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Blog Mallorca-Anekdoten - Thomas Fitzner

Thomas Fitzner

Der Journalist und Autor Thomas Fitzner war stellv. Chefredakteur der MZ und hat mehrere Mallorca-Romane veröffentlicht. Noch mehr Anekdoten gibt es in "Wo zum Kuckuck sind die Palmen?"

Über diesen Blog | Gesellschaft

Anekdoten vom Mittelalter bis in die Gegenwart: Schwedische Könige kommen genauso vor wie Pornos schauende Fußballer, Superhelden in der Tramuntana oder eine Präsidententochter im Rotlichtviertel.


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  • 14
    August
    2017

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    Mallorca Gesellschaft

    Ballermann als Blockbuster

    Einige Filme schaffen es, das Publikum aus den Kinosesseln zu hieven und die Vorführungen zum „Event“ zu machen. Dazu gehören Kultstreifen wie „The Rocky Horror Picture Show“, aber auch ein Mallorca-Film, den Kritiker eher in einer der untersten Schubladen des kulturhistorischen Rankings ansiedeln, obwohl kurzfristig tatsächlich ein Kult entstand: „Ballermann 6“, koproduziert von Bernd Eichinger, sorgte für die Expansion des „neuen deutschen Films“ in die Niederungen des komplexfreien Unterhaltungskinos und ärgerte die Mallorquiner maßlos.

    1997 uraufgeführt, erzählt der Film die Geschichte von „zwei ebenso chaotischen wie ­ausgesprochen blöden Freunden aus Köln“, die nach Mallorca fliegen, „um sich im von deutschen Pauschaltouristen gefeierten Kneipen- und Tanztempel Ballermann 6 zu betrinken“ („Filmlexikon“). Dort erleben die beiden Prachtexemplare der Gattung „deutscher Chaos-Urlauber“ rund um die ewigen Ballermann-Themen Sex, Alkohol und Geldmangel allerlei „Abenteuer“. Der Kritiker des „Filmlexikon“ empfahl dem Kinobesucher dann auch, am besten „das Hirn auszuschalten“, um den Film „weitgehendst unbeschadet“ zu überstehen.Ballermann als Blockbuster

    Obwohl Intellektuelle unisono die Nase rümpften – oder genau deshalb –, wurde „Ballermann 6“ zum Phänomen, dem sich selbst höchste mediale Sphären annahmen, weil man am Thema nicht vorbeikam. So berichtete „Der Spiegel“ einiger­maßen fassungslos: „In manchen Lichtspielhäusern sorgte das Ballermann-Fieber in den vergangenen Tagen für groteske Szenen – die Saufschlacht fand plötzlich im Saal statt.“ Ein Kino sah sich sogar gezwungen, den Film wegen „enthemmter Zuschauer“ aus dem Programm zu nehmen: „Sie grölten, sie tranken und forderten die Platzanweiserinnen zum Striptease auf.“

     

    Nicht nur auf Mallorca, in ganz Spanien wurde „Ballermann 6“ zum Politikum. Die Tageszeitung „El País“ wies schon im Titel da­rauf hin, dass die Dreharbeiten unter anderem in einem der Lokale eines kurz zuvor ermordeten deutschen Unternehmers stattgefunden hatten (Manfred Meisel), und befand: „All die Jahre der Bemühungen um mehr Qualitätstourismus, der positiven Berichterstattung, um das Image einer Insel der Reichen und Berühmten wie Boris Becker und Claudia Schiffer zu verbreiten – alles für die Katz.“

     

    Für Mallorcas Politiker war der Film möglicherweise der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, denn seit den 90er-Jahren überbieten sich die aufeinanderfolgenden Stadtregierungen von Palma in Bemühungen, Initiativen, Verordnungen und Offensiven, um den Ballermann zu zähmen. Das ist nicht zur Gänze gelungen, aber die unkontrollierten Exzesse gehören der Vergangenheit an – heute finden die kollektiven Besäufnisse unter polizeilicher Überwachung statt, und die Zone gilt beinahe schon als Familien­strand. Zumindest tagsüber.

     

    Dabei ist „Ballermann“ schon lange mehr als der Inbegriff des alkoholschwangeren, deutschsprachigen Party-Urlaubs auf Mallorca, nämlich eine geschützte Marke, deren Inhaber natürlich eine deutsche Firma ist. André Engelhardt von der „A. Engelhardt Markenkonzepte GmbH“ schreibt die Popularität des Phänomens weitgehend den eigenen Marketingbemühungen seit 1994 zu, nachdem er „Ballermann“ als Marke hatte eintragen lassen. Mit der Konsequenz, dass jeder Verein, der eine „Ballermann“-Party veranstaltet, Post von der „A. Engelhardt Markenkonzepte GmbH“ erhält: Die Nutzung des Begriffs ist kostenpflichtig.

     

    Selbst die Wissenschaft hat das Phänomen unter die Lupe genommen, allen voran der Unterhaltungswissenschaftler Sacha Szabo, der in „Ballermann. Das Buch“ zu dem Schluss kommt: „Wenn wir das soziale Phänomen beschreiben, das sowohl das Treiben am Strand von Arenal als auch eine Ballermann-Party im Ruhrpott auszeichnet, dann handelt es sich um eine Art ‚rauschhafter Vergemeinschaftung‘.“

     

    Einen Vorläufer des Ballermann hat Jan Lammers in der früheren MZ-Kolumne „I això, d’on ve?“ beschrieben. Bis zum Abriss der Stadtmauern von Palma seien die Lebensbereiche auf der Insel klar zweigeteilt gewesen: innerhalb und außerhalb der Stadtmauern. Da in der Stadt eine Steuer auf Tabak, Alkohol und bevorzugte Lebensmittel eingehoben wurde, entstand außerhalb der Stadtmauern, was Lammers „eine erste Variante des heutigen ‚Sauftourismus‘“ nennt: „‚Durstige‘ Städter begaben sich außerhalb Palmas (fora portes) auf den Camí de Ronda, einen Feldweg, der den Befestigungsring umgab und an dessen Verkaufsständen der Wein preiswert – da abgabenfrei – angeboten wurde.“

     

    Noch mehr Anekdoten in: Thomas Fitzner, Wo zum Kuckuck sind die Palmen? 101 Anekdoten aus Mallorca. Verlag Fabylon, 2017, 14,90 Euro.

     

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