„Wofür soll ich mich anstrengen?"

Immer mehr Jugendliche in Spanien wollen weder arbeiten noch studieren. Das Phänomen hat auch schon einen Namen: „Generación ni-ni"

04.02.2010 | 02:00
„Ich bin faul, ich lebe in den Tag hinein", sagt der 25 Jahre alte Girardo (links).
„Ich bin faul, ich lebe in den Tag hinein", sagt der 25 Jahre alte Girardo (links).

Aldo ist 19 Jahre alt und macht – nichts. Die Schule hat er vor drei Jahren abgebrochen. „Lernen ist doch langweilig", sagt er. Manchmal erledigt er ein paar Gelegenheitsarbeiten für einen Freund. Anstreichen und Renovieren, schwarz natürlich.

Meistens hängt er den ganzen Tag zu Hause vor Fernseher und Computer ab, schaut Serien im TV und Internet, chattet mit seinen Freunden, schaut sich Videos bei Youtube an. Dazu raucht er viele Joints. Er wohnt in Palma bei seiner Mutter, seine Eltern leben getrennt. Irgendein Zukunftsprojekt? „Nein, die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist doch furchtbar."

Aldo ist einer von vielen jungen Leuten auf den Balearen, die weder arbeiten oder eine Arbeit suchen noch zur Schule oder Universität gehen. Laut einer Studie der Stiftung Gadeso vom vergangenen April sind es knapp 12 Prozent der 16- bis 29-Jährigen. Laut anderen Umfragen sind es in ganz Spanien sogar 15 Prozent. Die spanischen Medien haben für die Gruppe der Totalverweigerer den Namen generación ni-ni erfunden. Ni-ni steht für ni estudian, ni trabajan, also Jugendliche, die weder zur Schule gehen noch studieren, noch arbeiten, noch sonstige ernsthafte Interessen verfolgen.

In einer Umfrage des Instituts Metroscopia gaben 54 Prozent der jungen Erwachsenen in Spanien zwischen 18 und 34 Jahren an, kein einziges Projekt zu haben, für das sie sich begeistern. Aldo sagt: „Ich weiß nicht, ob ich ni-ni bin. Aber ja, mir ist alles ziemlich egal."

Der Fernsehsender „La Sexta" hat acht Vertreter der Weder-noch-Generation gar in eine gleichnamige Reality-Doku-Serie gesteckt. Nach „Big Brother"-Manier verbringen sie 24 Stunden gemeinsam in einem Haus und sollen dort von Psychologen innerhalb von drei Monaten zu eigenverantwortlichen Mitgliedern der Gesellschaft aufgebaut werden.

Doch auch Gleichaltrige, die mehr Einsatz zeigen als die No-Future-Jugendlichen, haben es in der aktuellen Wirtschaftskrise, die Spanien im europäischen Vergleich besonders hart trifft, schwer. Laut den Zahlen des statistischen Amts der EU (Eurostat) war im Dezember 2009 die Jugendarbeitslosigkeit (16- bis 25-Jährige) auf 44 Prozent gestiegen, in Deutschland waren es nur 10 Prozent. Auf den Balearen sind mittlerweile mehr als 15 Prozent der mehr als 90.000 Arbeitslosen unter 25 Jahre alt, im spanienweiten Durchschnitt liegt ihr Anteil immerhin fast vier Prozentpunkte niedriger.

Die spezielle Sozialstruktur verschärft das Problem auf den Balearen: Hier haben besonders viele Jugendliche in den vergangenen Jahren vorzeitig die Schule verlassen und – vor der Wirtschaftskrise – das schnelle Geld auf dem Bau oder in der Gastronomie gesucht. Im Jahr 2007 hatten laut einer Erhebung mehr als 44 Prozent der 18- bis 24-Jährigen auf den Inseln kein Abschlusszeugnis.

„In unserer Gesellschaft wird Schul- und Ausbildung nicht genügend wertgeschätzt", sagt die Erziehungswissenschaftlerin Francisca Salva, die an der Balearen-Universität (UIB) lehrt. Längst müsste die hohe Abbrecherquote Chefsache der Regierung sein. So wie mit drastischen Maßnahmen innerhalb kurzer Zeit die Zahl der Verkehrstoten in Spanien reduziert worden sei, so vehement müsste auch am Schulerfolg gearbeitet werden, meint Salva.

Für die Erziehungswissenschaftlerin sind die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit der Weder-noch-Haltung vor allem das Ergebnis eines unzureichenden Schulsystems in einer Konsumgesellschaft, in der schneller Profit und Genuss statt Anstrengung und Disziplin im Vordergrund stehen. „Wir haben kein duales Ausbildungssystem wie in Deutschland, entweder man geht zur Schule oder arbeitet.

In der Schule selbst fehlen Früherkennungsmechanismen, um Schüler mit Problemen besonders unterstützen und fördern zu können. Die Lehrer müssten pädagogisch und psychologisch geschickter vorgehen." Viele Immigrantenkinder hätten Probleme beim Wechsel auf die Schule in Spanien. Aber auch die Eltern würden ihre Kinder oft zu wenig betreuen. „Sie arbeiten lang, sind nicht zu Hause und verwechseln eine anti-autoritäre Erziehung damit, überhaupt keine Regeln zu setzen." Männliche Jugendliche mit schlechten Noten fühlten sich im Klassenzimmer auch in ihren Männlichkeitswerten verletzt, wenn sie von Lehrern gekränkt werden.

Bei Aldo war es damals vor drei Jahren so. In der zweiten Klasse der Sekundarstufe (entspricht der
8. Klasse im deutschen System) hatte den damals 16-Jährigen ein Lehrer vor der versammelten Klasse inklusive seiner damaligen Freundin beleidigt. „Er hat mir gesagt, dass ich Scheiße bin, zu nichts tauge und es zu nichts im Leben bringen werde." Aldo rastete aus, schlug dem Lehrer mehrmals ins Gesicht und flog dann von der Schule. Nicht immer enden die Schulkarrieren so dramatisch wie bei Aldo, aber auch besser gerüstete Gleichaltrige haben keine Illusionen und Ambitionen.

Auf den ersten Blick wirken Sergio (21) und seine Freunde, wie sie in versammelter Runde beim Mittagessen im Selbstbedienungs-Restaurant von Palmas Hippodrom sitzen, wie eine fröhliche Clique. Das entspricht auch ihrer Maxime: „So viel Spaß haben wie möglich." Optimisten sind sie aber nicht. Sergio hat im November seinen Job als Instandhaltungs-Techniker am Flughafen verloren.

Und jetzt? „Ich trainiere Kung-Fu und versuche den Führerschein zu machen." Und dann? „Keine Ahnung. Suchen bringt nichts, aber vielleicht kommt ja irgendein Job daher." Eine Weiterbildung? „Für was soll man sich anstrengen und studieren. Da sind die Chancen auf eine Arbeit auch nicht besser." Der Hobby-Rapsänger mit den auffälligen Glitzer-Ohrringen wohnt in Coll d´en Rabassa bei seinen Eltern, und das wahrscheinlich noch ziemlich lang. „Wie soll ich mich selbst finanzieren in der jetzigen Lage?" Sergio ist Realist.

Schon vor der Krise hatten es junge Erwachsene im Land des mileurismo (Löhne für Vollzeitstellen unter 1.000 Euro), der Kurzzeitverträge und Beschäftigungen, die oftmals nicht dem Ausbildungsstand entsprechen, nicht leicht. Auf den Balearen wohnen nur 20 Prozent der 15- bis 29-Jährigen nicht mehr bei ihrer Herkunftsfamilie, die meisten schaffen den Absprung erst zwischen 27 und 29 Jahren oder auch gar nicht.

Wie in vielen europäischen Ländern auch sehen die spanischen Jugendlichen einer schlechteren Zukunft als ihre Eltern entgegen. Die Jugendlichen nehmen das laut Soziologen mit Konformismus und Apathie. Und manche haben einfach andere Prioritäten. Sie sind nicht ohne Träume. Aber ihre Erfüllung finden sie nicht im Leistungswettbewerb im Büro, sondern zum Beispiel beim Reisen.

„Ich arbeite immer nur so viel, wie ich Geld brauche, dann bin ich wieder unterwegs", sagt Girardo. Damit bezahlt der 25-Jährige seine winzigen WG-Zimmer, sein Essen sucht er oft in den Abfallcontainern der Supermärkte zusammen. So machte er das schon in Barcelona, Kalifornien, Berlin. Girardo ist ein Skater. Um Freunde zu finden, geht er einfach da hin, wo sich die Jungs der Stadt mit ihren Skateboards treffen. In Palma ist das der Parc de sa Riera.

Obwohl an diesem Abend die feuchte Kälte in die Knochen kriecht, hängen über 30 Jugendliche – fast nur Jungs – mit ihren Skateboards am Rand der Betonbahn ab. Kaum einer bewegt sich auf seinem Board, im Halbdunkeln sitzen sie alle eng zusammen unter einem Mauervorsprung. Viele von ihnen passen in das Ni-ni-Schema, sie arbeiten nicht, leben vom Geld ihrer Eltern oder jobben ab und zu schwarz.

Nicht immer aber haben sie sich freiwillig ins Abseits begeben. „Ich langweile mich zu Tode", sagt der 18-jährige César. Seit einem Jahr schon macht er nichts, außer seine Facebook-Seite mit neuen Fotos und Nachrichten zu aktualisieren, sein Zimmer aufzuräumen und nachmittags in den Park zu gehen. Der Venezolaner hat zwar einen Schulabschluss, aber keine gültigen Papiere. „Ohne kann ich keine offizielle Arbeitsstelle bekommen." César hofft, dass er bald kein Ni-ni mehr ist. „Ich will Berufssoldat werden, wegen des guten Verdienstes, von zu Hause ausziehen und eine Familie gründen." Ein ganz normales Leben halt.

In der Printausgabe vom 4. Februar (Nummer 509) lesen Sie außerdem:
- „Junge Erwachsene sind in der Krise auf stand-by": Interview mit dem Soziologen Julio Camacho (60). Er leitet die regelmäßigen Studien des Jugendinstituts (INJUVE) zum Befinden der 15- bis 29-Jährigen in Spanien.

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