08. Juni 2019
08.06.2019

Gastgeber der Kreativen und Denker auf Mallorca

MZ-Preise 2019: Die Finca Son Bauló ist eine Institution im deutschsprachigen Kulturbetrieb der Insel. Dabei hatte das der frühere Profi-Fotograf, Musiker und Philosoph Will Kauffmann gar nicht so geplant

08.06.2019 | 01:00
Aus dem Rückzugsort wurde der Lebensmittelpunkt und ein kulturelles Zentrum Mallorcas: Will Kauffmann auf der Kulturfinca Son Bauló.

Wenn Gäste die Finca wieder mal nicht auf Anhieb finden, dann freut es Will Kauffmann ein bisschen. Auch Navigationsgeräte versagen regelmäßig. Einmal kamen Besucher vom Weg ab und strandeten in der Wiese, „die mussten wir dann mit dem Traktor herausziehen", erzählt der 72-Jährige. Eine Zeit lang hatte auf dem Turm der Finca eine weithin sichtbare Europa-Flagge geweht. Das hatte allerdings zur Folge, dass alle möglichen Urlauber eintrudelten, die nach einer Gastwirtschaft und Bier fragten. Die Flagge hat er dann schnell wieder eingeholt. Kauffmann will interessierte Besucher, keine Laufkundschaft. „Bisher hat noch jeder, der wollte, hierher gefunden."

Hierher, das ist die Kulturfinca Son Bauló in der Gemeinde Lloret de Vistalegre. Ein hergerichtetes und ausgebautes mallorquinisches Landgut. Ein ehemaliges Fotostudio. Ein Landhotel. Wichtigste deutschsprachige Kleinkunstbühne der Insel, Anlaufstelle für Künstler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Treffpunkt von Kulturinteressierten, Intellektuellen, Staatsmännern und Philosophen. Gegenpol zu Port d'Andratx. „Eine Oase", sagt Will Kauffmann, einer der drei diesjährigen Träger des MZ-Preises.

Die Geschichte, wie er zu dieser Oase kam, hat Kauffmann sicherlich schon unzählige Male erzählt. Aber sie steht vielleicht stellvertretend für viele Dinge in seinem Leben, die sich halt irgendwie so ergeben haben und nicht geplant waren. In diesem Lebenslauf schwingt das Pendel zwischen zwei scheinbar gegensätzlichen Polen, der Technik und der Kunst. Einerseits absolvierte der 1947 in Bopfingen geborene Kauffmann eine Ausbildung im Maschinenbau. Andererseits lernte er Klavier, Orgel und Posaune und spielte während der Schul- und Studienzeit in Aalen, Nürnberg und Stuttgart in verschiedenen Bands.

Der Profi-Fotograf

In der Fotografie sollten schließlich beide Pole verschmelzen: 1972 kaufte der Deutsche ein alteingeführtes Fotostudio in Frankfurt, absolvierte die Meisterprüfung als Fotograf und eröffnete 1978 im Frankfurter Nordend ein Studio für Werbefotografie inklusive Dachgarten, Palmenhaus und Schwimmbad. „Ich habe 35 Jahre jeden Tag fotografiert", sagt der heute 72-Jährige über die damalige Zeit. Kauffmann spielte in der obersten Liga, wurde mit Preisen ausgezeichnet und in Fachartikeln gewürdigt. Zu seinen Auftraggebern gehörten internationale Konzerne, Banken, Versicherungen, Pharma- und Kosmetikhersteller, Reiseveranstalter, Airlines, Bierbrauer, IT-Firmen. Und neben den Porträts immer wieder die Physik und Mathematik: Kauffmann machte Aufnahmen am Raster-Elektronen-Mikroskop, arbeitete mit High-Speed-Kameras in Gebieten jenseits der menschlichen Wahrnehmung und erfasste Bewegungsabläufe etwa bei Herzkatheteruntersuchungen, Hochgeschwindigkeitsdruckmaschinen oder auch bei Athleten an der Sport-Uni.

Es war Anfang der 80er-Jahre, als sich der Fotograf ein Standbein im Süden Europas aufbauen wollte. Zunächst versuchte er es in Frankreich, aber da habe er sich nicht wirklich willkommen gefühlt. Die Toskana lockte ihn auch, aber die Anreise erwies sich als zu kompliziert – ganz im Gegensatz zu Mallorca, das Kauffmann von Frankfurt aus schnell und spontan erreichen konnte. Nicht er sollte die Finca finden, sondern die Finca ihn. Nachdem er mit Freunden mehrere Tage im Jahr 1984 die Insel abgegrast und Objekte mit der Polaroid festgehalten hatte, stand er dann am Tag des Rückflugs frühmorgens auf dem Grundstück in Lloret de Vistalegre. „Das ist es", sagte er dem Immobilienmakler. Hier roch es nach Freiheit und Abenteuer – eine andere Welt in nur 30 Minuten Entfernung vom Flughafen. Das Gebäude habe er dann gar nicht mehr betreten, meint Kauffmann, und man glaubt es ihm.

Rückzugsort Mallorca

Mit der Finca, die Besucher heute bestaunen, hatte die alte Ruine ohnehin nicht viel gemein. Fünf Jahre wurde renoviert und gebaut, und auch viele scheinbar alte Elemente wie der verzierte Kamin kamen erst jetzt hinzu. Alle Bauphasen hat der Fotograf dokumentiert. Der hohe Raum mit Oberlicht, wo heute die Veranstaltungen stattfinden, entstand bis auf die Innenmauer praktisch neu. Gedacht war er als Fotostudio. Die Finca sollte nicht nur Rückzugsort, sondern auch kreative Außenstation sein. Die Künstler, die Kauffmann für Plattencover etwa von Bellaphon oder Ariola in Szene setzte, reisten ohnehin lieber nach Mallorca als nach Frankfurt, „und wenn sie schon einmal hier waren, dann haben sie auch gleich ein Konzert gemacht" – der Kern der heutigen Kulturfinca.

So kam eines zum anderen, ein fließender Übergang, „Entwicklungen, die ich nicht forciert habe". So, wie immer mal wieder Konzerte stattfanden, so blieben mit der Zeit nicht nur die Freunde über Nacht, sondern auch Freunde und Bekannte der Freunde. War das nicht schon längst ein Hotelbetrieb? Gut ging das nur bis zum Jahr 1998, als die Behörden an die Tür klopften und wegen der fehlenden Lizenz für den Betrieb eines Landhotels eine saftige Strafe verhängten. Fällig wurden zwei Millionen Peseten – knapp 15.000 Euro. Die Sachlage sei so eindeutig gewesen, dass die damalige Verhandlung ganz schnell zu Ende gewesen sei, meint Kauffmann. Das Gute an dem Schlamassel: Seitdem gibt es nicht nur eine offizielle Lizenz als Agroturismo, auch jeder Mauerstein auf der Finca sei legal. Im ländlichen Mallorca können das schließlich nicht viele Hausbesitzer von sich sagen.

Das Jahr 2002 wurde dann zur Zäsur: Als seine Töchter Abitur machten, habe er mit einem Schlag gemerkt, wie die Zeit vor lauter Arbeit davonrase. Kauffmann löste alles in Deutschland auf und schloss mit der lukrativen Werbewelt ab. „Alle haben gedacht, ich wäre verrückt."

Wie Museumsstücke aus einem früheren Leben ruhen in mehreren Vitrinen und Ecken der Finca analoge Fotokameras verschiedenster Größen und Kategorien. Neben Exemplaren der Marken Polaroid und Leica steht da die Ausrüstung von Hasselblad – Inbegriff der 6x6-Mittelformatkameras. Sie dürfte in 35 Jahren rund drei Millionen Belichtungen absolviert haben, wie Kauffmann ausgerechnet hat. Auch heute will er nichts mehr vom Fotografieren wissen. Nicht etwa, weil ihm die digitale Beliebigkeit und die Handy-Knipserei mit ihren Korrekturprogrammen, Filtern und ohne Einsatz von Handwerk den Spaß verderben. „Ich bedaure, dass ich so viel gearbeitet habe", meint Kauffmann, „ich habe nie fotografiert, was nicht mein Job war."

Das Kapitel ist einfach abgeschlossen, trotz der Faszination und dem handwerklichen Wissen des Profifotografen, das in den Anekdoten rund um jedes Foto deutlich wird. Zum Beispiel die zwei nackten Hintern auf einem Bild an der Treppe. Der ästhetischen Schwarz-Weiß-Aufnahme für einen Pharmakonzern war damals ein aufwendiges Po-Casting vorausgegangen. Das Foto entstand dann oben auf dem Finca-Turm, im sanften Licht der aufgehenden Sonne. Perfekte Formen, perfekte Ausleuchtung.

Praktisch an jedem Objekt auf dieser Finca kann man verweilen und darüber ins Gespräch kommen – von der Schreibmaschine für Blindenschrift über den ausrangierten Wärmespeicher im Garten, der zu einer Skulptur werden soll, bis hin zu einem alten Renault, der auf seine Restaurierung wartet. Einfach mal am Auto herumschrauben, darauf hätte er jetzt Lust, meint Kauffmann. Auch als Förster hätte er gern mal ein paar Jahre gearbeitet oder vielleicht als Glockengießer.

Aber jetzt ist er hauptberuflich Kulturveranstalter und Gastgeber. 52 Veranstaltungen gibt es im Jahr, und auch wenn es die Künstler sind, die sich auf der Kulturfinca bewerben, müssen alle Veranstaltungen besprochen, ­organisiert und beworben werden. „Ich kann die Leute einladen, die ich will", sagt der Deutsche. „Ich könnte zwei Jahre Programm machen ohne einen neuen Kontakt." Die Musiker, Sänger oder Autoren nutzten das Ambiente, um neue Programme zu entwickeln, Dinge auszuprobieren oder Texte zu lernen. „Viele wollen gar nicht weggehen, und ich muss sie wegschicken", meint Kauffmann verschmitzt.

Das kulturelle Zentrum

Dabei ist es nicht so, dass sich die Künstler mit seinem Geschmack decken müssen. Aber sie sollen eine Lücke füllen in Mallorcas Kulturprogramm. Mit dem „Nocturne" von Chopin brauche ihm da niemand zu kommen. „Wenn du nicht wärst, wüssten wir nicht, wohin wir gehen", bekommt der Gastgeber oft zu hören. Zu den wichtigsten Veranstaltungen in all den Jahren zählt Kauffmann die Konzerte des verstorbenen Jazzpianisten und Freundes Paul Kuhn, eine mehrtägige Dalí-Ausstellung und Performance sowie eine Diskussionsreihe über Angst. Es sprachen aber auch Politiker über internationale Sicherheit, es sang Konsulin Regina Lochner, oder die deutschen Residenten diskutierten bei Wahl-Partys die Hochrechnungen der Bundestagswahlen. Einmal im Monat ist Autoren-Salon, es wird geschrieben, gelesen, analysiert, diskutiert. In der von Fluktuationen bestimmten deutschsprachigen Mallorca-Community ist die Kulturfinca eine Konstante, ein sozialer Treffpunkt der sonst so individuellen ausländischen Residenten, ein geografisches wie kulturelles Zentrum der Insel. „Hier müssen alle ein Stück fahren, sei es von Andratx oder von Alcúdia."

So ähnlich wie mit den Künstlern verfährt der Gastgeber auch mit den Hotelgästen – nur ein Teil der elf Zimmer sei auf Buchungs­portalen ausgeschrieben. Er wolle schließlich ­mitbestimmen, wer kommt. Die Gäste können sich auf kulturellen Austausch einstellen, sei es bei den Veranstaltungen oder beim Essen am langen Tisch zusammen mit den Interpreten. Nur eines dürften die Gäste nie erleben: dass Kauffmann selbst auftritt. Seine Posaune hat er auf Mallorca nur ein einziges Mal ausgepackt, wie er sagt. Die Kirchenorgeln der Insel sind ihm entweder zu schlecht, oder es gibt zu viel Publikum, wie etwa in Palmas Kathedrale, wo ihm der Bischof persönlich angeboten hatte, Platz zu nehmen. Und an eines der sechs Klaviere auf der Finca setzt er sich erst nachts, wenn alles still ist.

Was wirklich wichtig ist

„Es ist zu viel, und die Zeit ist zu wenig", sagt Kauffmann. Er wolle jetzt einen Gang runterschalten. Vielleicht komme jemand, der ihn ablöse, zumindest schrittweise, damit er mehr Zeit für andere Dinge finde, gerade auch für seine Familie. Nach zwei Ehen lebt Kauffmann seit sieben Jahren in seiner dritten Beziehung, die Kinder sind drei und vier Jahre alt. Die Prioritäten haben sich verschoben in seinem Leben, spätestens seit dem plötzlichen Tod von Julie Marie. Die Tochter aus zweiter Ehe starb 2010 noch nicht zweieinhalbjährig an einem unentdeckten Blutgerinnsel im Gehirn.

„Man fragt sich, was ist wichtig im Leben", sagt Kauffmann. An oberflächlichen Dingen habe er kein Interesse mehr. Er will sich fordern, seinen Kopf trainieren. Schon seit zehn Jahren schreibe er an einem Buch, einer Einführung in die mathematische Philosophie, die verständlicher als bisherige Werke sein, aber trotzdem dem Thema gerecht werden soll. Ein Projekt für sich selbst, nicht für die Leser. „Es müssen auch Bücher geschrieben werden, die niemand liest."

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