200 Jahre Charles Darwin: Dragonera statt Galapagos

12-02-2009  
Charles Darwin, in einer Aufnahme vier Jahre vor seinem Tod 1882.
Charles Darwin, in einer Aufnahme vier Jahre vor seinem Tod 1882.  Foto: dpa

JUTTA CHRISTOPH UND CIRO KRAUTHAUSEN Fünf lange und sicherlich auch beschwerliche Jahre, von 1831 bis 1836, war Charles Darwin an Bord der "Beagle" als Naturforscher unterwegs, reiste um die Welt und machte sich so seine Gedanken über die Schöpfung und die Artenvielfalt. Sein Aha-Erlebnis hatte er auf den Galapagos-Inseln, im Pazifik vor dem heutigen Ecuador, wo es allerlei eigenartige Tiere gibt, die nirgendwoanders auf der Welt vorkommen. Besonders wunderte er sich über die vielen unterschiedlichen Singvögel, die aussahen wie Finken.

Rückblickend und überspitzt ausgedrückt: Eigentlich hätte er sich die ganze Gurkerei auch sparen können. Eine Reise auf die Balearen und eine aufmerksame Betrachtung der örtlichen Tierwelt hätte ähnliche Rückschlüsse erlaubt. Diese These vertritt zumindest eine Gruppe balearischer und spanischer Forscher, die anlässlich des Darwin-Jahres ein ambitioniertes Vortrags- und Veranstaltungsprogramm zusammengestellt haben.

Die Kronzeugen dieser Wissenschaftler hören auf die Namen Podarcis pityusensis und Podarcis lilfordi. Es sind Eidechsen. Von der auf Ibiza und Formentera ansässigen Podarsis pityusensis gibt es 33 Unterarten, in etwa so viele wie es dort Inseln und Inselchen gibt. Und auch von der auf Mallorca, Menorca und Cabrera lebenden Podarcis lilfordi sind 23 Unterarten bekannt. Eine davon, die Podarcis lilfordi ssp. giglioli bevölkert die Dragonera-Insel vor Sant Elm - und ist dort wahrlich nicht zu übersehen. "Fast jedes Inselchen hat seine eigene Eidechsenart, die sich in Farbe und Größe von den anderen unterscheidet", stellt ­Toni Muñoz fest, ­Biologe der Naturschutzorganisation GOB.

Die Eidechsen sind so etwas wie die Darwinfinken Mallorcas.

Während seines fünfwöchigen Aufenthaltes auf den Galapagos- Inseln hatten es Charles Darwin diese Sperlingsvögel besonders angetan. Es gab viele verschiedene davon, mit unterschiedlichen Schnäbeln und Futtergewohnheiten. Wenn alle Tiere dieser Welt von Gottes Hand geschaffen worden waren, wie bis dato weithin angenommen wurde, warum bitteschön hatte der Allmächtige sich die Mühe gemacht, auf diesem gottverlassenen Fleckchen Erde 14 ähnliche, aber eindeutig unterscheidbare Spezies hinzuzaubern?

Wesentlich wahrscheinlicher, so grübelte Darwin nun jahrelang vor sich hin, dürfte doch die Erklärung sein, dass eine Gruppe dieser Vögel es vor langer Zeit einmal bis auf die etwa 650 Meilen vom südamerikanischen Festland entfernten Inseln schaffte. Weitgehend ungestört von anderen Vogelarten konnten sie sich dort vermehren.

Nach und nach differenzierten sich aus diesen Urahnen dann die beobachteten eigenständigen Arten heraus und zwar - stark vereinfacht ausgedrückt - durch natürliche Auslese, also die Konkurrenz nicht nur der Individuen, sondern ganzer Populationen um Futterquellen und Fortpflanzungspartner. Wie diese Selektion genau über genetische Mutationen erfolgt, konnte Darwin noch nicht wissen. Der Grundgedanke für seine Evolutionstheorie und ein gänzlich anderes Naturverständnis aber war gefasst. Gott war aus dem Spiel. 1859, also vor 150 Jahren, sollte Darwin sein berühmtes Werk "Die Entstehung der Arten" vorlegen. Ohne die Beo­bachtung der später auch nach ihm so benannten Darwinfinken hätte er das wohl nicht gekonnt.

Und auch nicht ohne - hier kommen wieder die Balearen ins Spiel -, eine Inselgruppe erforscht zu haben. "Inseln als isolierte Lebensräume spielen in der Evolu­tionstheorie eine herausragende Rolle", unterstreicht Guillem Xavier Pons, ­Geograph der UIB in Palma. Insulaner sind anders Im Unterschied zu den Galapagos, Hawaii und den Kanaren, die nie mit einem Kontinent verbunden waren, seien die Balearen bis vor 5,35 Millionen Jahren zwar noch Teil des Festlandes gewesen. "Auch hier aber haben sich seither Tiere und Pflanzen aufgrund der Isolation und Abgeschiedenheit ihres Lebensraumes zu unabhängigen biologischen Arten entwickelt." Die Veränderungen im Meeresspiegel und die Herausbildung des Archipels, wie wir ihn heute kennen - ein Prozess, der vor 300.000 Jahren einsetzte -, habe dann weitere getrennte Lebensräume erschaffen: Ibiza, Menorca, Mallorca ?

Mit DNA-Analysen lässt sich diese geologische Entwicklung bio-logisch nachzeichnen. Es gibt auf den Balearen beispielsweise einen seltenen Käfer namens Cyrtonus majoricencis. Der krabbelt nur an ganz wenigen Orten der Tramuntana herum. Die nächsten Verwandten dieses Insektes leben auf dem Festland, in Alicante und Murcia, das hat eine Art genetischer Stammbaum ergeben. Die Spezies müssen sich vor 20 Millionen Jahren getrennt haben. Wirbeltierarten, die nur auf den Balearen vorkommen, also endemisch sind, gibt es laut dem Zoologen Valentín Pérez Mellado von der Universität Salamanca allerdings nur drei: die beiden schon erwähnten Eidechsen sowie die auch als ferreret bekannte Geburtshelferkröte Alytes muletensis. Alle anderen Arten sind im Laufe der Jahrtausende eingeschleppt worden. Nicht ganz so dramatisch ist das Missverhältnis zwischen Einheimischen und Zugewanderten in der Pflanzenwelt, wo es laut Pons 80 bis 90 Spezies gibt, die nur auf den Balearen vorkommen. Das ergibt 6 bis 7 Prozent der gesamten Arten.

Vor etwa 6.000 Jahren, als die Besiedlung der Balearen begann, sah das noch anders aus, so die Forscher. Da krochen auf der Insel unter anderen noch der Siebenschläfer Hypnomys morpheus herum sowie die Spitzmaus Nesiotites hidalgoi. Vor allem aber gab es noch, bis vor 4.000 Jahren, die außergewöhnliche Höhlenziege Myotragus balearicus - die einzige Ziege, die geradeaus statt zur Seite schaut. Ein Fund, an dem sicherlich auch Charles Darwin seine Freunde gehabt hätte.




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