Marivent-Palast: Lustwandeln wird zum Bürgerrecht

Die Gärten der königlichen Sommerresidenz in Palma öffnen ab 2. Mai erstmals für Besucher. Darüber freuen sich nicht nur Botanik-Fans

01.05.2017 | 17:55
Fotogalerie: Ein erster Rundgang durch die Marivent-Gärten

Der italienische Urlauber, der im Oktober 2016 auf dem Gelände des Marivent-Palastes von der Polizei aufgegriffen wurde, hätte auch argumentieren können, dass er sich in der Zeit geirrt habe. Der Mann war trotz Verbotsschildern („zona militar") über die Klippen auf das Grundstück gelangt. In Kürze könnte er das Gelände der königlichen Sommerresidenz ganz legal betreten – zumindest etwa ein Drittel davon und zu festgelegten Uhrzeiten.

Wenn ab 2. Mai die Gärten der Anlage erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, ist dies mehr als eine weitere Attraktion für Touristen und Garten- und Parkfreunde. Es ist vor allem ein Symbol: Die Bürger dürfen den Komplex, den die Landesregierung seit Mitte der 70er-Jahre der spanischen Königsfamilie überlässt und der nicht wenige Kosten verursacht, in Zukunft ein bisschen mitbenutzen. Und das ist wohl auch im Sinne der einstigen Besitzer.

Ärger mit den Erben

Im Gegensatz zu anderen königlichen Residenzen in Spanien gehört Marivent (wörtlich: „Meer und Wind") nicht der öffentlichen Körperschaft Patrimonio Nacional, die die Besitztümer des Königshauses verwaltet, sondern der balearischen Landesregierung. Die hatte es 1966 von der Witwe von Ioannes Saridakis übertragen bekommen. Der griechische Kunstsammler hatte den Palast 1923 erbauen lassen, nachdem er als Ingenieur in den Minen von Chile zu Reichtum gekommen war und sich in diese Küstenlandschaft bei Palma verliebt hatte. Saridakis verstarb 1963. Drei Jahre später vermachte seine Witwe Ana Marconi das auch Can Saridakis genannte Anwesen der mallorquinischen Provinzdeputation. Einzige Bedingung: Hier sei ein Kunstmuseum einzurichten. Der damalige Präsident der Deputation, José Alcover, aber überließ den Komplex 1973 dem damaligen Prinzenpaar Juan Carlos und Sofía für ihre Sommerferien. Auf Mallorca versprach man sich damit nicht zuletzt königliche Werbung für die Ferieninsel.

Es folgten Verhandlungen mit den Saridakis-Erben und immer wieder Klagen, bis im Jahr 1988 ein Urteil des obersten spanischen Gerichtshofs für Klarheit sorgte. Marivent blieb im Eigentum der Landesregierung. Die Erben schafften jedoch im folgenden Jahr die ihnen zugesprochenen wertvollen Gemälde, Keramiken sowie Möbel aus dem Palast. 1.300 Kunstwerke und eine 2.000 Bücher umfassende Bibliothek wurden nach Barcelona verschifft. Patrimonio Nacional musste schnell standesgemäßen Ersatz herbeischaffen.

Marivent als Society-Hotspot

Wer das Stichwort Marivent im Archiv sucht, stößt auf eine lange Reihe prominenter Namen – hochrangige internationale Gäste, die sich in den Jahren nach der ersten royalen Sommerfrische 1973 die Klinke der Palasttüren in die Hand geben sollten. Mallorca war Sommer für Sommer in der internationalen Klatschpresse vertreten, mit den heranwachsenden Kindern und Enkeln des Königspaares und den Gästen des Monarchen. Dazu gehörten Gorbatschow, Clinton, der frühere jordanische König Hassan II., das japanische Kaiserpaar, Prinz Charles und Lady Di oder zuletzt Michelle Obama. Marivent war fortan auch ­Schauplatz ­nationaler Politik. Die stets im August angesetzten Unterredungen mit dem jeweiligen spanischen Ministerpräsidenten wurden zu einem festen Bestandteil des Insel-Sommers.

Im Laufe der Jahre bewarben sich viele andere spanische Regio­nen darum, die königliche Familie in den heißen Sommerwochen beherbergen zu können. Marivent aber konnte sich stets behaupten. Dabei spielten sicherlich auch Sicherheitserwägungen eine Rolle: Die dicht bewaldete Landspitze lässt sich sehr gut abschirmen. Und auch wenn Juan Carlos sowie Felipe und Letizia inzwischen nur noch selten auf Mallorca vorbeischauen, bleibt Altkönigin Sofía dem Palast am Meer treu, fühlt sie sich doch in Marivent an ihre griechische Heimat erinnert.

Palast mit Nebenkosten

Die Sicherheitsmaßnahmen wurden im Laufe der Jahre ausgebaut, insbesondere nach gescheiteren Attentatsversuchen auf den König 1995 und 2004. Während diese Kosten im Polizeihaushalt verschwinden, sind die Ausgaben für den Unterhalt, für die die Landesregierung aufkommt, inzwischen dank der Neugierde von königskritischen Linkspolitikern bekannt.

Zu Buche schlagen jährlich für Reinigungsarbeiten mehr als 250.000 Euro, für den Wasserverbrauch gut 90.000 Euro, für die Pflege der Gartenanlagen knapp 85.000 Euro. Allein das Rasenmähen kostet jährlich rund 8.000 Euro – ein Aufwand, der mit der Öffnung der Anlagen nun leichter zu rechtfertigen ist, zumal das Budget im Haushalt 2017 gesenkt wurde. Zwar fließen für Marivent insgesamt 1,4 Millionen Euro, 93.000 mehr als 2016. Doch inbegriffen sind bereits die für die Öffnung nötigen 344.000 Euro. Sie beinhalten die Bauarbeiten – Toiletten, Bänke, Papierkörbe –, Sicherheitsvorkehrungen sowie die Einstellung von Wärtern. Im Vergleich zu 2015 fielen die Wartungskosten dennoch knapp ein Drittel geringer aus, so die Landesregierung.

Teilsieg für die Untertanen

Die Kosten sorgten auch deshalb für Schlagzeilen, weil die seit 2007 beauftragte Reinigungsfirma laut einem Urteil von 2014 die Arbeit fiktiver Arbeiter im Winterhalbjahr in Rechnung stellte und knapp 250.000 Euro an die Landesregierung zurückzahlen musste.

Vor allem aber ist Marivent eines dieser Symbole im ideologischen Hickhack zwischen links-republikanischem und rechts-monarchistischem Lager – zuletzt wurde der mallorquinische Rapper Valtónyc für Songtexte verurteilt, in denen er zur bewaffneten Einnahme der Sommerresidenz aufrief. Friedlich, aber mit Nachdruck verfolgte der balearische Linkspakt sein 2015 im Regierungsprogramm verankertes Ziel, dass auch die Bürger etwas von Marivent haben sollten. Ministerpräsidentin Francina Armengol sprach 2016 erfolgreich bei dem auf Transparenz und Reformen bedachten Felipe VI. für eine Öffnung der Gartenanlagen vor, der Monarch willigte schließlich in ein Abkommen mit der Landesregierung ein.

Es sieht vor, dass sich an der Hauptstraße von Cala Major, wo Schaulustigen sonst vor verschlossenen Türen auf einen schnellen Blick auf die Könige hoffen, das Haupttor für die Besucher öffnet – und zwar neuneinhalb Monate im Jahr, im Sommer von 9 bis 20 Uhr, im Winter von 9 bis 16.30 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos. Geschlossen bleiben die 9.155 Quadratmeter großen Parkanlagen während der Ferien­zeiten der Königsfamilie, zwei Wochen zu Ostern sowie von Mitte Juli bis Mitte September. Für die Sicherheit sorgen Kameras sowie ein „optisch dezentes" Metallgatter um den Palastbereich.

Botanik und Kunst

Nicht nur die Einheimischen, auch die Urlauber sollen künftig auf den Spuren der Königsfamilie wandeln: Palmas Stadtverwaltung hofft, speziell Kreuzfahrer nach Cala Major zu locken und so den Besucher­andrang in der Altstadt ein wenig zu verringern. Info-Tafeln erklären nicht nur die Rundwege, sondern auch die Pflanzen des mediterranen Gartens. Unter den 40 Arten sind Blühpflanzen wie Abelien, Lantana oder Judasbaum, mediterrane Bäume wie Lorbeer, Feigenbaum oder Mispelbaum, aromatische Kräuter sowie Palmen.

Dass sich zwischen Büschen, Bäumen und Beeten zudem zwölf Bronzeskulpturen des mallorquinischen Künstlers Joan Miró bewundern lassen werden, ist einer Initiative von dessen Erben zu verdanken – die Familie stellt die Kunstwerke dauerhaft als Leihgabe. Enkel Joan Punyet Miró verwies Ende März auf die freundschaftliche Bande zwischen Altkönig Juan Carlos und dem 1983 verstorbenen Joan Miró, der wie einst Saridakis Cala Major als Lebens- und Schaffensort gewählt hatte. Womit auch die Kunst wieder nach Marivent zurückkehrt.

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