit gefächert", so Joaquin Amills von SOS Desaparecidos. „Bei Minderjährigen handelt es sich fast immer um Ausreißer. In 98 Prozent der Fälle werden sie schnell wieder ausfindig gemacht oder kehren von alleine zurück." Erwachsene liefen häufig aufgrund von Krankheiten weg, oder, weil sie in kriminelle Machenschaften verstrickt sind. „Manche sind aber auch durch Unfälle verschollen, oder weil sie von Dritten manipuliert wurden", weiß Amills. Und dann gibt es natürlich die, die gewaltsam aus ihrem Umfeld gerissen werden.

Natalia Rodríguez hat sich in den vergangenen vier Jahren wohl jedes mögliche Szenario ausgemalt, das dazu geführt haben könnte, dass ihre Tochte nicht mehr bei ihr ist. „Aber das macht einen kaputt", sagt sie. Stattdessen konzentriert sie sich deshalb darauf, dass der Fall nicht in Vergessenheit gerät. „Immer wieder bin ich mit Kontakt in den Ermittlern", so Rodríguez. Die Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung von Calvià, mit der sie ebenfalls immer wieder spricht, nennt sie mittlerweile bereits ihre „Rathaus-Familie". An jedem Geburtstag von Malén veranstaltet Rodríguez Gedenkveranstaltungen an an jenem Kreisverkehr, an dem ihre Tochter zum letzten Mal gesehen wurde, ebenso am Jahrestag. Und immer wieder nehmen dutzende Menschen daran teil. „Jede Umarmung, jedes unterstützende Wort hilft mir und gibt mir Energie, weiter zu kämpfen", so Rodríguez. Aufgeben kommt für sie nicht in Frage. „Ohne die Hoffnung könnte ich nicht überleben, ich werde sie mit ins Grab nehmen." Hoffnung darauf, dass ihre Malén noch lebt. „Und dass sie glücklich ist. Wo auch immer sie sein mag."

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