28. Januar 2020
28.01.2020

Als Axel Thorer dem SS-Schergen Otto Skorzeny 1970 begegnete

Ein Essen mit alten Herren in Madrid, in einer Zeit, als Nazis in Spanien gesellschaftsfähig waren

28.01.2020 | 01:00

Eines Tages stand ich – zufällig – in Madrid vor dem Restaurant „Horcher" und ein mit Schmissen behafteter Haudegen kam die Straße entlang und auf mich zu. Mit dem typischen Nachkriegslächeln einer Vorkriegsgröße, bei dem aber kaum mehr angeknipst wurde als eine Drei-Watt-Birne. Vom Horcher hatte ich gehört: das Restaurant der Nazibonzen in Berlin, als es noch Reichshauptstadt war. Ich wusste aber nicht, mit welchem Herrn Horcher ich es zu tun haben würde, wenn ich das Lokal betrat: Vorname Gustav (der Großvater) oder Otto Gustav I. (der Vater) oder Otto Gustav II. (der Enkel), viel zu lange Jahre Koch und Gastgeber des braunen und schwarzen Regimes.

Nun stand ich an der Puerta de Alcalá vor diesem Horcher und es war die SS-Legende Otto Skorzeny (1908–1975), die des Weges kam, um dort zu essen. Da sprach ich ihn an (was ihn freute, denn er wurde sehr gerne erkannt) und fragte: „Entschuldigen Sie, bitte, Sie sind doch Herr Skorzeny, nicht? Sagen Sie, was hat 'Horcher' in Berlin mit 'Horcher' in Madrid zu tun?"

„Den Herrn Horcher persönlich", erwiderte er. „Einst hieß er Gustav, jetzt heißt er Otto, aber so heiße ich schon, deshalb nenne ich ihn Gustavo. Oder Moppy."

Der dem Faschismus gefolgt war von der deutschen zur spanischen Version und an beiden Orten gleich erfolgreich wurde mit seiner nahrhaften Dienstbarkeit. Skorzeny, immer noch ein körperlicher Gigant trotz seines Rentenalters (62 Jahre, 1,92 m), schubste mich rein ins Horcher, stellte mich Don Gustavo vor, und als wir beim Essen saßen, behauptete Horcher, der eigentlich Otto oder Otto Gustavo hieß und dauernd um uns herumschwirrte, Göring könne kein schlechter Mensch gewesen sein, weil er so gerne aß und viel vom Essen verstand. „Ein echter Genießer kann kein Verbrecher sein, und echte Verbrecher sind nie Genießer. Das ist meine Erfahrung, und man hat's an Hitler gesehen. Das war ein Verbrecher, Göring nicht. Gell, Herr Obersturmbannführer?"

Horcher nannte Skorzeny „Herr Obersturmbannführer". Es war der höchste Titel, den er in der SS gehabt hatte. Es klang nicht mal deplatziert 1970 in Madrid und vor allem nicht in diesem Restaurant.

Skorzeny erwiderte nur: „Schmarrn!" Er war ja Österreicher, dort hat das Schimpfwort vernichtende Bedeutung. Ich traute mich allerdings nicht zu fragen, wie er das gemeint hatte: Dass Hitler ein Verbrecher war oder kein Genießer, oder ob Göring kein Verbrecher war, nur weil er gerne viel und gut aß.

Es war eigentlich auch egal. Ich war 30 Jahre alt, unschuldig, weil erst 1939 geboren, und nun hatte sich hier bei Horcher in Madrid ein Guckloch in die Vergangenheit aufgetan. Ich saß davor und starrte auf die letzten Reste der untergegangenen deutschen Epoche, die mir nie einer richtig erklärt hatte, und gegenüber saß einer der Helden dieser Epoche, eben jener Otto Skorzeny, und leider war es faszinierend, was er vor sich hin philosophierte: „Geschichtsschreibung ist immer eine Historie der Sieger. Also ist Satan in Wirklichkeit eine viel positivere Gestalt, als in der Bibel dargestellt, denn die hat Gott geschrieben."

Irgendwie wollte auch ich mich mal in das seltsame Gespräch einbringen. Deshalb kramte ich ein Kompliment raus: „Herr Horcher", sagte ich, „Ihr Name wurde doch geadelt durch Carl Zuckmayer. Der ganze erste Akt von 'Des Teufels General' spielt bei Ihnen im Restaurant. Sie sind ein Stück Literaturgeschichte geworden dadurch."

Skorzeny schwieg, lächelte aber, und Horcher wurde wütend: „Das stimmt doch alles nicht, was der geschrieben hat! So war das nie bei uns. Der Kerl hätte das 'Horcher' rauslassen müssen. Er hat ja auch nie gefragt, ob er uns da reinziehen darf!"

Haben Sie denn „Des Teufels General" gelesen oder gesehen? Besonders der Film war doch sehr gut?...

„So was interessiert mich nicht", erwiderte Horcher und tat beleidigt. „So was schaue ich mir nicht an. Und zum Lesen habe ich sowieso keine Zeit!"

Skorzeny beharrte auf seinem lächelnden Schweigen. Hatte er den Roman gelesen und den Film gesehen? Ich bin mir sicher.

Auch ich schwieg und lernte Geschichte und Benehmen. Horcher hat zum Beispiel darauf bestanden, dass man beim Anstoßen die Gläser nie mit dem Rand berührt, sondern mit den „Bäuchen" – wegen Bakterienübertragung. Das ist nicht dumm. Auf die Gesundheit Gleichgesinnter haben die Nazis sehr geachtet. Und Horcher servierte „Brot a discretion", das ist ein heute verloren gegangener Begriff aus Frankreich und bedeutet: Es werden nur vier Scheiben serviert, mehr ist ungehörig.

Horcher fragte Skorzeny und mich, ob er sich erlauben dürfe, uns als Dessert eine Spezialität des Hauses zu servieren. „Sir Holden", sagte er, „ein Soufflé, das ich erfunden habe" (was eine glatte Lüge war, wie ich heute weiß). Skorzeny nickte für uns beide, monierte aber: „Seit wann haben Süßspeisen, die aus Wien stammen, so dumme englische Namen?" Horcher stammelte etwas und verschwand in der Küche. „Sir Holden" schmeckte fabelhaft, aber was so besonders daran sein sollte, erschloss sich Skorzeny und mir nicht.*

Es bleibt natürlich die Frage, wie es grundsätzlich war im Restaurant Horcher, das es heute noch in Madrid gibt, und da muss ich mich dem damaligen Lebensart-Papst Joseph Wechsberg anschließen. Er schrieb in seinem fabelhaften Buch „Kulinarische Städtebilder": „Ältere Feinschmecker sind vielleicht erfreut: Es hat sich seit 1904?... nichts geändert bei 'Horcher'. Prätentiöse Weinfässer, zu viel Blumen auf den Tischen, Vitrinen an den Wänden?... Und es wird viel flambiert?... In Deutschland könnte das Lokal in der jetzigen Form kaum existieren?...".

Skorzeny und ich mussten nichts bezahlen, wir waren eingeladen von Don Otto, genannt „Gustavo" (der eigentlich als extrem geizig galt). Dafür musste Skorzeny sich als „Obersturmbannführer" ins Gästebuch eintragen, was er tat, aber nach einigem Nachdenken ein „Ex-" davor setzte. Ich unterschrieb als „Zeitzeuge", wofür mir Skorzeny seine gewaltige rechte Pranke zwischen die Schulterblätter klopfte und in ein verhustetes Lachen ausbrach, denn sein Lungenkrebs machte ihm bereits schwer zu schaffen.

Wir verabredeten uns auf ein Wiedersehen in seinem Haus in Alcúdia, aber dazu kam es nie. Er hatte mich, glaube ich, schon vergessen, als er gerade mal 100 Meter weit auf die Puerta de Alcalá zugeschritten war...

* Sir Holden war ein englischer Bankier und Politiker, der um 1900 gelebt hat, und sein Soufflé besteht aus Crêpe, Vanilleeis, Erdbeeren und in Cognac verflüssigter Butter.

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