Aufenthaltsort unbekannt: Mallorca fahndet nach fünf Mangusten

Unerwünschte Einwanderer in der Insel-Tierwelt: Die Suche läuft unter Hochdruck

10.01.2017 | 02:30
Waschbären sind gefräßige Invasoren und Nasenbären sind nicht besser.

Die Medien reagierten kaum, als die Umweltschutzgruppe Gob Mitte Dezember einen Suchaufruf in Twitter verbreitete: „Fünf Mangusten in Sant Jordi entlaufen", hieß es. Dazu wurde die Nummer der Notrufzentrale 112 angegeben, für den Fall, dass jemand die Tiere gesehen hatte. Für den Gob ist die Nachricht eine Katastrophe, bei der Allgemeinheit weckte sie wenig Interesse. Schließlich sind Mangusten keine Säbelzahntiger.

Heimisch sind sie in Schwarzafrika und Asien, wo sie als Schlangenvertilger beliebt sind. Es gibt 33 Arten, darunter auch Mungos (oder Zebramangusten) und die als putzig bekannten Erdmännchen. Doch niedlich sind die knapp einen halben Meter langen Felltiere nur auf den ersten Blick. Ihr scharfes Gebiss verrät sie: Mangusten sind kleine Allesfresser, die Vögel oder Mäuse genauso gern mögen wie Obst und Essensreste. Das hört sich nach starkem Überlebensinstinkt und großer Anpassungsfähigkeit an. Außerdem sind sie „schnell und intelligent", wie Iván Ramos von der balearischen Artenschutzbehörde sagt. Das klingt schon ziemlich beunruhigend.

Zudem können sie sich praktisch das ganze Jahr über paaren, ziehen ihre Jungen in der Gruppe auf und haben auch ansonsten hoch entwickelte soziale Fähigkeiten. Schließlich sind sie geschickte Kletterer, graben auch nach Nahrung und sind beim Lebensraum nicht wählerisch. Und auf Mallorca haben sie keine natürlichen Fressfeinde. Kurz: Werden sie nicht gefangen oder überfahren, dann sind die Mangusten wohl gekommen, um zu bleiben.

Das wäre tatsächlich eine Katastrophe, vor allem für Mallorcas endemische Tierarten: zum Beispiel für den Balearischen Sturmtaucher, Europas gefährdetsten Seevogel, der in Bodenhöhlen an der Küste brütet. Oder für regio­nale Unterarten von Singvögeln wie Grasmücken, Goldhähnchen und Blaumeisen. Oder für die Geburtshelferkröter Ferreret, die zurückgezogen in den Tramuntana-Schluchten lebt und immer wieder kurz vor dem Aussterben steht. Und für die Balearen-Eidechse, die die von den Römern eingeschleppten Raubtiere (Ratten und Katzen) nur deshalb überlebt hat, weil die Eindringlinge damals nicht nach Cabrera und Dragonera vorgedrungen sind. Alle diese nur auf den Balearen heimischen Tiere haben genau die richtige Größe, um einer Manguste den Bauch zu füllen.

Joan Mayol ist deswegen ziemlich verzweifelt. Der Leiter der balearischen Artenschutzbehörde steht kurz vor der Pensionierung und hat in den vergangenen 30 Jahren mit ansehen müssen, wie immer mehr Wildtiere als Haustiere nach Mallorca gebracht wurden. Je höher der Wohlstand und je internationaler die Bevölkerung, desto ausgefallener die Haustiere. „Exoten sind in Mode", sagt er resigniert. Viele büchsen aus, weil die Besitzer zu nachlässig oder unerfahren sind. Manche Tierliebhaber sterben oder ziehen weg oder lassen die Tiere absichtlich frei – immer mit denselben Folgen: „Dann haben wir die Viecher am Hals."

Auch Mayols Artenschutz-Truppe, das Konsortium zum Erhalt der Balearischen Fauna (COFIB), kann davon ein Lied singen: Mehr als 20 fremde Tierarten haben sich mittlerweile auf Mallorca breitgemacht, dazu gehören Asiatische Hornissen, Halsbandsittiche, Hufeisennattern, Amerikanische Sumpfkrebse, Karpfen, Prozessionsspinnerraupen, Waschbären, Nasen­bären und jetzt auch Mangusten.

Nur fünf Mitarbeiter haben Joan Mayol und Iván Ramos für deren Kontrolle zur Verfügung. Die kleine Gruppe ist bei ihrer Arbeit auf die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung angewiesen. „Wir freuen uns über jeden Anruf, wenn jemand ein exotisches Tier gesehen hat", sagt Ramos. „Alleine können wir nicht den Überblick bewahren." Bei besonders hartnäckigen Eindringlingen wie den Wasch­bären werden sogar Lizenzen zum Abschuss gegeben. 57 davon wurden dieses Jahr gefangen und eingeschläfert, sieben tot von der Fahrbahn geklaubt. Von den Nasenbären wurde 2016 einer gesichtet, und einer wurde überfahren.

Derzeit durchforstet die Truppe vor allem das Umland von Sant Jordi, denn die Mangusten haben oberste Priorität. Je mehr Zeit verstreicht, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, die Tiere zu finden. 18 Käfigfallen mit „Lebendfleischködern", so Ramos, sprich Mäusen, haben die Tierfahnder aufgestellt – bis jetzt ohne Erfolg. „Wir haben keine Ahnung, wo sie sein könnten", sagt Ramos. Er weiß auch nicht, ob sie noch in der Gruppe unterwegs sind oder ob sie sich getrennt haben. Hinweise von Anwohnern der Gegend lassen Ramos hoffen, dass zwei überfahren wurden. „Die können sich wenigstens nicht mehr fortpflanzen", sagt er.

Mallorca ist beim Thema Artenschutz wie alle Inseln besonders anfällig. Endemische Arten haben mangels natürlicher Fressfeinde oft geringe Chancen, neue Feinde zu überleben. Das Phänomen wurde schon vor 300 Jahren von Naturforschern auf Pazifik­inseln dokumentiert. „70 Prozent aller ausgestorbenen Arten waren Endemismen auf Inseln oder in Seen", sagt Joan Mayol. „Jede neue Art kann hier eine ökologische Katastrophe auslösen."

Schuld an allem hat im Fall der Mangusten eine vermutlich deutsche Inselresidentin, die nach Joan Mayols Informationen die Tiere im Internet gekauft hat. Leider wurde sie vom Verkäufer zur Haltung der Tiere schlecht beraten. „Die sind sofort über den Zaun geklettert und verschwunden", erzählt er. Belangt oder bestraft werden kann die ehemalige Besitzerin nicht, denn noch ist das Halten von Wildtieren in Europa nicht verboten. Mayol hofft aber auf eine baldige Gesetzesänderung.

Sollte seine Truppe die Tiere finden, wartet vermutlich der Tod auf sie. Theoretisch könnten zwar sie dem Natura Parc in Santa Eugènia oder irgendeinem anderen Zoo geschenkt werden. Doch Javier Álvarez von der Fundació Natura Parc winkt ab: „Mangusten sind keine Tiere, mit denen man Besucher anzieht", sagt er. „Die machen nur Arbeit und kosten Geld."

Liste der invasiven Arten auf Mallorca: http://bit.ly/2hvRXZi

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