17. Juli 2020
17.07.2020
Mallorca Zeitung

Tourismusminister im Interview: "Wir müssen akzeptieren, dass dieses Jahr anders ist"

Iago Negueruela verteidigt die harte Hand der Balearen-Regierung auf Mallorca und erklärt, welche Rolle der Druck aus Berlin bei der Angelegenheit gespielt hat

17.07.2020 | 11:28
Der balearische Tourismusminister Iago Negueruela im Interview.

Mit ungewohnt scharfen Worten hatte sich der balearische Tourismusminister Iago Negueruela am Mittwoch (15.7.) gegen jene Urlauber ausgesprochen, die durch ihr Verhalten die Gesundheit anderer und die Wirtschaft einer ganzen Region aufs Spiel setzen. Am Tag danach erklärte er in diesem Interview mit der MZ-Schwesterzeitung "Diario de Mallorca" seine Gründe. Dabei habe auch der Druck der deutschen Bundesregierung eine Rolle gespielt.

Sie waren sehr resolut mit ihrer Aussage, dass es exzessive Urlauber gibt, die wir nicht wollen. Kann es sich Mallorca erlauben, in einem Jahr, in dem wahrscheinlich weniger als die Hälfte der 2019 registrierten Urlauber kommen, auf Gäste zu verzichten?
Wir können uns bestimmte Urlauber nicht erlauben, eben wegen des Ziels, die Saison zu retten. Wir haben Aussagen eines deutschen Ministers gehört, der sich explizit auf die Bilder von unseren Inseln bezog. Alle Regierungen betonen, dass Vorsicht geboten ist und die Gesundheit nicht aus Gründen des Freizeitvergnügens gefährdet werden dürfe. Wir müssen akzeptieren, dass dieses Jahr anders ist, und bestimmte Dinge verhindern, von denen die Gesundheitsexperten sagen, dass sie ein großes Risiko für unsere Bürger und Gäste bedeuten. Es geht nicht darum, ob wir uns erlauben können, bestimmte Urlauber zu verlieren. Wir können uns nicht erlauben, dass diese kommen.

Erstmals hat ein Tourismusminister sich so ausgedrückt. Sind damit die Zeiten vorbei, in denen es hieß, der einzige Tourist, der schlecht für die Insel ist, ist der, der nicht kommt?
Unsere wichtigste Wirtschaftsbranche hat in den vergangenen Jahren enorme Anstrengungen unternommen, um sich zu wandeln, weil sie bereits ahnte, dass man sich auf ein anderes Produkt umstellen muss. Wir können nicht vom Massen- und Exzesstourismus abhängen, weil uns das sehr anfällig macht. Wir müssen auf einen Familientourismus setzen, und eine bestimmte Art von Angeboten wollen wir nicht mehr, und wir werden alles in unseren Kräften stehende tun, nicht mehr dorthin zurückzukehren, weil uns das großen Schaden beschert. 

Bedeutet das nicht auch, die Chance zu vertun, junge Urlauber anzulocken, die später in der Zukunft wiederkehren?
Wir waren alle mal jung und haben Urlaub gemacht. Es gibt ein Segment des Tourismus, dass die Inseln nach und nach zurückgedrängt haben und nur noch auf ganz bestimmte Zonen begrenzt ist. Es macht keinen großen Anteil unserer Wirtschaft aus. Das bedeutet nicht, dass man keinen Freizeitspaß haben soll, sondern dass dieser stärker kontrolliert werden muss, vor allem in Momenten wie dem jetzigen, in denen das unbedingt notwendig ist. Urlaub von jungen Leuten muss nicht darin bestehen, auf Autos herumzuspringen oder andere Dinge zu tun, für die wir uns schämen.

Gehen die strengeren Kontrollmaßnahmen auf die Angst davor zurück, dass Deutschland die Ausreise einschränken könnte?
Selbstverständlich. Aber es sind zwei Faktoren. Der erste sind Gesundheitskriterien. Die Experten haben festgestellt, dass bestimmte Aktivitäten ein hohes Risiko darstellen, und deshalb haben wir auf allen Inseln die Vergnügungslokale geschlossen, in denen mehr als 300 Personen zusammenkommen. Und in manchen Gebieten haben wir allein die Außenbewirtung erlaubt. Und trotzdem ist es zu Verhaltensweisen gekommen, die die Gesundheit unserer Touristen und der allgemeinen Bevölkerung gefährden. Kontakte zu fördern, ist im Moment nicht ratsam. Der zweite Faktor: Wenn eine Regierung wie die in Deutschland eine Warnung ausspricht zu einem Zeitpunkt, zu dem wir uns als Urlaubsdestination gerade wieder aufrappeln und enorme Anstrengungen unternommen haben, um die Pandemie unter Kontrolle zu bringen, sind wir zu Maßnahmen gezwungen, die Gesundheit und Wirtschaft von tausenden von Angestellten schützen. Sonst besteht die Gefahr, dass die Saison plötzlich vorbei ist.

Hat Deutschland von Spanien Erklärungen für die zirkulierenden Bilder von den Exzessen auf Mallorca verlangt?
Immer, wenn es solche Bilder gibt und solche Dinge geschehen, fragen die Staaten der EU nach. Diese Nachfragen richteten sich an die spanische Regierung, und diese gab sie an uns weiter. Wir erklärten, dass wir bereits in der Woche zuvor Maßnahmen verhängt hatten und dass wir sicherstellen, dass solche Verhaltensweisen nicht fortbestehen. Und trotzdem gingen diese Verhaltensweisen weiter. Und wir kündigten an, dass wir strenger sein würden, je nachdem welche Gefahren wir beobachten würden. Deshalb haben wir neue Maßnahmen ergriffen, und die gesamte Gesellschaft versteht das. Deutschland erkundigte sich nach der Lage auf unseren Inseln und danach, welche Maßnahmen wir ergriffen hatten. Wir müssen unsere wichtigsten Märkte beruhigen, wenn sie nach solchen Situationen fragen. Unsere Infektionszahlen sind zur Zeit besser als die deutschen. Aber ja, die Antwort lautet ja. Man hat uns danach gefragt, welche Maßnahmen wir ergreifen. Die deutsche Presse hat die Initiative positiv aufgenommen, und es ist eine Botschaft an alle, die uns aus anderen Ländern besuchen, dass solche Verhaltensweisen hier nicht erlaubt sind und dass sie nicht geduldet werden.

Gibt es Schätzungen dazu, wie die Urlauberzahlen dieses Jahr im Vergleich zu 2019 ausfallen?
Das ist sehr schwierig vorherzusagen, weil die Unternehmen das Annullieren der Buchungen stark vereinfacht haben, sogar wenn es Stunden vor der Abreise geschieht. Die Schätzung, dass etwa 40 Prozent der Hotels im August geöffnet haben könnten, wäre bereits beachtlich und eine wichtige Zahl. Bald werden wir feststellen, dass die Arbeitslosenzahlen im Juli besser ausschauen als im Juni, allerdings natürlich nicht im Vergleich zum Vorjahr.

Das Pilotprojekt ließ die Buchungszahlen steigen. War die Verschärfung der Maskenpflicht ein Rückschritt? Sind die Buchungen wieder gesunken?
Das sind zwei verschiedene Schritte, die beide zur selben Strategie der Balearen-Regierung gehören. Die Balearen-Präsidentin Francina Armengol hat wiederholt erklärt, dass man die Wirtschaftsaktivitäten wieder hochfahren muss, damit die Menschen wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren können. Das war lebenswichtig, und man musste es auf sichere Art und Weise tun. Wenn die Buchungen angezogen haben, dann lag das daran, dass wir die Gesundheitssituation unter Kontrolle haben. Und wenn die Experten sagen, dass wir dafür Masken aufsetzen müssen, dann müssen wir das eben tun. Die Gesundheit geht vor, dieser Priorität müssen wir uns anpassen.

Die Betreiber von Diskos, Clubs und Nachtlokalen gehen auf die Barrikaden. Sie argumentieren, dass es besser sei, die Kunden im Innern unter Kontrolle zu haben statt ohne Kontrolle auf der Straße.
Das Argument ist falsch, denn es geht weder das eine noch das andere. In eine Diskothek gehen die Leute um zu tanzen, und das ist sehr schwrierig zu kontrollieren in einem Moment, in dem es gilt, Abstand zu halten. In der Öffentlichkeit wird das Verhalten von der Ortspolizei kontrolliert, die streng gegen Saufgelage vorgeht. Aber die Bürger müssen mehr Verantwortung übernehmen, denn sie setzen ihre eigene Gesundheit aufs Spiel und die ihrer Familie und die unserer Senioren. Wenn das jemand nicht versteht, spricht das von einem enormen Egoismus. Es ist auch nicht die gesamte Branche gegen uns. Die großen Unternehmen des Sektors auf Ibiza, die zu den internationalen Marktführern gehören, haben die Balearen-Regierung unterstützt und erklärt, dass sie lieber geschlossen haben, weil das Risiko groß ist.

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