Mallorca Zeitung

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Erstmals mit Mallorca-Auswanderern: Auch die Schweiz hat ein Format wie "Goodbye Deutschland"

Ein Schweizer Sender zeigt in „Auf und davon“ erstmals auch Mallorca-Auswanderer. So unterscheidet sich das Format von der Vox-Sendung „Goodbye Deutschland“

Otmar Gemperli (li.) hatte im Gegensatz zu Gabor Balogh bereits Gastro-Erfahrung. SRF

Ein abenteuerlustiges Paar oder eine Familie schmiedet einen möglichst abgefahrenen Business-Plan, mit dem sich die Auswanderer den Traum vom Leben unter der Sonne auf Mallorca erfüllen wollen. Die Koffer sind noch nicht einmal fertig gepackt, schon fließen angesichts des anstehenden Abschieds von den Liebsten in Deutschland die Tränen. Nach der Ankunft auf Mallorca folgt dann schnell Ernüchterung – ob wegen Problemen mit der angemieteten Wohnung oder dem Lokal, der wenig erfolgreichen Verständigung mit kaum vorhandenen Spanischkenntnissen oder aufkommenden Krisen, die die turbulente Auswanderung in die Beziehung oder Familie gebracht hat. Auch das Geschäft läuft erst einmal nicht. Große Zweifel an der Auswander-Entscheidung, Geld-Sorgen, Herzschmerz und Pessimismus machen sich breit. Gibt es ein Happy End?

Erfolgsformat über viele Jahre

So oder so ähnlich laufen die Auswanderer-Geschichten des 2006 angelaufenen Vox-Formats „Goodbye Deutschland“ ab. Trotzdem – oder gerade deshalb – hat die Doku-Soap auch nach fast 20 Jahren noch Erfolg.

Das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) zeigt ebenfalls schon seit 15 Jahren ein Auswanderer-Format namens „Auf und davon“. In der aktuellen Staffel mit sechs Folgen, die am 5. Januar angelaufen ist, sind erstmals auch zwei Mallorca-Auswanderer mit dabei, der Schweizer Otmar Gemperli und sein ungarischer Partner Gabor Balogh. Und das Format schafft es, die Zuschauer auch ohne Drama bei der Stange zu halten.

Öffentlich-rechtlich vs. Privat

Beginnen wir mit dem grundlegendsten Unterschied, der einen Großteil der inhaltlichen Differenzen erklärt: SRF ist ein öffentlich-rechtlicher Sender, Vox ein Privatsender. Während die Zuschauer die Auswanderer in „Goodbye Deutschland“ auch der Einschaltquoten wegen immer wieder scheitern sehen müssen, setzt SRF bewusst auf Bodenständigkeit und Erfolgsgeschichten: „Wir begleiten nur Auswanderer, von denen wir auch glauben, dass sie im Ausland erfolgreich sein werden“, bestätigt „Auf und davon“-Produzentin und -Reporterin Regina Buol.

Auswanderer-Projekt: Restaurant in Cala Ratjada

Bewerben könne sich prinzipiell jeder, sofern er ein Projekt hat, dessen Weiterentwicklung der Sender „bildstark“ erzählen kann, so Buol. Gemperli und Balogh etwa wollen in Cala Ratjada ein bestehendes Restaurant renovieren. Daran arbeiten sie bis zur Eröffnung hart. Mit diesem Vorhaben könnten sie auch bei Vox Platz finden. Dafür müsste allerdings einiges schiefgehen oder dramatisiert werden. Künstlich hervorgerufene oder gar ins Drehbuch geschriebene Krisen und Probleme sucht man in den bereits verfügbaren Folgen 1 und 2 von „Auf und davon“ aber vergebens. Allenfalls fällt von der Off-Stimme in ruhigem Ton mal der Satz „Eine turbulente Zeit beginnt.“ „Wir begleiten dokumentarisch und respektvoll, inszenieren nichts. Wir zeigen das Leben der Auswanderer genau so, wie es ist“, betont Regina Buol.

Während die Vox-Auswanderer bezahlt werden und unter Vertrag stehen, gibt es für die Schweizer Protagonisten kein Geld.

Otmar Gemperli und Gabor Balogh. SRF

Zahl der Mallorca-Auswanderer

Bei „Goodbye Deutschland“ sind Mallorca-Auswanderer zudem so zahlreich, dass es einen eigenen Insel-Ableger gibt, „Viva Mallorca“. Dennoch kann man schnell den Überblick verlieren. Beim Schweizer Format gab es in der Vergangenheit nur sehr vereinzelt Bewerbungen von Mallorca-Auswanderern. „Schweden und Kanada sind bei ihnen deutlich beliebter“, weiß Buol. Nichtsdestotrotz: Vielfalt bei den Zielländern sei dem Sender schon aus optischen Gründen wichtig. In den Folgen mit den Mallorca-Auswanderern zieht ein Paar nach Island, eine andere Familie nach Florida. Auch Vox mischt teils Mallorca-Auswanderer in ein und derselben Folge mit Auswanderern zusammen, die es in andere Länder zieht.

Mit zeitlichem Verzug ausgestrahlt

Beide Formate werden oft mit deutlichem zeitlichen Verzug ausgestrahlt. Wie Gabor Balogh der MZ mitteilt, sind sein Partner und er bereits im Februar 2023 auf die Insel gezogen, im März eröffneten sie ihr Restaurant Brisas del Mar. Nach der Winterpause startet es schon in die zweite Saison. Die erste Folge von „Auf und davon“ lief erst knapp ein Jahr später. Im Gegensatz zu Vox strahlt SRF zudem im wöchentlichen Rhythmus jeweils sechs Folgen mit denselben drei Auswanderer-Paaren oder -Familien aus. Sie bilden eine Staffel. Beim deutschen Privatsender gibt es keine derart feste Reihenfolge und auch keine Staffeln.

Und während Vox seine Auswanderer teils über Jahre oder gar Jahrzehnte begleitet, bringt SRF nach einer festen Zeitregelung nur ein Jahr nach der Auswanderung und, in Form des Spin-offs „Auf und davon – das Wiedersehen“, fünf Jahre danach noch ein Update. Die Zuschauer wollen schließlich sehen, wie es den Auswanderern ergangen ist, so Buol.

Werbung und Berühmtheit

Vor allem langjährige Auswanderer von Vox sind in der deutschen Medienlandschaft dank des Formats zu C-Promis geworden – ob Jens Büchner, Daniela Katzenberger, die Robens, Jenny Delüx oder die Mermi-Schmelz. Ankündigungen der Folgen von ihnen durch Vox auf Social Media und regelmäßige Updates über sie taten dafür wohl ihr Übriges. Bei SRF sucht man derart ausgeprägte Werbung oder gar Kooperationen vergebens. Buol fällt allenfalls ein Auswanderer ein, der durch das Format Kultstatus erlangt hat: der Holzfäller Hermann Schönbächler, den der Sender bei seiner Auswanderung nach Kanada begleitete.

So geht Auswandern in der Schweiz: „Auf und davon“, seit 5. Januar immer freitags um 21 Uhr auf SRF1 sowie unter

srf.ch/play/tv und youtube.com (SRF Dok)

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